31.10.1977

BUNDESWEHRVöllig abgeschaltet

Staatsbürgerlicher Unterricht wird in der Bundeswehr vernachlässigt: Die Ausbilder sind dafür nicht ausgebildet.
Die Bataillonskommandeure und Einheitsführer der Bundeswehr fanden in der vergangenen Woche auf ihren Schreibtischen ein Fernschreiben vor, das sie in Länge -- 2,5 Meter -- wie Inhalt verblüffte.
In dem Telex, Nummer aig 3315, ordnete Generalinspekteur Harald Wust an, daß nach den antisemitischen Vorfällen an der Münchner Bundeswehrhochschule in den nächsten Wochen im staatsbürgerlichen Unterricht vorwiegend die Themen "Nationalsozialismus, Antisemitismus und Rechtsradikalismus" zu behandeln seien.
Wust fügte seinem Befehl eine umfangreiche Literaturangabe bei, die von den "Kriegsbriefen gefallener deutscher Juden" bis zu Joachim Fests Hitler-Biographie reicht. Hinweise aber, wann und wie dieser umfangreiche Stoff von den meist jungen Offizieren verarbeitet werden soll, enthielt das Fernschreiben nicht, wohl aber die Order, neun Unterrichtsstunden für dieses Thema bis Jahresende anzusetzen.
Wieder einmal wurde deutlich, wie einfach es sich politische und militärische Führung machen, wenn sie aus unliebsamen Zwischenfällen und offen zutage tretenden reaktionären Tendenzen in der Armee die Konsequenzen ziehen müssen.
Dann entwerfen Schreibtisch-Obristen Befehle, Schreibtisch-Generale unterzeichnen sie. Die Oberstleutnants und Hauptleute in der Truppe müssen dann sehen, wie sie mit den zusätzlichen Aufgaben fertig werden.
Der Erfolg des Wust-Befehls wird denn auch gleich Null sein. Auf Anfragen, was bisher geschehen sei, antworteten zahlreiche Einheitsführer in der vergangenen Woche: "Wir hatten noch keine Zeit zur Vorbereitung."
Die bisherigen Erfahrungen zeigen zudem, daß die Einheitsführer in einer freien Stunde zwischen Revierreinigen und Fahrschule ihre gerade greifbaren Soldaten zusammentrommeln und ihren Frontalunterricht mit den Worten beginnen werden: "Also Soldaten, Nationalsozialismus ist, wenn ..."
Politische Bildung hat in der Bundeswehr, so das Ergebnis einer wehrpsychologischen Untersuchung, einen "relativ geringen Stellenwert"; der staatsbürgerliche Unterricht falle deshalb "häufig" aus, oder er finde am Freitag statt, wenn das Interesse der Soldaten "mehr oder weniger auf den bevorstehenden Wochenendurlaub ausgerichtet" sei. Ergebnis: Fast 70 Prozent der Teilnehmer schalteten "völlig" ab, Diskussionen fänden nicht statt.
Doch es ist nicht böser Wille allein, wenn in der Armee der staatsbürgerliche Unterricht nichts gilt. Hauptursache ist, wie die Psychologen herausgefunden haben, die "nicht ausreichende Ausbildung der Ausbilder". Die meisten Offiziere und Unteroffiziere fühlen sich überfordert, wenn sie politische Bildung vermitteln sollen; und über Zeitgeschichte haben sie weder in der Schule noch bei ihrer Ausbildung zum Vorgesetzten viel gehört.
Zwar gibt es seit 1973 in der Bundeswehr eine zentrale Dienstvorschrift (ZDv 12/1) für die politische Bildung, das darin angekündigte Programm zur "Aus-, Fort- und Weiterbildung" der Offiziere und Unteroffiziere aber ist bis heute nicht erschienen.
Gute Schieß-Ergebnisse und stramme Haltung bei Inspektionen zählen zudem sehr viel mehr bei Beurteilungen als Diskussionsbeiträge zu dem Thema, warum die Bundesrepublik eine Armee braucht und wofür der Soldat im Ernstfall zu kämpfen hat.
Verteidigungsminister Georg Leber kennt diese Schwächen seit langem. Erst vor wenigen Tagen erklärte er wieder, daß "eigentlich mehr geschehen" müsse. Gleichzeitig verstärkt er aber die Tendenz zum Nur-Soldatentum in der Bundeswehr mit Aussprüchen wie: "Wenn wir das wollten, müßten wir viel mehr Zeit dafür haben. Das würde zum Nachteil des militärischen Auftrags geschehen."
So ist auch der Versuch, nach dem peinlichen Auftritt des unverbesserlichen Hitler-Obersten Hans-Ulrich Rudel im Oktober 1976 vor den Piloten des Aufklärungsgeschwaders "Immelmann", zu einem neuen Traditionsverständnis der Bundeswehr zu kommen, bisher über Stilübungen auf der Hardthöhe nicht hinausgekommen.
Es gibt zwar Entwürfe für einen neuen Erlaß, aber der Eifer der Referenten erlahmte rasch, als der Verteidigungsminister plötzlich Zweifel anmeldete. Leber: "Tradition hat man, oder man hat keine." Und: Die Bundeswehr brauche keine neuen Erlasse, sondern "beharrliches Hineinleben und Hineinpflegen in ein Traditionsbewußtsein".
Bis auf weiteres müssen die Soldaten deshalb mit dem 1965 von Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel unterzeichneten Traditionserlaß leben. Er ist nicht nur nach Belieben auslegbar, sondern enthält auch haarsträubende Formulierungen: "Zur Tradition soldatischer Wertung gehört, daß den Soldaten Zögern schwerer belastet als ein Fehigreifen im Entschluß." Soldatische Tradition könne sich deshalb "nicht nur an Gestalten halten, denen Sieg vergönnt war".
Hasseis Traditionserlaß rechtfertigt schließlich, wie die "Immelmann"-Flieger nach der Bonner Schelte überrascht feststellten, den Besuch des rechtsradikalen Rudel und ehemaliger SS-Kumpel, die sich in der Hiag zusammengeschlossen haben.
In Ziffer 26 heißt es nämlich, daß die Pflege kameradschaftlicher Beziehungen zu ehemaligen Soldaten "niemanden ausschließen" dürfe, "weder örtliche Kameradschafts- und Traditions-Vereine der ehemaligen Wehrmacht noch einzelne Soldaten".
Einen zaghaften Versuch, in der Bundeswehr ein neues Verständnis für Tradition zu begründen, machte bislang nur der Luftwaffeninspekteur Gerhard Limberg. Er gab dem Auditorium maximum der neuen Offizierschule Fürstenfeldbruck nicht den Namen eines alten Kriegshelden, sondern taufte es nach dem jungen Oberleutnant Ludger Hölker. Der 3Ojährige Pilot war 1964 ums Leben gekommen, weil er in seiner trudelnden Maschine blieb, um sie nicht auf eine Ortschaft stürzen zu lassen. Hölkers letzte Worte: "Erst weg von den Häusern."
Limberg: "Vielleicht haben wir zu lange mit einer solchen Ehrung gewartet."

DER SPIEGEL 45/1977
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