31.10.1977

AUTOZUBEHÖRSpannen und überspannen

Fur Autofahrer ist der Kauf von Ersatz- und Zubehörteilen ein Glücksspiel. Selbst bei verbreiteten Produkten haben sich erstaunliche Preisunterschiede eingebürgert.
Der kaufmännische Angestellte Werner Siegbart aus Hamburg, der sein Auto endlich mit einem Radio ausstatten wollte, glaubte zunächst an einen Irrtum. 629 Mark verlangte die Firma Autofunk für ein Blaupunkt-Autoradio Marke Essen Stereo CR. Blaupunkt-Händler Schaefer bot das gleiche Gerät für 469 Mark an. Vier weitere Anrufe bei Kaufhäusern und Händlern machten Siegbart kaum schlauer: Viermal wurden verschiedene Preise genannt.
Preissprünge dieser Güte gehören im Geschäft mit Autozubehör fast zur Geschäftsroutine. Seit Bonn Anfang 1974 die Preisbindung der zweiten Hand aufhob, können die Händler nach Lust und Lage kalkulieren: Solange die Kunden sich nicht aktiv informieren und das beste Angebot heraussuchen, setzen manche Verkäufer Superspannen durch.
Gelegentlich überspannen die Kalkulatoren ihre Preisforderung. Ein unglücklicher Autofahrer, dessen Wagen etwa in der Nähe einer Esso-Tankstelle liegenbleibt, ist schlechter dran als ein Kollege, dem das gleiche Mißgeschick an einer Shell-Tankstelle passiert: Ein mit rotem Kunststoff ummänteltes stählernes Abschleppseil, auf dessen Plastikverpackung der Name Exxon prangt, kostet knapp 14 Mark. Ein identisches Seil -- lediglich die Plastiktüte ist anders bedruckt -- ist bei Shell glatte fünf Mark billiger.
Ein und die gleiche Autoantenne kann in einem Kaufhaus 14,90 Mark kosten, beim Autohändler aber 32,94 Mark. Und selbst mit Motoröl wird unterschiedlich teuer geschmiert. Eine BMW-Niederlassung in Frankfurt etwa verdient an einem Liter Castrol GTX-2 gut 20 Prozent mehr als die Frankfurter Kaufhäuser. "Das ist ganz komisch, das vermischt sich so", kommentiert Castrol-Sprecher Dieter Hardt.
Für den Autofahrer ist der Mischmasch weniger komisch. Kauft er bei Karstadt für 79 Mark einen Drehzahlmesser, so ist ihm ein gutes Geschäft geglückt. Der Apparat ist billiger, als er laut Preisempfehlung des Frankfurter Herstellers VDO sein sollte. Andere Kaufhausangebote jedoch überbieten die Preisempfehlung deutlich: Eine im Kaufhof für 119 Mark erstandene Bosch-Batterie ist beim Werksdienst rund zehn Mark billiger.
Allzu ungerührtes Vertrauen in die Bosch-Vertretungen ist allerdings ebensowenig angebracht. Als ein Cuxhavener Golf-Fahrer vom Firmendienst einen Bosch-Heckscheibenwischer -- in Hamburg für 98 Mark zu haben -- verlangte, paßten die Bosch-Männer: Der gewünschte Artikel sei nicht auf Lager. Das Konkurrenzprodukt von Hella, das sie statt dessen anboten, hatte einen Schönheitsfehler: Der "Wisch-Wasch mit Spritzdüse" kostete 138 Mark.
Branchensprecher pflegen diese Kurssprünge als Folge, wenn nicht als Vorteil der Marktwirtschaft zu verkaufen: Der Konkurrenzkampf treibe nun einmal etliche Händler zu kargen Kalkulationen und verdränge jene aus dem Markt, die allzu üppig aufschlagen.
Doch diese These zieht nur dann, wenn die Autofahrer genügend Zeit und Scharfsinn aufbringen, die beste Offerte herauszusuchen.
Auf Hilfe kann er nicht zählen: Die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher (AgV) sieht keine Chance, mit ihren "minimalen Möglichkeiten" (AgV-Sprecher Thomas Schlier) für mehr Markttransparenz zu sorgen. Die meisten der 150 westdeutschen Beratungsstellen arbeiten als "Ein-Mann-Unternehmen". Finanziell "hält man uns einfach knapp, damit wir nicht zuviel Ärger machen", murrt ein AgV-Mann.
Auch das Institut für angewandte Verbraucherforschung bei Köln weiß wenig. Wenige Wochen nachdem die Forscher sich vorgenommen hatten, den chaotischen Markt der Autoreifen zu untersuchen, resignierten sie.
Als den Wissenschaftlern dämmerte, wie viele tausend Verkaufsorte sie zu überprüfen hätten und welche verschiedenen, auch dem informierten Laien unverständlichen Unterschiede ein einziger Reifentyp (Fabrikation im Ausland oder in der Bundesrepublik, Güte-Klasse I oder II) aufweist, gaben sie ihren Plan wieder auf.
