31.10.1977

„Menschenquälerei ohne Sinn“

Protokoll-Auszüge eines Kanzleramts-Beamten über seinen Besuch bei Baader am 16. Oktober in Stammheim:
Baader war blaß und schien gegenüber Photographien, die mir in Erinnerung waren, sehr gealtert. Das Gespräch dauerte circa 70 Minuten ...
Er schien mir innerlich sehr erregt, sehr nervös und war akustisch zum Teil schlecht zu verstehen, weil er nach meinem Eindruck physische Artikulationsschwierigkeiten hatte. Da ich ihn, wie gesagt, zum erstenmal sah, habe ich keine hinreichenden Anhaltspunkte, wie sehr seine physische und psychische Verfassung von der subjektiven Normallage und von seiner Verfassung in der näheren Vergangenheit abwich. Ich hatte während des Gesprächs den persönlichen Eindruck, daß ihm vor allem die wochenlange Ungewißheit über seine Freilassung und der Wechsel der Hoffnung und Enttäuschung innerlich sehr zu schaffen machte ..."
Inhalt des Gesprächs:
"Terrorismus im Sinne der jetzigen brutalen Aktion gegen unbeteiligte Zivilisten hätten sie, die Häftlinge, nie gebilligt und billigten sie auch jetzt nicht. Die Bundesregierung müsse sich klar darüber sein daß die jetzige zweite oder dritte Generation der RAF die Brutalität weiter verschärfen wird ... Es sei Unsinn, daran zu glauben, sie hätten Aktionen aus den Zellen heraus gesteuert ...
Wären sie, die Häftlinge, schon früher freigelassen worden, hätten sie mit Sicherheit die jetzige brutale Entwicklung verhindern können. Jetzt sei es spät, vielleicht zu spät; er glaube aber doch, daß ihr ideologischer Einfluß auf die jetzigen Terroristen ausreiche, um sie vom falschen Weg abzubringen. Allerdings seien ihnen die jetzt agierenden Leute kaum oder gar nicht persönlich bekannt.
Nach ihrer Freilassung würden sie ihre Zusage, in der Bundesrepublik Deutschland keine Anschläge mehr zu verüben, selbstverständlich halten. Er betonte nachdrücklich, daß sie natürlich auch im Ausland keine militärischen Aktionen, sondern nur zivile Operationen durchführen werden. Beispielsweise sei es für sie sehr wichtig, was im Zusammenhang mit dem Auslieferungsverfahren Pohle in Griechenland politisch gelaufen sei. So etwas verstehe er unter einer zivilen Operation."
*
Am 12. September forderte ein anonymer Anrufer die Sekretärin des Flick-Managers Eberhard von Brauchitsch auf, einen für Brauchitsch bestimmten Brief im Düsseldorfer Parkhotel abzuholen. Dem Brief ist eine Tonband-Kassette beigefügt, die der entführte Schleyer an CDU-Chef Kohl gerichtet hat.
Auszüge:
"Die Situation, in der ich mich befinde, ist auch politisch nicht mehr verständlich. Dies veranlaßt mich, an meine politischen Freunde einen Appell zu richten ...
Wie stümperhaft das Ganze gemacht wurde, beweist der Ablauf des 5. September; und die Kenntnisse, die ich heute über die ungestörten, obwohl leicht erkennbaren Vorbereitungen besitze, zeigen mir, wie wenig die Verantwortlichen in Wirklichkeit über den Terrorismus wissen.
Man kann sich nicht nur auf Computer verlassen, man muß den Computer durch menschliche Gehirne speisen, wenn man richtige Erkenntnisse erwartet. Ich habe nie um mein Leben gewinselt. Ich habe immer die Entscheidungen der Bundesregierung, wie ich ausdrücklich schriftlich mitgeteilt habe, anerkannt. Was sich aber seit Tagen abspielt, ist Menschenquälerei ohne Sinn. Es sei denn, man versucht mit naiven Tricks Entführer zu fangen. Das wäre zugleich mein sicherer Tod ...
Nachdem das Bundeskriminalamt, vor allem bei den vorbeugenden Maßnahmen, eindeutig versagt hat, die Bundesregierung sich offenbar nicht zum Handeln entschließen kann, der Bundeskanzler, dem ich am 23. August in einem von mir erbetenen Termin in Hamburg die tiefe Sorge der Wirtschaft über mangelhafte Sicherheitsmaßnahmen vorgetragen habe, ebenfalls keine Entscheidung trifft, ist es nunmehr Aufgabe der Opposition, die Verantwortlichkeiten klarzustellen und offenzulegen.
Ich bin nicht bereit, lautlos aus diesem Leben abzutreten, um die Fehler der Regierung, der sie tragenden Parteien und die Unzulänglichkeit des von ihnen hochgejubelten BKA-Chefs zu decken."

DER SPIEGEL 45/1977
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