26.09.1977

SCHRIFTSTELLERMesser im Mund

Hunter S. Thompsons Buch „Angst und Schrecken in Las Vegas“, Bestseller in der amerikanischen Drogen- und Underground-Szene“ erscheint in der Bundesrepublik.
Würde er tatsächlich so viel Rauschgift konsumieren, wie er gelegentlich vorgibt, so müßte ihm wohl längst die Schädeldecke weggeflogen sein. Für eine einzige Passage einer Story, bekundet der US-Journalist Runter S. Thompson, habe er einmal 17 Tage recherchiert und dabei Kokain im Wert von 1400 Dollar geschnupft.
Im Buch "Angst und Schrecken in Las Vegas", das jetzt, mit Illustrationen des Zeichners Ralph Stead man, bei "Zweitausendeins" erschienen ist*, verrät Thompson im Detail, welche Reiseapotheke er einmal auf eine Dienstfahrt mitgenommen haben will: "Zwei Beutel Gras, 75 Kügelchen Meskalin, fünf Löschblattbögen extrastarkes Acid, einen Salzstreuer halbvoll mit Kokain und ein ganzes Spektrum vielfarbiger Upper, Downer, Heuler, Lacher ... sowie eine Flasche Tequila, eine Flasche Rum, einen Karton Budweiser, einen halben Liter unverdünnten Äther und zwei Dutzend Knick-und-Riech."
Thompson, "einer der dreistesten und witzigsten Schreiber in Amerika" ("Playboy"), war damals im Auftrag zweier Redaktionen unterwegs. Für "Sports Illustrated" sollte er über ein Motorrad- und Dünen-Buggy-Rennen in der Nevada-Wüste berichten, für das Rock- und Underground-Blatt "Rolling Stone" an einer Bundeskonferenz der US-Bezirksstaatsanwälte über "Narkotika und gefährliche Drogen" teilnehmen.
Beide Zeitschriften hatten den Bock zum Gärtner gemacht. Denn auf der Piste nahm der ständig bekiffte, beduselte und insgesamt ausgeflippte Reporter, der am liebsten in einer heißen Sommernacht voll LSD mit 200 Sachen einen Highway entlangprescht, "bis mir die Bullen wie Ratten mit Colts vorkommen", nur undurchdringliche Sandwolken wahr: "Genauso hätte man sich vornehmen können, einen Schwimmwettkampf zu verfolgen, der in einem mit Talkumpuder statt mit Wasser gefüllten Becken stattfindet."
Aus der mit "1000 Ober-Bullen" überfüllten Drogenkonferenz floh er, Marihuana, Beruhigungspillen und Schnaps im Leib, binnnen 45 Sekunden, indem er im Gedränge vor sich hin brabbelte: "Tschuldigung, mir ist übel, ich glaub', ich muß kotzen."
Gleich darauf aber brachte er in der Bar "einen sportlich aussehenden Bul-
* Hunter S. Thompson: "Angst und Schrecken in Las Vegas". Deutsch von Teja schwaner. Zweitausendeins Frankfurt; 304 Seiten; 1790 Mark.
len um die Vierzig, auf dessen Plastik-Namensschild zu lesen stand, daß er ein Bezirksstaatsanwalt irgendwo aus Georgia war", durch die Mitteilung auf den Horror, in Kalifornien seien "die Süchtigen auf Menschenopfer aus": Erst kürzlich hätten Junkies einer Kellnerin den Kopf abgehackt, "überall Löcher in sie gehauen und ihr das Blut ausgesaugt".
Eine nüchterne Reportage ist das freilich nicht; eher ein wüster verbaler Exzeß über eine "Reise ins Herz des Amerikanischen Traums" (Untertitel)
einen Alptraum. Auf diesem Trip, den Thompson mit seinem Anwalt Oscar Zeta Acosta -- einem bulligen, "Dr. Gonzo" genannten Samoaner -- unternimmt, halluziniert der Autor, seine Großmutter kröche ihm, winzig, mit dem Messer im Mund das Bein hoch.
Mal mit überwachem Bewußtsein, mal in totaler Paranoia kurven und taumeln die beiden Freaks nach einer abstrusen Drogen-Logik durch Las Vegas, schrecken Bürger und Barmänner, überlisten Polizisten und Portiers" ruinieren Fahrzeuge und Hotelzimmer.
Das Neon-Babylon Las Vegas in der Nevada-Wüste wirkt schon bei klarem Kopf als Quintessenz aller amerikanischen Unmöglichkeiten. In Thompsons Drogen-Zerrspiegel wandelt sich der Spießer- und Spieler-Rummel vollends zum monströsen Lachkabinett. Fortwährend purzeln Reales und Irreales durcheinander: "Nur ein gottverdammter Narr würde so etwas schreiben und behaupten, alles sei wahr."
