26.09.1977

ENGLANDNur Briten

Eine sterbende Zoo-Giraffe beschäftigte eine Woche lang die Briten.
Er schwebte 18 Fuß hoch über all unseren Schwierigkeiten. Er ließ uns Nordirland und Rhodesien vergessen, einen Brotstreik, den Tod von Marc Bolan und Maria Callas."
"Er blockierte Telephone, verstopfte Postämter. Er rief die Marine auf den Plan, und als er fiel, bebte die Erde."
So reimte letzte Woche Londons Daily Express" -- was war passiert? War ein Nationalheiliger dem irdischen Dasein entrissen worden, hatte ein königliches Herz aufgehört zu schlagen?
No. Ein Tier war verendet, "Victor", ein Giraffenbulle, 15, im Zoo von Winehester, und eine Nation vergoß Tränen für den entschlafenen "zärtlichen Riesen" ("Daily Mirror").
Denn wenn"s ums Vieh geht, sind die Engländer für jede Schrulle gut, vergessen sie Streiks und Staatsbankrott. Ungeachtet der einst blutrünstigen Fuchsjagden, der Schinderei von Polo- und Military-Pferden, sind viele Briten überzeugt, Tierliebe exklusiv gepachtet zu haben.
So nahmen viele Briten vor einem Jahrzehnt monatelang lebhaften Anteil am fehlenden Liebesglück der Panda-Bärin Chi-Chi, die schließlich im BEA-Jet Erster Klasse aus dem Londoner Zoo nach Moskau geflogen wurde. Dort legten die Wärter sie dem Panda-Mann An-An in den Käfig, dem einzig verfügbaren Partner außerhalb der chinesischen Heimat jener seltenen Säuger.
Doch die beiden Pandas mochten sich nicht riechen -- ganz im Gegenteil zum Giraffen Victor, der den drei Weibchen seines Harems eifrig zugetan war. 18 kleine Langhälse hatte der Zoo-Bulle bereits gezeugt, als er vorletzte Woche beim Besteigen einer seiner Lebensgefährtinnen ausrutschte und nicht wieder auf die Beine kam.
Die örtlichen Feuerwehrleute versuchten es mit aufblasbaren Säcken, die Wärter mit Leitern und Stricken -- vergeblich.
Flugs boten sich Tausende Helfer an, um den gefallenen Liebhaber wieder aufzurichten. Telegramme und Anrufe blockierten Winchester. Ein Schlaumeier empfahl, einen Löwen ins Gatter zu schicken, dann würde Victor schon vor Schreck wieder aufspringen, ein anderer bot Hypnose an. Eine Ölgesellschaft schickte ihr überdimensionales Röntgengerät, mit dem sie sonst Pipelines durchleuchtet.
Photos auf den Frontseiten der Zeitungen, regelmäßige Rundfunkbulletins, TV-Aufnahmen unterrichteten die Öffentlichkeit über das Befinden des Exoten. Der "Guardian" widmete dem Tier einen Leitartikel -- die Zeitung habe so ein Schicksal für die überdimensionalen Tiere schon vor Jahren vorhergesagt.
Schließlich schneiderten Segelmacher der Königlichen Marine dem Bullen eine Leinenhose mit Trägern und versuchten, ihn daran per Flaschenzug hochzuhieven. Trotz Vitaminfusionen und Valium war das wohl zu viel für das sensitive Wesen:
Victor, von Hunderten Zuschauern mit zum V gespreizten Fingern -- von Victor-y (Sieg) -- angefeuert, wankte in den Riemen und verschied. Ein schottisches Museum will den Gefallenen ausgestopft zur Schau stellen.
Er starb an der Liebe, ein Romeo", schluchzten Nachrufer, die auch noch mitteilen konnten, daß, hurra, alle drei Victor-Weibchen trächtig seien. Dem Daily Express" geriet das Epitaph zum nationalen Ethos:
"Nur die Briten waren in der Lage, Schulter an Schulter, Wange zu nasser Wange mit weltkriegswürdigem Kameradschaftsgeist zusammenzurücken für das Leben einer Giraffe."
"In Rußland wäre er als unproduktiv erschossen worden, in Amerika hätte man es nicht erlaubt, sein Liebesleben und seinen Tod im Fernsehen zu bringen, im übrigen Europa aber hätten sie die Schultern gezuckt und nach dem Abdeckwagen gerufen." -- Ja.

DER SPIEGEL 40/1977
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