26.09.1977

MEDIZINIn der Klinik zuwenig Schlaf

Die frühen Weckzeiten in deutschen Krankenhäusern kritisierte Felix Anschütz, Herzspezialist und Direktor der 1. Medizinischen Klinik in Darmstadt, auf dem Internistentag. Sein Vorwurf: Die Genesung der Patienten werde durch Schlafdefizit beeinträchtigt, die Pflegemöglichkeit „grob vernachlässigt“.
SPIEGEL: Herr Professor Anschürz, in deutschen Krankenhäusern werden Patienten zu nachtschlafener Zeit geweckt, ist das ein notwendiges Übel?
ANSCHÜTZ: Es ist kein notwendiges Übel -- obwohl wir bei dem Versuch, den Tageslauf im Krankenhaus zu ändern, auf größte organisatorische Schwierigkeiten treffen.
SPIEGEL: Viele Patienten klagen, sie würden im Krankenhaus zuwenig Schlaf bekommen. Sind die Klagen berechtigt?
ANSCHÜTZ: Wir haben das genauer untersucht und dabei gefunden, daß die von uns befragten Patienten bei sich zu Hause im Durchschnitt pro Nacht 7,42 Stunden, also knapp siebeneinhalb Stunden schlafen. Im Krankenhaus hingegen fand dieselbe Patientengruppe, Schwerkranke und Leichtkranke gemischt, nur 6,36 Stunden Schlaf.
SPIEGEL: Das heißt also, der Patient im Krankenhaus schläft de facto eine Stunde weniger. Woran liegt das?
ANSCHÜTZ: Daran, daß unsere Patienten zu früh geweckt werden. Einige holen den fehlenden Schlaf zwar während des Tages nach, aber es bleibt ein Schlafdefizit.
SPIEGEL: Das Wecken in deutschen Krankenhäusern beginnt etwa um fünf ...
ANSCHÜTZ: Na, da sind Sie aber noch gut dran.
SPIEGEL: ... teilweise schon um vier.
ANSCHÜTZ: Aus einigen Kliniken ist uns sogar eine Weckzeit von drei Uhr morgens bekannt geworden. Hier in unserer Klinik in Darmstadt reicht sie von halb fünf bis etwa halb sechs Uhr morgens.
SPIEGEL: Ist das überall so?
ANSCHÜTZ: Das ist wohl in allen Krankenhäusern so, übrigens auch im Ausland, nur nicht in den großen Sanatorien; dort hat man es mit Leichtkranken zu tun, die nicht gewaschen werden müssen, sondern bis halb acht schlafen und sich selber fertig machen, bis der Doktor kommt.
SPIEGEL: Wenn nun, wie Sie sagen, um drei Uhr morgens geweckt wird, ist das für den Patienten der Beginn des Tageslaufes?
ANSCHÜTZ: Nein, die meisten Patienten schlafen wohl noch mal wieder ein ...
SPIEGEL: ... wenn die laut schwatzenden Putzkolonnen es dazu kommen lassen.
ANSCHÜTZ. Wir haben auch darüber eine Erhebung. Wir fanden, daß in einem Ein-Bett-Zimmer 23mal am Tag, in einem Sechs-Bett-Zimmer aber 280mal im Laufe eines Tages die Tür geöffnet wird. Das Öffnen der Tür ist allerdings nur ein Parameter für die pausenlose Unruhe.
SPIEGEL: Je kleiner das Zimmer, desto mehr Schlaf also?
ANSCHÜTZ: Ja. Wir haben festgestellt, daß in kleinen Zimmern die Patienten im Durchschnitt mit 1,6 Stunden Tagschlaf ihr Defizit wieder einholen. Aber leider haben wir da keine freie Wahl. Vom personellen Aufwand her hat sich gezeigt: Das Vier-Bett-Zimmer ist das Optimale, also das Kostengünstigste.
SPIEGEL: Nun leidet wohl nicht nur die Quantität, sondern auch die Schlafqualität in der ungewohnten Umgebung des Krankenhauses?