Gerade mit dieser Technik und seiner "wahnwitzigen" ätzenden Prosa" jedoch, urteilte die "New York Times", habe der Autor neue Einsichten in die amerikanische Mentalität ermöglicht. "Ich habe einfach ein Notizbuch genommen und die ganze Geschichte unredigiert aufgeschrieben" -- das ist es, was Thompson nach einer Slang-Bezeichnung für "total durchgedreht" Gonzo-Journalismus nennt.
Nach seinen Jugendjahren in Louisville, Kentucky, in denen das Bürschchen jedes Wochenende im Supermarkt Bier klaute, mit seinen Kumpanen mittels "Bierflaschen-Handgranaten" ganze Villen entglaste und immer mal wieder in den Knast wanderte, hatte sich Thompson zunächst an seriösen Reportagen versucht.
Das 1967 erschienene Buch "Hell's Angels" war nach einem Jahr hautnahen Umgangs auf dem Sozius und beim Saufen mit den kalifornischen Motorrad-Brutalos zustande gekommen -- prompt wurde er am Ende des Schreibprozesses von den Rockern zusammengedroschen.
Seine spezifische Schreibe entwickelte er Ende der sechziger Jahre, als er zu Redaktionsschluß mit einer Titelgeschichte über das Kentucky-Derby für "Scalan's"-Magazin nicht zu Rande kam. Nur um den Chefredakteur abzuwimmeln und den Vorschuß behalten zu können, lieferte er -- ohne Abdruckerwartung -- per Boten Stück für Stück seiner Notizzettel-Impressionen.
"Ich war sicher", sagt Thompson, "daß dies die letzte Geschichte sei, die mir je wieder ein Blatt abnehmen würde." Statt dessen gierte "Scanlan's" nach mehr, Kollegen und Leser gratulierten der Redaktion telephonisch und telegraphisch zu diesem "Durchbruch im Journalismus", und "Rolling Stone heuerte den Außenseiter als politischen Chefreporter an. Thompson: "Ich hatte gefürchtet, in einen Fahrstuhlschacht zu fallen, und landete in einem Pool voller Meerjungfrauen."
Die supercoole und zugleich überhitzte Verquickung von Fact und Fiction, von rationalem Durchblick und Emotion. die zuvor nur der Journalist Tom Wolfe ("Das bonbonfarbene tangerinrot-gespritzte Stromlinienbaby") geübt hatte, hat Thompson seither als hohe Kunst zelebriert.
Er als einziger konnte in einem Atemzug sachkundig Mick Jagger von den Rolling Stones zur Brust nehmen und im nächsten mit Richard Nixon auf dem Rücksitz von dessen Limousine über Football palavern. Mit Drogen, erklärt Thompson, habe er nie gehandelt.
Als er 1974 vor dem Pressezentrum des Weißen Hauses von Türhütern abgewiesen wurde, beschimpfte er diese als "Nazi-Schwanzlutscher" und schaffte es, dennoch eingelassen zu werden -- gegen die Versicherung, derart schmutzige Wörter nicht mehr zu gebrauchen.
Für sein Buch "Angst und Schrecken bei der Präsidentschaftskampagne '72" war Thompson monatelang mit den Kandidaten unterwegs, kiffte reichlich bei jeder Gelegenheit und spritzte sich auch schon mal eine Dosis Adrenalin.
Das Buch über den Jimmy-Carter-Wahlkampf 1976, den er gleichfalls aus nächster Nähe verfolgte, hat er nie geschrieben (demnächst erscheint ein Thompson-Werk über die Haifischjagd). Zu nah und zu sympathisch sei ihm der Erdnußfarmer aus Georgia gewesen, und zu intensiv habe er sich in die Drogen-Szene von Presse und Politikern hinter den Kulissen eingeklinkt: "Zum erstenmal wurde Koks wie Cola konsumiert."
Zwar hält er sich "im Grunde für einen Anarchisten" und fände es besser, "in Singapur eine Opiumhöhle oder in Maine einen Puff zu betreiben oder als bezahlter Killer in Rhodesien zu knallen", aber er schließt auch nicht aus, irgendwann einmal als Senator in der gehaßten Stadt Washington zu wirken. Als Sheriff für den Snob-Kurort Aspen in Colorado war er mit einem "Freak-Power"-Programm immerhin schon einmal im Rennen -- und verlor nur knapp.
Mag sein, daß Thompson, was seinen wahnwitzigen Drogenkonsum betrifft, nur Sprüche klopft. Daß er vielerlei Rauschmittel wie Süßigkeiten einschaufelt, scheint unbestreitbar zu sein. Nach zehn Jahren heftigen Schluckens, Schnupfens und Kiffens, bekannte er gegenüber dem "Playboy", habe er sich erstmals einem medizinischen Test unterzogen und sei für total gesund befunden worden. Der Arzt, laut Thompson: "Ein genetisches Wunder."

DER SPIEGEL 40/1977
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