26.09.1977

SYMPATHISANTENOlle Kamellen

Die Opposition versucht den Filmregisseur Volker Schlöndorff als Sympathisanten der Terroristen zu diskreditieren.
Springers "Welt" versuchte vorletzte Woche ein Stück zu inszenieren, das den Titel tragen könnte: Die gefährdete Ehre des Volker Schlöndorff.
In ihrer Ausgabe vom 13. September berichtete sie von einem Brief des parlamentarischen Geschäftsführers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Gerhard Kunz an SPD-Fraktionschef Herbert Wehner, in welchem Kunz forderte, Schlöndorff das Mandat in der Filmförderungsanstalt zu entziehen. Grund: Der Bundestag könne sich in einer Bundesanstalt des öffentlichen Rechts "nicht durch einen Mann vertreten lassen, der sich als Helfer des Terroristenanwalts Croissant betätigt habe".
Brief und Artikel sind jedoch lediglich eine Neuinszenierung im Rahmen der vehement eröffneten Jagdsaison auf tatsächliche und vermeintliche Sympathisanten bundesdeutscher Terroristen. Schlöndorff über die erhobenen Vorwürfe zum SPIEGEL: "Alles olle Kamellen, kein neuer Fakt."
Tatsächlich hatte die "Welt" bereits vor der letzten Bundestagswahl, als Schlöndorff in der SPD-Wählerinitiative mitarbeitete, berichtet, der "Katharina Blum"-Regisseur sei im Rahmen einer Verurteilung wegen illegalen Waffenbesitzes -- die italienische Polizei hatte bei einer Razzia in der Villa Schlöndorffs bei Florenz eine Pistole gefunden -- im "Zusammenhang mit Terror-Organisationen genannt worden". Gegen diese Behauptung erzwang Schlöndorff gerichtlich eine Gegendarstellung.
Der eigentliche Vorwurf zielte jedoch weiter. Unter geheimnistuerischer Berufung auf "Unterlagen der Sicherheitsbehörden" enthüllte die "Welt" damals außerdem, Schlöndorff gehöre dem Beirat eines Hilfsfonds für RAF-Gefangene an. Dabei hatte der parteilose Filmemacher aus diesem Engagement nie ein Hehl gemacht.
Als Wahlverteidiger im Stammheimer Prozeß gegen den Kern der Baader-Meinhof-Bande vom Gericht entpflichtet, also nicht mehr aus der Prozeßkasse bezahlt wurden, gründete das Anwaltsbüro Croissant einen "Rechtshilfefonds", aus dessen Spenden die Auslagen der Wahlverteidiger beglichen werden sollten. Als "Aushängeschild für die Öffentlichkeit" (Schlöndorff) stellten sich der Schriftsteller Peter O. Chotjewitz, der Stuttgarter Buchhändler Niedlich und Volker Schlöndorff zur Verfügung.
Nun war aber Schlöndorff damals wie heute Delegierter des Bundestags im Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt, und in dieser Funktion schien er der Opposition nicht mehr tragbar. Nach der Wahl jedoch, als die Angriffe auf den international renommierten Regisseur keine Wirkung mehr versprachen, blieb er auch weiterhin unbehelligt im Beirat des Rechtshilfefonds.
Doch nach Bubacks und Pontos Ermordung, nach Croissants Flucht und nach der Entführung Schleyers hat sich die Szene gewandelt. Mit den alten. längst ausgeräumten Vorwürfen wird Schlöndorff erneut ins Terroristen-Umfeld der Sympathisanten abgedrängt.
Dabei ruht der Rechtshilfefonds seit der Flucht Croissants, der für ihn als Treuhänder tätig war. Schlöndorff, Montag vergangener Woche nach Bonn zitiert, weigerte sich, der Forderung der SPD-Fraktionsführung, den Beirat zu verlassen, nachzukommen ("Das finde ich würdelos"), und versuchte in Gesprächen mit den SPD-Abgeordneten Jahn und Meinecke, der gleichzeitig Präsident der Filmförderungsanstalt ist, seine Position klarzumachen.
Die Abgeordneten gaben ihm zu verstehen, daß sie ihn nicht fallenlassen möchten, denn, so Schlöndorff: "Ich habe ihnen gesagt, daß es viele Leute nicht verstehen würden und es als Auftakt einer Hexenjagd ansähen, wenn man jemanden wegen einer solchen Sache das Vertrauen entzieht, das ja auf rein fachlicher Qualifikation beruht."
Die Behandlung des Falles Schlöndorff innerhalb der SPD-Fraktion steht allerdings noch aus. Schlöndorff skeptisch: "Ich bin nicht sicher, daß die Linie durchgeht."

DER SPIEGEL 40/1977
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