26.09.1977

KREUZZÜGESoldaten Christi

Ein Beschäftigungsprogramm für den rauflustigen Adel Europas war die „Operation Heiliges Grab“, behauptet der Bestseller-Autor Rudolf Pörtner in seiner Geschichte der Kreuzzüge.
Deus lo volt -- Gott will es", diesen Satz schleuderte Papst Urban II. auf einer Kundgebung des Konzils von Clermont am 27. November 1095 unter die versammelten Christenmenschen. Die Menge reagierte wie Zunder: mit reihenweisen Bekenntnissen und Gelübden. an der Befreiung des Heiligen Landes von den Muselmanen mitwirken zu wollen.
Damit war das "maßloseste, blutigste und folgenschwerste Unternehmen des Mittelalters", wie es Rudolf Pörtner in seinem neuen Buch "Operation Heiliges Grab" nennt, in Gang gesetzt: die Kreuzzüge*. Von 1096 bis 1270 dauerten die christlichen Militärexpeditionen. Betend und raubend, mordend und psalmodierend eroberten, verteidigten und verloren die Kreuzfahrer das Heilige Land.
Dabei ging es zu wie in Schauerromanen. Zeitgenössische Chronisten hielten fest, was an Massakern, Foltern, herzbewegender Frömmigkeit, Beutegier, Skandalen und Pikanterien die Kämpfe begleitete. Etwa der Geiselhandel und das Beuterecht.
Der Normannenherzog Bohemund war den Seldschuken in die Hände geraten. Doch sein Neffe Tankred gab nichts, als Lösegeld für Bohemund gesammelt wurde. Er hatte den Oheim, dessen Stellvertreter er war, gern da "hinten weit in der Türkei" einsitzen.
Onkel Bohemund wieder durfte sich nicht wundern. Als Kollege Balduin von Edessa beim Feinde brummte und die Türken ihn gegen eine hübsche seldschukische Prinzessin, die Bohemund und sein liebevoller Neffe in ihren Besitz gebracht, herausgeben wollten, weigerten sich die beiden. Sie gaben die Dame lieber für 15 000 byzantinische Goldstücke ab.
Der berüchtigten Beutegier der Kreuzfahrer -- nur auf Plündern während der Schlacht stand Nase ab! -- hielt ihre Grausamkeit die Waage. Der famose Bohemund ließ vor Antiochia gefangene Türken metzgermäßig zerlegen und die Stücke öffentlich würzen und braten. Zu Tisch setzte man sich nicht. Das Gerücht, die Barone "mästeten sich mit dem Fett ihrer Gegner", erfüllte auch so seinen abschreckenden Zweck.
Bei der Belagerung von Jerusalem schossen die Franken einen Türken per Schleudermaschine in die Stadt zurück. Mit dem gleichen Gerät schickten die Muslims den Kopf einer christlichen Dame, die sie eine Nacht lang in Gemeinschaftsarbeit vergewaltigt hatten, zurück. Kopfabschlagen war gängiger Brauch, Köpfe schleudern eine Art Spaß.
Dabei hatten die Gegner sachverständigen Respekt vor den Greueln, Listen, Kampftaktiken der anderen, und sie waren ständig bemüht, voneinander zu profitieren. Die christlichen Barone erlernten vom Feind nicht nur wirksamere Kriegstechnik und Taktik. Im Laufe der Zeit eigneten sie sich auch die feineren Sitten des Morgenlandes an. Sie paßten sich an. Je niedriger im Rang, desto schneller. Der einheimische Damenflor war ihnen dabei behilflich. Knappe und Knecht lernten in den zahlreichen Bordellen des Heiligen Landes dessen lockere Töchter kennen -- und heirateten später oft ein ehrbares Mädchen aus christlicher, syrischer, armenischer oder arabischer Familie.
Die Ritter hielten es mehr mit dem Konkubinat -- ohne Scheu vor den
* Rudolf Pörtner: "Operation Heiliges Grab" Econ Verlag, Düsseldorf; 592 Seiten; 36 Mark.
Schranken der Religion und zum Ärger der Kirche. Eine illegale Dreierehe unter Christen mochte noch angehen. Eine Mohammedanerin dabei war dem Klerus zuviel. So drohte das Konzil von Nablus (Palästina), für den Fall des Beischlafs von Ritter oder Knecht mit einer Muslime, den Männern das Abschneiden der Nase und des hauptbeteiligten Körpergliedes an.
An so wohlgefüllter Senkgrube der Geschichte konnte die deutsche Bestsellerindustrie nicht vorübergehen, ohne sie zu leeren. 1976, ein Jahr vor dem Pörtner-Buch, brachte der Bertelsmann-Verlag Johannes Lehmanns Buch "Die Kreuzfahrer" auf den Markt.
Lehmann, von beträchtlicher Erfahrung in Schnellfertigung -- er fing zwei Jahre nach Pörtner an und war ein Jahr früher fertig -, weiß, wie man ein Thema anreißt. Überschriften der Kapitel und Abschnitte erreichen stellenweise Niveau und Kraft einer Boulevard-Zeitung ("Unter Trümmern begraben" -- "Ein Sieg unter dem Bannfluch"). Sonst sieht sein Buch auf den ersten Blick dem Pörtnerschen ähnlich. Auf den zweiten nicht.