ANSCHÜTZ: Wir haben gefunden, daß die Störung des Schlafes einen deutlich negativen Einfluß auf die Erholung des Patienten hat. Übrigens hat sich auch gezeigt, daß die Patienten, sobald sie im Krankenhaus sind, etwa dreimal soviel Schlafmittel zu sich nehmen wie zu Hause -- aber eben mit geringerem Ertrag an Schlaf. Eingeschränkt sind insbesondere die Phasen des sogenannten Tiefschlafs und der für die Regeneration des Organismus besonders wichtige REM-Schlaf, also Traumschlaf.
SPIEGEL: In Ihrem Vortrag beim Internistentag haben Sie die derzeit üblichen Weckzeiten in Krankenhäusern scharf kritisiert und von einer "groben Vernachlässigung der Pflegemöglichkeiten" gesprochen. Wie ist das zu ändern?
ANSCHÜTZ: Das Problem entsteht dadurch, daß es zu den Aufgaben der Nachtschwester gehört, die Patienten, die das nicht selber tun können, zu waschen. Eine Nachtschwester muß bis halb sieben morgens, wenn ihre Schicht endet, sagen wir, zehn oder 15 schwerkranke Patienten waschen und betten. Für jeden braucht sie etwa 15 Minuten. Es ist also eine einfache Rechnung. wann sie anfangen muß, wenn sie bis halb sieben "rumkommen" will.
SPIEGEL: Der Patient fragt sich natürlich, warum kann das nicht die Tagschwester machen?
ANSCHÜTZ: Die Tagschwester kann es nicht machen, weil der Patient spätestens um acht Uhr gewaschen, gebettet und gefrühstückt im Bett liegen muß.
SPIEGEL: Warum?
ANSCHÜTZ: Weil in diesem Augenblick die technischen Assistentinnen, die Laborärzte, die internistischen Ärzte kommen, auch ich komme. Der gesamte Apparat, Ärzte, Schwestern, technisches Personal, Röntgenabteilung, fängt um acht Uhr an zu rotieren.
SPIEGEL: Muß das so sein?
ANSCHÜTZ: Das Problem wäre sofort zu lösen, wenn wir den gesamten Krankenhausbetrieb in die Zeit von zehn bis 19 Uhr legen würden, statt von acht bis 17 Uhr. Aber hier stehen wir vor fast unüberwindlichen Schwierigkeiten. Es ist nahezu unmöglich, Mitarbeiter zu finden, die bereit sind, bis 19 Uhr oder 20 Uhr in der Klinik zu arbeiten.
SPIEGEL: Was ist wichtiger, der frühe Feierabend oder das Wohlbefinden der Patienten?
ANSCHÜTZ: Meine persönliche Antwort ist da eindeutig. Aber ich glaube, und so sagt mir immer wieder unser Personalleiter: Wir sind mit unserer Arbeitswelt -- 40-Stunden-Woche und Arbeitsbeginn acht Uhr -- derart festgelegt, daß an eine Änderung gar nicht zu denken ist.
SPIEGEL: Gibt es nicht andere Möglichkeiten, den Mißstand zu ändern?
ANSCHÜTZ: Ich halte eine organisatorische Umstellung für möglich: Der Tagdienst könnte das Waschen übernehmen, müßte dann aber früher kommen als bisher. Die Weckzeit läßt sich so auf halb sechs morgens hinausschieben.
SPIEGEL: Das finden Sie schon zivil?
ANSCHÜTZ: Ich wäre mit halb sechs schon sehr zufrieden. Aber es müßte dann der gesamte Krankenhausbetrieb, sagen wir, um ein bis zwei Stunden später beginnen.
SPIEGEL: Konnten Sie das in Ihrer Klinik verwirklichen?
ANSCHÜTZ: Bisher noch nicht, aber wir wollen demnächst einen Versuch in dieser Richtung machen. Einen detaillierten Vorschlag für die Änderung der Stationsorganisation, also die Dienst- und Weckzeiten auf der Station, haben wir schon vorliegen. Die Studie stammt von Arbeits- und Medizinsoziologen der Universität Gießen.

DER SPIEGEL 40/1977
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