31.10.1977

SÜDAFRIKAVerbrannte Brücken

Mit einem Waffenboykott soll Südafrikas Apartheidsregierung unter Druck gesetzt werden. Aber die wichtigsten Waffen baut sie im eigenen Land.
Der neue Feind, sagt Südafrikas
Außenminister Pik Botha, sei "derzeit eine größere Gefahr als Rußland". Premier Vorster zufolge will er "uns mit Finessen erwürgen". Denn die Schwarzen würden zum Aufruhr aufgestachelt, so Justizminister Kruger. wenn "ein großes Land ... sie unterstützt".
Das große, für Südafrikas Führungspolitiker feindliche, Land sind die Vereinigten Staaten. Die USA beunruhigen den Apartheids-Staat, seit Jimmy Carter ins Weiße Haus eingezogen ist. "Es wäre nett", ärgert sich Vorster, "wenn sie sich zur Abwechslung mal um ihre eigene Politik kümmern würden."
Jimmy Carter aber mischt sich ein. Seiner Menschenrechtspolitik, wohl auch seinen vielen schwarzen Wählern, glaubt er eine harte Politik gegenüber den weißen Minderheitsregimen im südlichen Afrika schuldig zu sein.
Unter Carters Druck begannen mehr als drei Dutzend US-Firmen in Südafrika die staatlich verordnete Rassendiskriminierung in ihren Betrieben abzubauen. Carters Uno-Botschafter Andrew Young gab den schwarzen Jugendlichen Tips für den Widerstand: "Ihr müßt zu Tausenden auf die Straße gehen ... wie wir in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung."
Letzte Woche unterstützte Carter ein bindendes Waffenembargo der Uno gegen Südafrika. Die USA erarbeiteten den Vorschlag zusammen mit ihren westlichen Verbündeten im Sicherheitsrat, England, Frankreich, Kanada und der Bundesrepublik. Vor zwei Jahren noch hatten sie einen solchen Antrag durch ihr Veto zu Fall gebracht.
Jetzt versprach Carter, daß keine Ersatzteile für früher gelieferte Waffen mehr nach Südafrika exportiert werden dürfen. Auf seiner Pressekonferenz am Donnerstag letzter Woche nannte er zum ersten Mal Rhodesien "Zimbabwe" und Südwestafrika "Namibia" -- die von den Unabhängigkeitskämpfern gebrauchten Namen.
Die härtere Haltung der Amerikaner und ihrer westlichen Verbündeten hatte Südafrikas Regierung mit einer Verhaftungswelle provoziert: Vorletzten Mittwoch holten Sicherheitspolizisten in den schwarzen Vorstädten, aber auch in weißen Villenvierteln von Johannesburg und Kapstadt Dutzende Männer aus den Betten.
Der Chefredakteur der größten Schwarzen-Zeitung "The World", Percy Qoboza, wurde ebenso festgenommen wie der burisch-stämmige Leiter des Christlichen Instituts von Johannesburg, Beyers Naude. Die Regierung verbot 18 Organisationen, die Vorsters Rassenpolitik ablehnen, schloß "The World" und "verbrannte damit die verbliebenen Brücken zwischen sich und der schwarzen Gemeinschaft" (so das US-Magazin "Time").
Minister Kruger wollte mit der Nacht-und-Nebel-Aktion "eine kleine Gruppe von Anarchisten" ausschalten. Für die Oppositionspolitikerin Helen Suzman war sie jedoch "das völlige Eingeständnis der Regierung, nur noch mit absolut despotischen Mitteln herrschen zu können". Weltweit wurden Proteste laut. Nach Holland riefen auch die USA und die Bundesrepublik ihre Pretoria-Botschafter zur Berichterstattung nach Hause und kündigten schärfere Schritte an.
Ein weltweites Waffenembargo trifft Vorster jedoch heute nur noch bedingt. Denn Südafrika hat eine eigene Rüstungsindustrie aufgebaut, seit in den sechziger Jahren mehrere Staaten freiwillig darauf verzichteten, weiter Waffen ans Kap zu schicken.
Die staatliche "Armaments Development and Production Corporation" beschäftigt heute rund 30 000 Arbeiter. Sie produzieren Bomber, Ausbildungsjets und Hochseefregatten, bauen gepanzerte Fahrzeuge, Artilleriegeschütze und Raketen. Vom jährlichen Wehretat von zwei Milliarden Dollar (18 Prozent des Budgets) verwendet Südafrika etwa eine Milliarde für den Kauf von Waffen; 43 Prozent des Bedarfs kamen bislang aus dem Ausland, vor allem aus Frankreich.
So hat Südafrikas Luftwaffe unter ihren 600 Kampfflugzeugen rund hundert Mirage-Jäger und Jagdbomber. 100 Mirage-FI -A-Schwenkflügel-Maschinen werden im Lizenzverfahren in Südafrika hergestellt. Frankreich verkaufte Pretoria U-Boote und Zerstörer.
Im August versprach Paris den Schwarzafrikanern, die Waffenexporte zu stoppen, geschlossene Verträge wollte es jedoch einhalten.
Mehr zu treffen wäre Südafrika mit einem Wirtschaftsembargo, für das sich bei der Uno die Staaten der Dritten Welt einsetzen und das Ex-Entwicklungsminister Egon Bahr vorige Woche bei der Afrika-Debatte im Bonner Bundestag zur Sprache brachte. Aber weil die Bundesrepublik in Südafrika schätzungsweise eine halbe Milliarde Mark investiert hat, England 2,2 Milliarden Dollar und US-Firmen 1,5 Milliarden Dollar, wollen auch die Waffenboykott-Befürworter von solchen Vorschlägen nichts wissen.
"Wir werden den Strom der Geschichte nach unserem Geschmack umleiten", verspricht Pretorias Außenminister Botha und droht dem amerikanischen Feind: "Südafrika wird Präsident Carter überleben."

DER SPIEGEL 45/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SÜDAFRIKA:
Verbrannte Brücken

  • Zu viele Verletzungen: NFL-Star Andrew Luck beendet mit 29 Karriere
  • Im Autopilot-Modus: Tesla-Fahrer schläft hinter dem Steuer ein
  • Brände im Amazonas: "Wir verlieren ein wesentliches Ökosystem unserer Erde"
  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an