31.10.1977

KERNENERGIEKritischer gesehen

Mit dem Widerstand gegen das Atom-Programm Bonns, so ergab eine Studie für das Forschungsministerium, hat auch die Skepsis gegenüber dem technischen Fortschritt zugenommen.
Höflich dankte der Minister den Autoren:Ihr pünktlich abgelieferter Bericht habe ihm "wichtige Erkenntnisse" vermittelt.
Gefallen aber kann Hans Matthöfer an dem fünfhundert Seiten starken Werk des Frankfurter Battelle-Instituts nicht finden. Denn die Studie über "Einstellungen und Verhalten der Bevölkerung gegenüber verschiedenen Energiegewinnungsarten" offenbart zwei Wochen vor dem großen Energie-Streit auf dem SPD-Parteitag, daß die Ablehnung der Kernenergie bei den Bundesbürgern eher wächst.
Dabei hatte Forschungsminister Matthöfer mit einer drei Millionen Mark teuren Aufklärungskampagne die Bundesbürger für die Atomenergie zu gewinnen versucht, hatten die Elektrizitäts-Unternehmen in aufwendigen Anzeigen-Aktionen für Nuklear-Strom geworben, hatten Bonns Wirtschaftspolitiker -- allen voran der Bundeskanzler -- vor Energielücken und Massenarbeitslosigkeit gewarnt, wenn sich der Bau von Reaktoren verzögern sollte.
Die Überredungskünste, so belegt die Battelle-Studie, die in dieser Woche veröffentlicht werden soll, halfen wenig. Selbst im luftverschmutzten Ruhrgebietsort Voerde, wo Umweltschützer den weiteren Ausbau eines Kohlekraftwerkes gerichtlich stoppen ließen, wollen die Bewohner ihren Strom lieber aus Kohle denn aus Kernkraft beziehen. Die Risiken des Atomstroms erscheinen ihnen zu groß.
Auch in anderen Orten registrierten die Meinungsforscher zunehmendes Mißtrauen gegenüber der Kernenergie, im Ballungsraum Ludwigshafen, wo die BASF zwei Reaktoren für den eigenen Strombedarf bauen wollte, wie im ländlichen Emmendingen, wo das Kernkraftwerk Wyhl hin soll.
Viermal, zwischen November 1975 und November 1976, hatten die Demoskopen jeweils 300 Bürger in den von Kraftwerkbauten bedrohten Orten Voerde, Emmendingen und Ludwigshafen befragt und waren überall auf die gleiche Skepsis gestoßen: Die Behauptungen, Atomstrom sei billiger als Kohle-Elektrizität und die Kernenergie mache die Bundesrepublik unabhängiger von ausländischen Kartellen, wurden entweder von vornherein "nicht akzeptiert" oder im Verlauf der Befragung zunehmend als "nicht zutreffend abgelehnt".
Auch das Argument der Kernkraftbefürworter, daß Nuklearenergie die Arbeitsplätze sicherer mache, kommt offensichtlich -- so die Studie -- ausgerechnet bei jenen Bürgern nicht an, die am stärksten von Arbeitslosigkeit bedroht sind.
Sie fürchten wie ein Winzer im badischen Emmendingen, daß gerade ihre Arbeitskraft nicht mehr gefragt sein wird, wenn sich um einen Reaktor herum neue Industriebetriebe ansiedeln sollten: "Man darf ja nicht immer nur die Industrie in den Vordergrund stellen, sondern hier werden landwirtschaftliche Arbeitsplätze kaputtgemacht."
So empfehlen denn auch vorwiegend besserverdienende Oberschichtler, deren Arbeitsplatzrisiko relativ gering ist, den Atomstrom als Zukunftstechnologie: Mit 24 Prozent stellt diese Gruppe den höchsten Anteil unter den Befürwortern. Bei den Arbeitern und Hilfsarbeitern rangiert die Kernkraft mit nur neun Prozent aller Nennungen weit hinter Kohle, Wasser und Sonne als wünschenswerten Energieträgern.
Bestimmend für den Meinungswandel, erkannten die Experten vom Battelle-Institut, sind nicht etwa Informationen von oben, sondern "konkret erfahrbare Ereignisse
In Ludwigshafen beispielsweise schlug die anfänglich nur skeptische Einschätzung des technischen Fortschritts in scharfe Ablehnung um, als im Frühjahr 1976 ein Unternehmen einen längeren Einstellungsstopp verfügte und ein anderer Betrieb in Liquiditätsschwierigkeiten geriet und Leute entlassen mußte. Prompt stimmten weit mehr Interviewte in Ludwigshafen als in Voerde und Emmendingen der These zu: "Die Automation hat viele ihre Arbeitsplätze gekostet und keine menschenwürdigen Lebensbedingungen geschaffen."
Die Battelle-Forscher folgern aus ihrer Befragung, daß "mit wachsenden Arbeitsmarktproblemen" auch der technische Fortschritt von der Bevölkerung "immer differenzierter und kritischer gesehen" wird. Und weiter: "Erste Anzeichen, daß sich diese Kritik auch auf die Einstellung zum Energieverbrauch auswirkt, sind festzustellen."
So seien inzwischen sehr viel mehr Bürger als bislang vermutet -- in Ludwigshafen 30 Prozent und in Emmendingen 60 Prozent der Befragten -- zum Stromsparen im eigenen Haushalt bereit. Um das neue Sparbewußtsein zu stärken, empfiehlt die Studie, den Stromverbrauch auf den Haushaltsgeräten anzugeben.
Erschrecken müßte die Politiker, wie schlecht es um das Ansehen der Parlamente bestellt ist. Der Volksvertretung werden, anders als der Industrie und der Regierung, kaum Kompetenzen bei der Frage eingeräumt, wer für "ein gesundes Gleichgewicht zwischen Industrie und natürlicher Umgebung" zu sorgen habe. In dieser "zentralen Frage" hat für die Emmendinger Bürger das baden-württembergische Parlament am wenigsten von allen Institutionen und Gruppen zu sagen -- noch weniger als die Verbraucher.
Zwar sank während der Befragung in Voerde und Emmendingen auch das Interesse der Bürger, sich politisch zu organisieren. Doch was auf den ersten Blick wie politische Resignation aussieht, ist nur die Reaktion auf den Erfolg ihrer Initiativen: In Voerde wurde der Ausbau des Kohlekraftwerks vom Verwaltungsgericht Düsseldorf untersagt, und den Emmendingern gelang es, den Baubeginn für den Atommeiler aufzuschieben.
Der von Matthöfer initiierte " Bürgerdialog zur Kernenergie", so die Battelle-Forscher, sei zwar "ein notwendiger Schritt in die richtige Richtung". gleichwohl sei die Kommunikation zwischen dem Staat und seinen Bürgern "gestört" -- nicht zuletzt weil der Bundeswirtschaftsminister ohne vorherige Diskussion sein Energieprogramm dekretiert habe: "Diese Reihenfolge", befinden die Verfasser der Studie, "entspricht nicht den Regeln demokratischer Willensbildung."
Ob Forschungsminister Hans Matthöfer freilich auch politische Schlüsse aus dieser Kritik ziehen will, ist höchst zweifelhaft. Den Lesern empfiehlt er vor allem "eine kritische Auseinandersetzung mit Ergebnissen und Methoden dieser Untersuchung".

DER SPIEGEL 45/1977
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