26.09.1977

KUNSTAuf hoher Ebene

Kunst-Strategie zwischen Ost und West: Der Moskauer Sammler Costakis hat den Hauptteil seiner modernen Sammlung den Sowjets gestiftet. Der bedeutende Rest ist jetzt in Düsseldorf ausgestellt.
Warm immer der Sammler Georgi Costakis von Besuchen westlicher Museen nach Hause in seine Moskauer Wohnung kam, blickte er an die Wände und stellte aufatmend fest: "Mein Gott, das ist Leben!"
Er sah auf rund 500 Bilder und Plastiken von in der Tat außergewöhnlicher Vitalität -- eine Sammlung, die ganz privat den russischen Aufbruch zur modernen Kunst so vielfältig und dicht veranschaulichte, daß kein Museum damit konkurrieren konnte. Andächtig wallfahrteten Kunsthistoriker und Journalisten, doch auch Prominente wie Igor Strawinski und Jacqueline Onassis in Costakis' vollgehängte sieben Zimmer.
Nun sind dort die Wände kahlgeräumt. Costakis, 65, griechischer Staatsbürger, schickt sich nach einem Leben in Moskau an, einen amerikanischen Alterssitz zu suchen; seine Kunstsammlung aber hat er mit überlegener Strategie auf Ost und West verteilt. Der größte Posten ruht, vorerst, im Depot der Moskauer Staatlichen Tretjakow-Galerie, den immer noch höchst ansehnlichen Rest zeigt Costakis derzeit im Düsseldorfer Kunstmuseum**.
Bemerkenswert sind beide Seiten der Bilder-Transaktion: der Umstand, daß der Sammler rund 200 Werke russischer Kunst legal außer Landes bringen konnte, ebenso sehr wie die Tatsache, daß der Sowjet-Staat mit einer "Entscheidung auf sehr hoher Ebene" (Costakis) den Hauptanteil der Kollektion als Geschenk akzeptiert hat, und zwar nach der Auswahl und zu den Bedingungen des Stifters. Der stellvertretende Kulturminister mußte es Costakis schriftlich geben, seine Hinterlassenschaft werde öffentlich ausgestellt, sobald ein bereits begonnener Museums-Neubau am Moskwa-Ufer fertig ist.
Was das für das sowjetische Kulturklima bedeutet, läßt schon die Düsseldorfer Ausstellung ermessen, die -- laut Costakis -- numerisch rund ein Viertel, dem Wert nach 15 bis 20 Prozent seines bisherigen Bestands ausmacht. Mit Moskauer Museums-Weihen würde endlich, weithin sichtbar, das stalinistische Verdikt gegen die "formalistische" frühe Sowjet-Kunst zurückgenommen.
Denn bei Costakis sind die Vorkämpfer jener nunmehr klassischen Moderne alle vertreten: der mystische "Suprematist" Kasimir Malewitsch und der Expressiv-Abstrakte Wassily Kandinsky, Konstruktivist Wladimir Tatlin und "Produktionskünstler" Alexander Rodtschenko. Zudem jedoch, und das eröffnet auch westlichen Spezialisten noch reichlich Neuland, hat Costakis systematisch Sowjet-Künstler der zweiten Reihe und der zweiten Generation gesammelt.
Malewitsch, sagt der Kunstkäufer und -kenner, möge General im Künstler-Heer gewesen sein, aber man brauche auch rangniedere Offiziere und einfache Soldaten.
Konsequenzen dieser Devise sind nun kräftige Aufwertungen etwa der früh verstorbenen Künstlerin Ljubow Popowa, von der Costakis 31 Gemälde, Graphiken und Entwürfe in den Westen gebracht hat, oder des Farbflächen-Malers Iwan Kljun, von dem in Düsseldorf 25 Werke gezeigt werden. Dabei hat der Sammler schon die -- oft überschätzten -- Moskauer Museumsdepots um 26 Popowa- und 30 Kljun-Gemälde aufgemöbelt.
Und wo nicht das breite Spektrum einer Künstler-Produktion zur Hand ist, werden doch überraschende Werk-Facetten sichtbar: bei Malewitsch beispielsweise impressionistische bis symbolistische frühe Bilder, von Rodtschenko unter anderem "Expressive Rhythmen", die dem späteren "Action Painting" des Amerikaners Pollock ähnlich sehen. Auch hei Olga Rossano-
* Mit Tatlin-"Flügelstütze".
** Bis 31. Oktober. Katalog 102 Seiten; 15 Mark.
wa und Xenia Ender scheint Nachkriegskunst vorweggenommen.
Solchen Trouvaillen hat Costakis, dessen Vater als Tabak-Kaufmann nach Moskau zugezogen war, drei Jahrzehnte lang nachgejagt. Mit einem Posten an der kanadischen Botschaft leidlich unabhängig, stieß er zu einer Zeit auf die frühe Sowjet-Kunst, als sie "vollständig tot" zu sein schien. Nicht einmal die überlebenden Künstler hielten sie mehr in Ehren.
Tatlin etwa, den Costakis noch kennenlernte, zerstörte seine eigenen Reliefs. Nur auf eine "Flügelstütze", ein Zubehör-Teil zu Tatlins phantastischem Flugapparat "Letatlin", das in Privathand gekommen war, mußte der Sammler 20 Jahre lang bis zum Tod des Vorbesitzers warten.
Reichten anfangs bescheidene Mittel für bedeutende Käufe aus, so stiegen allmählich mit dem Ansehen der klassisch-modernen Kunst auch ihre Preise. Heute, urteilt Costakis, sei der einschlägige Sowjet-Markt leer -- nicht zuletzt, weil er selber beispielsweise "so ziemlich alles von Kljun und aus dem Nachlaß der Popowa rund 90 Prozent" aufgekauft habe.
Dafür glaubt er nun auch die Zeit für eine Anerkennung seiner Favoriten durch die sowjetische Öffentlichkeit gekommen. Er verweist darauf, daß Ikonenmalerei und Impressionismus, einst ebenfalls verfemt, schon seit längerem rehabilitiert sind. Auch hat er selbst bei Offiziellen viel, teils verstohlene Sympathie verzeichnet. Und Anfang dieses Jahres durfte im Moskauer Haus des Schriftstellerverbandes eine große Tatlin-Ausstellung stattfinden.
Vor 15 Jahren wollte die Tretjakow-Galerie sich ein Kandinsky-Bild von Costakis gerne schenken lassen, es aber nicht ausstellen. Gewitzigt durch derlei Erfahrung, hat der Sammler jetzt auf exakten Abmachungen bestanden. Nichts aus seiner Stiftung, so ist unter anderem vereinbart, darf verkauft werden, und jedes Werk soll einen Vermerk seiner Herkunft tragen. Ein achtköpfiges Treuhänder-Kuratorium, das mit Professoren und hohen Politbeamten besetzt ist, wacht über die Einhaltung der Klauseln.
Auch seinen ihm verbliebenen Kunstbesitz, der aus Düsseldorf zunächst ins New Yorker Guggenheim Museum geht, will Costakis einigermaßen zusammenhalten. Nur so viel soll verkauft werden, daß der sechsköpfigen Familie Costakis ein auskömmliches West-Leben gesichert ist.
Absatzschwierigkeiten braucht der Sammler nicht zu befürchten. Zur Düsseldorfer Ausstellungseröffnung waren genügend Händler erschienen, um ein ganzes Sowjet-Museum aufzukaufen.

DER SPIEGEL 40/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 40/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KUNST:
Auf hoher Ebene