31.10.1977

Aus „Engelchens“ Welt in den Untergrund

Der grüne Rasen neben dem exotischen Gehölz im Garten, auf dem sich so gut Boccia spielen ließ, der gemauerte Grillofen, über den man so einfach aufs Dach der Garage gelangte, und Brudibar, der Pudel, der ebenso leidenschaftlich wie gekonnt die Tennisbälle aus dem Swimming-pool fischte -- Bilder aus Kindheit und Jugend von Christof Michael Wackernagel, kaum zehn Jahre zurück, und doch schon unwiederbringlich dahin.
Die Attribute des Wohlstands verstellen freilich das Bild. Sie verbergen die Kargheit und Sparsamkeit, mit der die Feste bei Wackernagels in Szene gesetzt wurden. Sie sagen nichts über die politische Atmosphäre in diesem Haus, in der fünfköpfigen Familie.
Der Stiefvater war wegen Vorbereitung zum Hochverrat im Nazi-Gefängnis. Jüdische Vorfahren und Verwandte zählen zur Familie, ein kosmopolitischer Familienhintergrund verleiht Prestige: Christof hat auch die schweizerische Staatsangehörigkeit. Das alles erzeugt eine Mischung aus Weltläufigkeit, Widerstand, und Weißer Rose. Da ist man auf der Seite der potentiellen Opfer -- antiautoritär, aufständisch, gegen Macht und Mächtige.
Daneben aber stehen die manchmal messianisch anmutenden Erwartungen, Stammhalter, geistiger Erbe eines begabten, berühmten, früh verstorbenen Vaters zu sein, des Ulmer Theaterintendanten
Peter Wackernagel. Der junge Pennäler reagiert auf die konfliktträchtige Doppelrolle, Opfer und Held zu sein, zwiespältig.
Der strikte Vegetarier, Nichtraucher und Antialkoholiker greift unversehens zu Hasch und Härterem. Er hat frühe Erfolge als Schauspieler, in den Filmen "Tätowierung" von Johannes Schaaf und "Engelchen", neben Helga Anders und Gila von Weitershausen -- und läßt das Gymnasium sausen. Der leise junge Mann steigt jetzt den Alten aufs Dach, Schlagzeug mit dabei, gestikulierend und aufsässig.
Das eigene Konto aus den Gagen erleichtert den Bruch mit daheim. Er zieht um in eine Kommune nach Schwabing, versucht im fernen Lörrach doch noch die Schule zu vollenden, landet bei Verwandten in Basel, desertiert auch dort und ist bald in der Drogenszene drin, untätig, ziellos, abhängig.
Ein Kommissar der Kantonspolizei findet bei ihm Rauschgift, erst grammweise, dann ein ganzes Kilogramm. Er wird wegen Schmuggels verurteilt zu einem halben Jahr Gefängnis. Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Die Entziehungskur in einer Baseler Klinik bleibt ohne Wirkung.
Da rafft er sich selbst auf, siedelt um nach Stuttgart, und mit Unterstützung einer Psychologin gelingt der Abschied vom Rauschgift. Er wird Arbeiter in einer schwäbischen Bibeldruckerei.
Großzügige Zuschüsse der Drogenhilfe ermöglichen den beruflichen Aufstieg. Zusammen mit zwei alten Freunden wird er Besitzer einer Druckerei namens "Fantasia". Die Aufträge kommen auch von Kommunistischen Bänden und von der Roten Hilfe. Zuweilen muß er bei allzu heißem Inhalt das vorgeschriebene Impressum fortlassen. Den Umzug der Druckerei ins Deutschherrenschloß Dätzingen macht er noch mit, dann nimmt er abrupt Abschied vom Unternehmertum.
Er verzichtet, wie für diesen Fall vereinbart, auf seine Besitzanteile.
* 1967 mit Helga Anders in "Tätowierung".
Auch Aufträge vom Film -- Tagesgage 1000 Mark -- lehnt er fortan ab, weil er nun "Wichtigeres zu tun" hat.
Mit dem gleichen Altruismus, mit dem er arme Haschfreunde mitversorgte, mit dem er Drogensüchtigen von der Nadel half, mit dem er die Druckerei finanziell aufpäppelte, widmete er sich nun der Gefangenenhilfe und den Problemen der "Isolationsfolter". Hier kann er die Doppelrolle des Widerständlers und des heldenmütigen Sohnes, auf die er geprägt war, voll ausspielen.
Nun vermengen sich Literatur und Leben: ein bißchen Karl Moor aus Schillers "Räuber", ein wenig Pjotr Werchowenski aus Dostojewskis "Dämonen". Die Grenzen zwischen Theaterwelt und Terrorwirklichkeit beginnen zu zerfließen.
Die Vaterfigur Klaus Croissant, der Anwalt, führt den Eleven in die Szene ein. Als Tonbandtechniker darf er sogar mit zum Stammheimer Prozeß. Er kommt mit den beinahe heiliggesprochenen Häftlingen der Bewegung in hautnahe Berührung: Baader, Ensslin, Meinhof.
Er kämpft erst mal mit den Mitteln des Schauspielers "gegen Imperialismus und Faschismus", dreht Videofilme mit Titeln wie "Vietnam ist in der BRD noch nicht zu Ende", sieht und filmt die Herrschenden und Prominenten auf dem Bonner Kanzlerfest 1976.
Bald gibt"s das Bonner Lichtspiel in Croissants Büro zu sehen, angereichert mit hämischem Kommentar. Gedreht wurde der Film, nach den Feststellungen der Polizei. mit derselben Kamera, mit der die Videobänder vom gefangenen Schleyer belichtet wurden.
Vielleicht war der Rubikon schon längst überschritten, aber noch tauchte er immer wieder mal im bürgerlichen Diesseits auf. Man sieht Wackernagel noch im Sommer auf schwäbischen Volksfesten mit einer Frau und einem Kind. Auch Theaterstücke schaut er sich noch an, sogar schwäbische wie den "Entaklemmer", eine Übertragung von Moliéres "Geizigem" ins alemannische Idiom.
Ab Jahresmitte war er für Freunde aus dem Alltag nicht mehr erreichbar. Und von ihm hörte man nur noch mittelbar. Nach Schleyers Entführung kam die Polizei zu seinem letzten offiziellen Wohnsitz und fand nur noch verkümmerte Reste einer ohnehin nie richtig bürgerlichen Existenz: alte Kleidungsstücke. eine Bücherkiste mit gesammelten Werken von Thomas Mann, unvollständige Musikinstrumente
Sogar über die Krankenkasse, immer noch abgebucht vom Urkonto als Filmdarsteller, vernahm man Lebenszeichen aus der Terrorszene: die Rechnung für eine Röntgenaufnahme des Kiefers. Klaus Croissant, meint die Kripo, habe seine jungen Kombattanten vor dem letzten Gefecht nach Eiterherden im Gebiß fahnden lassen, ähnlich wie die U-Boot-Kommandanten im letzten Weltkrieg, die auch nicht wegen Zahnweh eines Besatzungsmitglieds zum Aufsteigen aus dem feindlichen Meer gezwungen sein wollten.

DER SPIEGEL 45/1977
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