Das machte Hans Wollschläger deutlich. Der James-Joyce-Übersetzer hatte schon 1973 sein Buch "Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem" veröffentlicht, das Kennern als knappste und beste deutsche Analyse der Kreuzzüge gilt.
Lehmann hingegen, so rügte Wollschläger, lebe allzusehr aus zweiter Hand in den Mund, das heißt, er vernachlässige die historischen Quellen, und er gehe auch sehr großzügig mit Daten um. Beispielsweise lasse Lehmann die Äbte von Cluny und Clairvaux, Petrus Venerabilis und den heiligen Bernhard, ein halbes Jahrhundert vor ihrem Eingreifen in die Kreuzzüge schon als kleine Kinder an der Propaganda fidei teilnehmen.
Pörtner braucht eine ähnliche Hinrichtung nicht zu fürchten. Er hat exakt gearbeitet, so süffig populär seine eigentliche Erzählung vom Beginn und Ende des Königreiches Jerusalem auch abgefaßt ist. So enthält sein Werk Sonderabschnitte, die dem Leser den zeitgeschichtlichen Hintergrund verdeutlichen.
Der sicherlich aufschlußreichste, Prähistorie der Kreuzfahrerzeit" genannte Teil zeigt die Entwicklung des germanischen Kriegers zum "Soldaten Christi" an, die lange vor den Kreuzzügen begann und in ihnen erst gipfelte. Der Dulder Jesus machte bei den christianisierten Germanen "eine gründliche Metamorphose" (Pörtner) durch. Auf der ältesten bekannten germanischen Darstellung Christi, dem Grabstein von Niederdollerndorf (7. Jahrhundert), erscheint Christus schon als gewappneter Himmelskönig.
Immer mehr wird er in den folgenden Jahrhunderten zum Kriegsgott, zum Schwertarm Gottvaters. Ihm verpflichteten die Priester, wie Pörtner nachzuweisen sucht, in einem mühevollen, langwierigen Prozeß den grundbesitzenden, stets zu Krawall und Raub aufgelegten Adel des Mittelalters.
Diese Adeligen hatten sich in dem fast "staatenlosen Dasein", in den Mittel- und Westeuropa nach dem Ende des karolingischen Reiches verfallen war, zu Rechtsverächtern entwickelt, die nur den eigenen Vorteil kannten.
Die Kirche tat nun zweierlei. Einmal füllte sie allmählich den staatlichen Leerraum, indem sie einen großen Teil der staatlichen Funktionen an sich zog. Zum anderen zähmte sie durch die "Gottesfriedensbewegung" die ritterlichen Rabauken.
In einem klugen Stufenplan legte sie den Schlagetots bei Strafe der ewigen Verdammnis zunächst einmal auf, an den hohen Feiertagen des Kirchenjahres ein wenig vom Morden abzusehen. Etwa von 1040 an forderte sie dann schon an ganz gewöhnlichen Feiertagen Waffenruhe. Und schließlich kam es sogar zu einem "Fehdeverbot" von Mittwoch abend bis Montag früh. Dem frommen Rittersmann blieb nur noch ein betrüblich reduzierter Wochenanfang für Straßenraub und Klopffechtereien mit den Nachbarn.
Die Krönung des zivilisierenden Werkes aber war dann die Verpflichtung des Schwertadels auf Christus als den himmlischen Heerkönig. Die adeligen Räuber wurden Soldaten Christi.
Allerdings, die wollten beschäftigt sein, wenn sie bei Laune bleiben sollten. Welch schöneres, größeres Unternehmen nun konnte man planen, meint Pörtner, als die "Operation Heiliges Grab". Da winkten Himmelssegen und Hurerei, Kampfgetümmel und fette. exotische Kriegsbeute. Das Unternehmen war groß genug, um Zigtausenden Gelegenheit zu geben, sich im Morgenland auszutoben statt daheim.
Wie der militärische Anfang, so das -- vorläufige -- Ende, denn es gab insgesamt sieben Kreuzzüge, den letzten 1270 unter Ludwig IX. dem Heiligen von Frankreich. Als am 2. Oktober 1187 der Sieger Saladin in Jerusalem einzog, hatte er das letzte Kreuzfahrerheer bereits im Juli bei den Hörnern von Hattin vollständig vernichtet. In Damaskus trafen damals Christenköpfe ein, "so zahlreich und wohlfeil wie Wassermelonen". Saladin ließ in Jerusalem keine Köpfe rollen. Vielmehr durfte sich jeder freikaufen. Preis: Mann zehn, Frau fünf, Kind ein Denar. Für die 20 000 armen Flüchtlinge gab es einen Pauschbetrag: 100 000 Denar. Die kamen aber nicht zusammen.
Nach der Beendigung der "Operation Heiliges Grab" gingen die Kreuzzüge zwar weiter, aber nun ohne jede Verbrämung als "Sache der großen Politik ... nationaler Interessen ... und Werkzeuge wirtschaftlicher Expansion".

DER SPIEGEL 40/1977
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