31.10.1977

„Natürlich haben wir uns geirrt“

SPIEGEL:Herr Professor Schmahl, zumindest bei Bundeskanzler Schmidt haben Sie wenig Kredit. Nachdem Sie und Ihre Kollegen aus den fünf wichtigsten deutschen Wirtschafts-Forschungsinstituten letzte Woche Ihr neues Gutachten vorlegten, meinte der Kanzler lapidar, "die Herren haben sich schon so oft geirrt. Wir sollten uns davon nicht beeindrucken lassen". Hat der Kanzler recht?
SCHMAHL: Natürlich haben wir uns immer wieder mal geirrt, und das wird wohl auch künftig so sein. Jeder, der künftige Entwicklungen einzuschätzen versucht, irrt hin und wieder.
SPIEGEL: Die Konjunkturforscher scheinen da besonders anfällig. Warum liegen Sie so oft daneben?
SCHMAHL: Das muß ich korrigieren. Wir haben in den letzten Jahren auch manchmal sehr gut gelegen. Zum Beispiel haben wir nach der Rezession die Wiederbelebung recht gut vorausgesagt. Auch unter Experten war diese Prognose damals umstritten. Aber wir hatten recht.
SPIEGEL: Vor einem Jahr tippten die Institute auf ein Wachstum von 5,5 Prozent in diesem Jahr. Jetzt sollen es nur drei Prozent sein. Was hat sich inzwischen geändert?
SCHMAHL: Eine ganze Menge: Nehmen Sie zum Beispiel die Weltkonjunktur, die deutlich flauer lief, als vor wenigen Monaten abzusehen war. Auch die Einflüsse der staatlichen Wirtschafts- und Finanzpolitik, die stärker gebremst hat als angenommen und vielleicht auch beabsichtigt, war nicht vorherzusagen: Der Staat ist mit seinen Ausgaben unter den Ansätzen geblieben und hat zur gleichen Zeit mehr eingenommen als geplant. Daß diese Zangenbewegung sowohl den Konsum als auch die Investitionen dämpft, kann nicht überraschen.
SPIEGEL: Ist es angesichts dieser Unsicherheiten überhaupt sinnvoll, Gutachten anzufertigen?
SCHMAHL: Was wäre denn die Alternative? Für alle wirtschaftlichen oder politischen Entscheidungen sind Prognosen unerläßlich. Es ist einfach undenkbar zu sagen: Wir verzichten künftig auf Prognosen, weil sie gelegentlich falsch sind. Im übrigen übertreiben Sie doch wohl ein wenig. Unsere Prognosen haben doch immerhin mi allgemeinen -- ich betone im allgemeinen -- die Richtung richtig angezeigt.
SPIEGEL: Die Gutachten können aber auch gefährlich werden. Nehmen wir die Expertise, die von den InstituSchmahl ist stellvertretender Leiter des HWWA-Instituts für Wirtschaftsforschung Hamburg
ten im Herbst 1976 vorgelegt wurde. Sie schätzte das Wachstum auf 5,5 Prozent und ermutigte die Gewerkschaften, vergleichsweise hohe Lohnforderungen zu stellen und durchzusetzen.
In Ihrem neuesten Gutachten aber beklagen Sie, die Erträge der Unternehmen seien eben wegen dieser Lohnsteigerungen und des flauen Wachstums für eine Wiederbelebung der Konjunktur nicht ausreichend.
SCHMAHL: Das ist richtig. Allerdings muß ich hinzufügen, daß die Lohnabschlüsse über der Marke lagen, die wir für wünschenswert hielten. Aber, da haben Sie recht, sie sind erst durch den schlechten Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung zu einer wirklichen Belastung geworden.
Eine mögliche Folgerung daraus ist es, zu Beginn eines Jahres einen Teilbetrag der Lohnerhöhungen zu vereinbaren und die Entwicklung abzuwarten, um bei günstigem Verlauf zur Jahresmitte einen Zuschlag zu gewähren.
SPIEGEL: Das neue Gutachten sagt für das nächste Jahr ein Wirtschaftswachstum von drei Prozent und tendenziell steigende Arbeitslosigkeit voraus. In den letzten Jahren waren die Vorhersagen der Institute eher zu optimistisch. Sind Sie diesmal zu vorsichtig?
SCHMAHL: Ich glaube nicht. Wenn man alle Faktoren bedenkt, ist diese Vorhersage keineswegs pessimistisch. Das ergibt sich doch schon aus der schwachen weitwirtschaftlichen Entwicklung. Insofern verstehe ich auch ehrlich gesagt nicht die Reaktion des Bundeskanzlers, der wohl eine höhere Wachstumsrate erwartet oder erhofft.
SPIEGEL: Reichen die in letzter Zeit beschlossenen Maßnahmen der Regierung, wie die Steuersenkung oder das 16-Milliarden-Programm für Zukunftsinvestitionen, nach Ihrer Meinung aus?
SCHMAHL: Wenn man alles zusammenrechnet, kommt eine ganz beträchtliche Summe heraus. Nach unserer Ansicht sind die Beschlüsse zweckmäßig. Wenn mehr Ausgaben beschlossen worden wären, hätten vermutlich viele Leute skeptisch reagiert. Sie hätten sich gefragt: Wann kriegen wir die nächste Steuererhöhung? Diese Unsicherheit wäre alles andere als wünschenswert.
SPIEGEL: Welche Rolle spielt in Ihren Überlegungen die bevorstehende Lohnrunde?
SCHMAHL: Sie wird von großer Bedeutung sein. Es wird darauf ankommen, ein Optimum zu finden, das beide Komponenten des Lohnes berücksichtigt, nämlich seinen Beitrag zur Massenkaufkraft und seine Wirkung auf die Kosten der Unternehmen. Wir warnen davor, die Dinge zu hoch anzusetzen. In jedem Fall sollten Lohnerhöhungen unter denen dieses Jahres liegen.
SPIEGEL: Also weniger als sechs Prozent?
SCHMAHL: Darauf läuft es hinaus.

DER SPIEGEL 45/1977
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