31.10.1977

RUDOLF AUGSTEINBlut in diesem Land

Das Standbild des tapferen und tüchtigen, des in aller Welt bewunderten Deutschen würde nicht lange unbeleckt bleiben, soviel ließ sich vermuten. Die dem Mogadischu-Handstreich applaudierten, weil er den Regelkreis der Fatalität zu durchbrechen schien, mögen gleichwohl die Staatmacherei nicht, aus der solch perfektes, wenn auch maßgerechtes Handeln hervorgeht.
Anschläge und Attentate in unseren Nachbarländern gelten sicher eher Stammheim als Mogadischu. Aber auch viele, die zustimmend nach Somalia geblickt haben, mögen den maßlosen, den hysterischen Staat nicht, der sich selbst die Zähne zeigt und sein eigenes Wohl mit dem seiner Politiker verwechselt.
Noch ist kein führender Parlamentarier im Nachkriegsdeutschland ermordet worden, wohl aber ein amerikanischer Präsident im Nachkriegsamerika. Und trotzdem sprechen deutsche Parteiführer hinter Panzerglas zu ihren Wählern, was kein amerikanischer Präsident sich zumuten würde. Der Personenschutz, doch wahrlich nur für die wenigen funktionsunerläßlichen Amtsträger angebracht, treibt seltsame Blüten (naturgemäß Scheinblüten, denn ein schlecht ausgebildeter Polizei-Schützer ist schlimmer als gar keiner).
Der See rast, und die Stimmen überschlagen sich. Zitieren wir nicht Strauß und Goppel und auch nicht Alfred Dregger. Ein SPD-Ministerpräsident rät den Bürgern, ihren Urlaub nicht in Algerien zu verbringen, solange dieses Land keine gewaltsame Befreiung von Geiseln zulasse. Das Bundesverfassungsgericht schließt "extremistische" Bewerber vom Referendardienst aus, so daß sie nicht nur nicht Richter und Staatsanwälte werden können (wofür ja einiges spricht), sondern nicht einmal Rechtsanwälte. Und Horst Ehmke, dem Etikett nach SPD-Linker, sieht "viel Blut fließen in diesem Land".
Wahrlich, der Staat ist den Terroristen voll auf den Leim gegangen. Mehr Blut als bei uns war ja in Italien, England, Spanien, Holland geflossen, ohne daß die Staatsmacht sich auf ihre tönernen Füße besonnen hätte.
Warum tönern? Weil die deutschen Terroristen zwar eine deutsche Herausforderung, aber keineswegs isoliert sind. Ihre Stützpunkte liegen jenseits der Grenzen, wo ihre Helfer sich angesichts teutonischer Exzesse verdreifachen. Man wird es leid, und darf doch nicht müde werden anzuzeigen, daß die deutsche Staatsmacht nur zu den maßvollsten, zu den allernotwendigsten Mitteln greifen darf, sonst gefährdet sie Menschenleben zusätzlich und zu allem Überfluß. Man wird wohl nicht, wie die "FAZ", davon ausgehen dürfen, daß die Stellvertreter von Buback, Ponto und Schleyer leichter zu ersetzen wären als die Ermordeten selbst, von einem Ausbluten der Führungsschicht ("FAZ": "Wie eine verlorene Schlacht") kann wirklich nur dies Blatt faseln.
Im Innern unserer Grenzen sieht die Rechnung doch etwa so aus: Jeder fünfte Student freut sich klammheimlich, wie der Göttinger "Mescalero", wenn der Generalbundesanwalt erschossen wird. Das sind etwa 170 000 Studierende.
Ein Zehntel von ihnen, schätzungsweise, sind durch Maßnahmen des Staates, seien sie nun gerechtfertigt oder nicht, aktivierbar. Die hundert erkennbar Kriminellen, die unserer Staatsspitze politisch zu schaffen machen, verfügen also über ein Reservoir für die Rekrutierung des Nachwuchses. Von der Tätigkeit in irgendeiner roten oder schwarzen Hilfe, vom Hausbesetzertum zum aktiven kriminellen Terrorismus ist oft nur ein Schritt.
Empörung der gutbürgerlichen "FAZ"-Machart hilft da nicht, auch kein Vergleich mit Auschwitz (!!!): kein Aufschrei, nun habe schon wieder einer ganz in der Nähe einer Polizeiwache "Baader lebt weiter" gepinselt. Nicht was die "FAZ" schreibt, sondern was der Staat tut, wie er reagiert und ob er überreagiert, ist entscheidend.
Man kann das sicherlich typisch deutsche Spiel der Terroristen mitspielen, indem man, entgegen allem Augenmaß, auf typisch deutsche Weise zuviel tut. Dann können wir so viele Terroristen fangen, wie es nur gibt; am Nachwuchs und an den Stützpunkten im Ausland wird es trotzdem nicht fehlen. So begann dieser Tage ein Artikel nicht in der "FAZ", sondern in Springers "Welt" über die Selbstmörderin Gudrun Ensslin, diese Tochter eines antinazistischen deutschen Pfarrers: "Fanatischer Gerechtigkeitssinn prägte schon die Schülerin."
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 45/1977
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