Von den professionellen Preisprüfern allein gelassen, muß der Autofahrer sich auf sein Glück und auf seine Findigkeit verlassen. Wer im Hamburger Autozubehör-Handel seinem alten Opel Rekord einen Fichtel & Sachs-Stoßdämpfer für 36,80 Mark gönnt, kann froh sein, einer Opelwerkstatt (46 Mark) entgangen zu sein. Ob es nicht noch billiger hätte sein können, wird er kaum erfahren.
Gerade in den Auto-Werkstätten sind seit Aufhebung der Preisbindung die Kalkulatoren mobil geworden. Die Entwicklung geht nicht etwa nach unten, wie von den Wettbewerbs-Hütern erhofft, sondern durchweg nach oben.
Nach Bedarf und Belieben kalkulieren die Vertrags-Händler aller bekannten Fabrikate Aufschläge auf die Unverbindlichen Preisempfehlungen der Hersteller und machen einen guten Schnitt dabei. "Die Preise für Reparatur-Teile sind", so der Allianz-Experte Max Danner, "en bbc nach oben gegangen."
Preisunterschiede von zehn bis 15 Prozent für gängige Teile wie Kotflügel, Stoßfänger und Scheinwerfer sind bei Hamburger Vertragshändlern von Opel und Ford, VW und BMW durchaus üblich.
Preisdifferenzen bis zu 30 Prozent nach oben will der ADAC in einer noch nicht veröffentlichten Studie über Preistreibereien in der Reparatur-Branche bei einzelnen Betrieben ausgemacht haben.
Auch die Versicherungsunternehmen haben die Werkstattpreise ständig im Visier. Händler-Zuschläge von fünf bis 15 Prozent hält Danner inzwischen für den "Regelfall". Aber: "Manchmal werden auch schon 20 Prozent und mehr genommen." Besonders verbittert hat die Versicherer, daß der Preistreiberei gesetzlich nicht beizukommen ist. "Wir kämpfen gegen diese Dinge", so Danner, "allerdings ohne Erfolg."
Auf ihren guten Ruf bei Kunden bedacht, setzen die Hersteller die Preistreiber in den eigenen Reihen massiv unter Druck." Mit Tricks und Pression", weiß ein Funktionär der VW-Händler-Vereinigung, "sucht man die Sache unter Kontrolle zu halten."
Unterderhand gaben allerdings auch manche Auto-Hersteller zu, daß dieses Verfahren nicht immer zieht. "Das ist", räumt BMW-Verkaufschef Hans-Erdmann Schönbeck ein, "bei allen ein ganz heißes Eisen."

DER SPIEGEL 45/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AUTOZUBEHÖR:
Spannen und überspannen

Video 01:03

Mountainbike-Massenkarambolage Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht

  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln" Video 20:40
    Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln
  • Video "Naturphänomen in Ungarn: Atompilz über dem Plattensee" Video 00:36
    Naturphänomen in Ungarn: "Atompilz" über dem Plattensee
  • Video "Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop" Video 01:01
    Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop
  • Video "Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet" Video 01:08
    Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet
  • Video "Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch" Video 01:03
    Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Video "Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt" Video 01:10
    Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Video "Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D" Video 01:17
    Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Video "Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen" Video 01:16
    Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • Video "Rettungsschiff Open Arms: Weitere Flüchtlinge springen ins Meer" Video 01:08
    Rettungsschiff "Open Arms": Weitere Flüchtlinge springen ins Meer
  • Video "Uber Boat: In Cambridge kommt der Kahn per App" Video 00:58
    "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Video "Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun" Video 29:10
    Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Video "23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven" Video 01:06
    23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven
  • Video "Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur" Video 02:41
    Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht