31.10.1977

STADTPLANUNGBleibt der „Jammer“?

Im niedersächsischen Döhren sollen die Bürger bei der Stadtplanung mitbestimmen. Die Initiative ging von der Volkshochschule aus.
Die 6800 Haushalte im hannoverschen Stadtteil Döhren bekamen Post von der Volkshochschule. Doch nicht für "Schneidern und modisches Gestalten", auch nicht für den Kurs "Das Auge und die Brille" wurde darin geworben, sondern für Beteiligung möglichst aller Döhrener an der Neuplanung ihres Wohnbezirks.
"Döhren wird verändert", erfuhren manche wohl zum erstenmal aus dem Papier in ihrem Hausbriefkasten. Und daß sie gar "so gründlich informiert werden" sollen, um "mitreden" zu können, wie es rund um ihren Fiedeler Platz künftig aussehen möchte, war -- als Angebot ausgerechnet der Volkshochschule (VHS) -- den 15 894 Bewohnern dieser Ecke nun gänzlich neu.
Mit Erwachsenenbildung, dem eigentlichen Metier von Volkshochschulen, hat die Aktion gleichwohl zu tun: "Bürgerbeteiligung", sagt Heiner Kreuzer, frisch berufener VHS-Dozent für Sozialwissenschaften, "sollte nicht länger ein Sandkastenspiel bleiben." Damit sie Realität werden kann, ist, wie Kreuzer findet, zunächst Einübung vonnöten·. "Wir wollen dem Bürger helfen, daß er lernt, sich zu äußern."
Daran eben hat es bislang gehapert. Zwar rühmen sich, nicht nur in Hannover, die städtischen Bauverwaltungen allerorts ihrer für jedermann transparent gemachten Planung. Doch die erschöpft sich zumeist in bunten Prospekten und mager besuchten Informationsabenden, auf denen sich eh nur Gruppen zu melden pflegen, die Sonderinteressen durchsetzen wollen. "Da gibt es Knatsch", weiß SPD-Mitglied Kreuzer aus Erfahrung, "und die Bürger, die es angeht, bleiben dann weg."
Und wo es doch zu funktionieren schien, machte die Verwaltung am Ende oft trotzdem, was sie wollte. So konnte sich Kritik an Fehlplanungen meist erst äußern, wenn es zu spät war.
Wie in Hannover, wo das Ihme-Zentrum, ein 300 Millionen Mark teurer Wohn- und Einkaufsgigant, mehr tot als lebendig wirkt und das 100 Millionen Mark teure Kröpcke-Center mitten in der Innenstadt Pleite gemacht hat. Mit alldem hatte die Stadt den Hannoveranern eigentlich mal zeigen wollen, was sie auf dem Bau-Kasten hat und "was eine Gesamtheit sein kann", wie Stadtbaurat Hanns Adrian im nachhinein interpretierte.
Wo Adrian an den Charme von Bauwerken fixiert war, dachte Heiner Kreuzer in seiner Volkshochschule an die Gesamtheit der Betroffenen, als ihm der neueste Beitrag der Stadtplaner zum hannoverschen Flächennutzungsplan auf den Tisch kam: eine 20-Seiten-Broschüre "zur Diskussion" über das neue Döhren. Das war für den Erwachsenenbildner "der Ansatzpunkt, den wir suchten".
Denn das Verfahren, das die Mitarbeit der Döhrener sichern sollte, war wiederum das alte: "Anregungen", so stellte man sich vor, "werden mündlich oder schriftlich vom Stadtplanungsamt entgegengenommen" -- für Kreuzer ein unzureichendes Mittel, "denn auf so bürokratischem Weg werden berechtigte Interessen leicht untergepflügt", womöglich gar nicht erst artikuliert.
Kreuzers Idee, es einmal anders zu versuchen und per Flugschrift auch die Bewohner "mit Breitenwirkung zu informieren" und zu animieren, kam dem letzthin kritisierten Adrian ganz gelegen und war ihm auch nicht neu.
Denn als Baudezernent in Frankfurt hatte Adrian selber vor fünf Jahren das Instrument Volkshochschule nutzen gelernt: Als "der totale Zusammenbruch der Baupolitik und ein ungeheurer Bürgeraufstand" (Adrian) anders nicht mehr aufzufangen zu sein schienen, kam ihm der Gedanke, die Frankfurter über die Volkshochschule zu sachlicher Mitarbeit zu befähigen. Tatsächlich, so erlebte Adrian es, schafften nicht wenige "den Schritt vom motzenden Untertan zum mündigen Bürger".
Was damals die Spannung mindern half, soll jetzt in Hannover dazu dienen, die Döhrener erst einmal richtig aufzuladen. Was mit ihrem Wahrzeichen, dem Döhrener Turm, wohl zu geschehen hat, wenn die Stadtbahn dort künftig über eine eigene Trasse fährt, ob und wie der "Jammer", eine Arbeitersiedlung aus dem 19. Jahrhundert, erhalten bleiben kann -- und wie überhaupt der veraltete Stadtteil mit Lebensqualität ausgerüstet gehörte -, das sollen sie in Arbeitsteams mit Stadtplanern diskutieren und anpacken.
Weder sollen dabei die Planer, so Adrian, "den Bürgern etwas verkaufen", noch sollen die Bürger mit dem Bewußtsein kommen, am Ende doch übervorteilt zu werden: Schiedsrichter zwischen den beiden Parteien, die sie zu Partnern machen will, spielt die Volkshochschule, die damit einen Schritt vom literarischen Zirkel zum gesellschaftlichen Medium vollzieht.
Eine "neue Standortbestimmung" seiner Einrichtungen bereitet der "Deutsche Volkshochschul-Verband" derzeit denn auch vor. "Wir möchten", so Verbandsdirektor Helmuth Dolff in Bonn, "nicht darauf warten, daß die Leute zu uns kommen, sondern von uns aus welche ansprechen, die selbst keine Initiative aufbringen."

DER SPIEGEL 45/1977
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