31.10.1977

Kommando „Hotspur“

Zum erstenmal in der bundesdeutschen Kriminalgeschichte wurden Bundeswehreinheiten für Polizeiaufgaben eingesetzt. In einem Telex des Glücksburger Flottenkommandos ("VS-Vertraulich") ließ Konteradmiral Hans-Helmut Klose am 20. Oktober 14.00 die deutsche Flotte mobil machen.
"Im Zusammenhang mit Entführungsfall Schleyer" sollten Einheiten der Bundesmarine in Ost- und Nordsee, Kattegat und Skagerrak nach einer Segelyacht des Typs "Contest 31 HT" (Name: Tornado-Neuß) Ausschau halten, die vier junge Männer -- nach Ansicht von Fahndern womöglich die Entführer -- am 27. Mai in Neuß am Rhein für einen Törn im niederländischen Ijsselmeer gemietet haben.
Nach einer detallierten Beschreibung der gesuchten Hochseeyacht ("Keine Windfahne, sondern Blechteller") und ihrer Ausstattung ("sieben Schlafplätze ... ein Seefunkgerät Typ Sony 77, womit man fast alle Wellenbereiche abhören kann) lautet der Befehl an "alle deutschen Kriegsschiffe in See":
"rgfbgc 0401 VS-Vertraulich
3. einheiten der flotte, die sportfahrzeuge sichten, auf die die o. a. beschreibung zutrifft, beschatten unauffällig und melden mit Vorrangstufe immediat position, kurs und anzahl der erkennbaren besatzungsangehörigen direkt an das flottenkommando unter dem stichwort -- hotspur -- der name der yacht ist im offenen sprechfunkverkehr nicht zu benutzen bei meldungen aus den bereichen nordsee und skagerrak ist der bsn zu beteiligen.
4. weitere maßnahmen werden vom flottenkommando befohlen. insbesondere sind keine eigenmächtigen behinderungen und durchsuchungen von sportfahrzeugen sowie hilfsersuchen an behördenfahrzeuge vorzusehen. koordination erfolgt durch das flottenkommando. btnnnn
tot 20/1524 z"
Weitere mögliche Maßnahmen: Aufforderung zum Stoppen, Schuß vor den Bug und notfalls Enterung. "Ein Schiff", erläutert ein Marinesprecher im Bonner Verteidigungsministerium, hätte "seine Mittel einsetzen können, um des Verfolgten habhaft zu werden".
Nach Ansicht des Verteidigungsministeriums ist der Antiterroreinsatz der Streitkräfte außerhalb der nationalen Hoheitsgewässer Rechtens. Denn anders als in der Drei-Meilen-Zone, wo ausschließlich Wasserschutzpolizei und Bundesgrenzschutz gegen Kriminelle vorgehen können, stehe Kriegsschiffen nach internationalem Seerecht in internationalen Gewässern ein "Recht der Nacheile" zu, um Straftäter zu verfolgen.

DER SPIEGEL 45/1977
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