31.10.1977

FRIESENIn die Knie

In Friesland mußte die CDU bei den Kommunalwahlen eine schwere Schlappe einstecken. Grund: Die Friesen kreiden ihr an, daß sie bei der Gebietsreform den Ostfriesen zugeschlagen wurden.
Als gute Worte nicht mehr halfen, kramten die Friesen ihre legendäre Streitaxt hervor.
Und siehe da, das Ding funktionierte -- wie dunnemals, als Bonifatius, der fremde Lehren einzuführen sich unterstanden hatte, damit niedergemacht wurde. Nun, vorletzten Sonntag, traf sie den Apostel, der Hand an den Friesenstamm gelegt hatte: Ernst Albrecht, Herrscher im fernen Hannover.
Bei der Kommunalwahl, die überall dort erforderlich geworden war, wo Albrecht mit seiner CDU/FDP-Regierung das Niedersachsen-Land reformiert und neue Kreise geschnitten hatte, hieben die Friesen in ihrem alten Jeverland, das den Ostfriesen nebenan in Wittmund zugeschlagen worden war, Albrechts CDU in Stücke, und die FDP des Albrecht-Knappen und Innenministers Rötger Groß auch.
In Jever etwa blieben von den Christdemokraten nur 28,2 (bisher: 44,0) Prozent auf der Walstatt zurück, von den Liberalen von bislang elf nur drei. " Das ist", sagt Bernd Theilen, SPD-Abgeordneter aus Jever im niedersächsischen Landtag, "die friesische Art."
Theilen, der als Spitzenkandidat in seinem Wahlbezirk allein soviel Stimmen eroberte, "wie die ganze CDU zusammen", brachte seine SPD in Jever von einst 44,2 auf nun mächtige 62,9 Prozent.
"Weil es um Friesland geht" (Theilen), waren die Friesen, "lüch up" ("Auf geht's"), wieder Mann für Mann zur Stelle. Denn aufs Vaterland lassen sie nichts kommen, schon gar nicht, wenn die Abgrenzung zum benachbarten Ostfriesland auf dem Spiele steht.
Den Grundstock für den Stammes-Zwist legte vor über 400 Jahren Graf Enno II. aus dem ostfriesischen Herrscherhaus. Der hatte versprochen, die Regentin aus dem Jeverland, Maria, zu ehelichen, um damit den Traum von Großfriesland zu verwirklichen. Doch der ungetreue Graf ließ Maria sitzen, und Maria rächte sich: Nicht Enno machte sie zum Erben, sondern ihren Neffen Johann, und der war kein Ostfriese, sondern Graf von Oldenburg.
Oldenburg zugehörig fühlen sich die Friesen auch heute noch ... Ausgeschlossen, daß sich die historische und landsmannschaftliche Verbundenheit in einem der neuen Landkreise Wittmund oder Ammerland entwickeln könnte", orakelten die Mitglieder des friesischen Kreistages in einer Mitte März herausgegebenen Stellungnahme zu den neuen Ordnungsplänen der Landesregierung. Doch die beigefügten Resolutionen und Statistiken halfen wenig: Drei Monate später schon wurde der alte Landkreis Friesland mit einem hannoverschen Federstrich ausgelöscht.
In den Wahllokalen zahlten es die Friesen nun denen heim, die solche "Landkarte des Schwachsinns" (Theilen) ersonnen hatten. Nicht überall im aufgelösten Friesenlande war die Abfuhr so deftig wie in der Marien-Stadt Jever, aber die Antwort war deutlich genug.
So verbesserte sich die SPD im Wahlbezirk Schortens um zehn auf 62,2 Prozent, während die Christdemokraten auf 31,8 (bisher 38,9) zurücksackten und die FDP von acht auf drei Prozent zur Erde rutschte. So erhoben sich die Sozialdemokraten im Wangerland auf 55,2 Prozent (vorher 45,3) und zwangen CDU mit 37,1 (46,6) und FDP mit 5,1 (7,9) Prozent in die Knie.
Auf der Insel Wangerooge behauptete sich die SPD mit 63,5 (bisher 53,9) Prozent vor der CDU, die sechs Prozent verlor und 34,4 Prozent der Stimmen bekam. Die FDP fällt hier mit einem Prozent (bisher 5,2 Prozent) kaum mehr ins Gewicht.
Nur in Sande gab es verhältnismäßig wenig Verschiebungen. Immerhin steigerte sich die SPD um gut vier Punkte auf 57,6 Prozent, während die CDU ein Prozent verlor und 34,4 Prozent des Stimmenanteils erhielt. Die FDP landete mit 6,6 Prozent um fast vier Zähler niedriger als im Vorjahr.
Ansonsten war es in Niedersachsen mit der erwarteten Protestwahl nicht weit her. Die Christdemokraten konnten ihren Stimmenanteil in den 18 der 37 Landkreisparlamente sogar leicht, um 0,6 Punkte, verbessern (49,2 Prozent). Die SPD-Opposition büßte 1,6 Punkte ein und erreichte 42,2 Prozent aller abgegebenen Stimmen. Die FDP verschlechterte sich genau um ein auf 6,1 Prozent.
"Das Jeverland", so triumphierte Hans-Joachim Ewald, Sprecher der ehemaligen Aktionsgemeinschaft "Rettet den Landkreis Friesland", hat "wie jemand reagiert, dem in 'n Hintern getreten wurde".
Ewald und die Friesen wurmt jedoch, daß es trotz der deutlichen Wahlaussage keine erwähnenswerten Verschiebungen im Großkreis gegeben hat. Die benachbarten Wittmunder nämlich, durch die Gebietsreform aufgewertet, gaben zumeist den Christdemokraten ihre Stimme, SPD und Freie Demokraten mußten geringe Verluste hinnehmen. Ewald: "Die Wittmunder haben sich für das Geschenk bedankt."

DER SPIEGEL 45/1977
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