31.10.1977

SCHLEYER-FAHNDUNGWie Pygmalion

Während in Paris mehrere tausend Franzosen gegen Stammheim und für die RAF demonstrieren, machen die Elsässer bei der Fahndung nach den Schleyer-Mördern voll mit.
Wie James Bond", urteilt ein Lokaireporter in Mülhausen, nachdem er den Kombi-Lastwagen aus Wiesbaden umrundet hat, der seit zehn Tagen im Hof des Zentralkommissariats steht.
Die Deutschen Terroristen-Ermittler hatten ihren französischen Kollegen den Einsatzwagen als Fahndungshilfe geschickt: ein mit Elektronik vollgepacktes Auto, mit tickerndem Fernschreiber, einem Bildfunkgerät und mit direktem Draht zum Datenspeicher nach Wiesbaden.
Doch die elsässischen Kripo-Beamten blieben reserviert. Zwar: "So was haben wir bei uns nicht", sagt einer nach der Besichtigung, "aber ich finde, unsere Polizei sollte in ihren alten, grauen Räumen und bei ihren alten Methoden bleiben."
Er zieht an seiner Pfeife und mimt den Romanhelden Kommissar Maigret: "Wir machen es nicht mit Technik, sondern mit Spürsinn und Intuition, das ist genauso wirksam." Die "deutsche Elektronik", schrieb die Tageszeitung "L'Alsace" Ende letzter Woche, als kein Fahndungserfolg abzusehen war, sei dringend "auf die französischen Termiten" angewiesen.
Seit dem Schleyer-Fund am Mittwoch vorletzter Woche suchen im Elsaß tausend Gendarmen und Kripo-Beamte nach den Mördern des Deutschen. Für die Elsässer ist ihre Heimat seither die "internationale Drehscheibe der Ermittlungen": "Die französischen Polizisten fahnden von morgens um sechs bis nachts um drei", berichteten stolz die "Dernieres Nouvelles d'Alsace".
Aus der ausgesprochen "deutschen Affäre Schleyer" ("L'Alsace") ist unversehens -- zumindest was die Fahndung anbelangt -- eine ausgesprochen elsässische Sache geworden. Denn "das Elsaß ist ein idealer Schlupfwinkel für Terroristen", sagt der Straßburger Redakteur Francois Lefranc. "Man muß sich hier nur ans Milieu anpassen, dann bleibt man unbemerkt."
Im nördlichen Elsaß sind deutsche Touristen aus Baden und dem Saarland genauso beliebt wie die deutschen Fernsehprogramme. Im Dreiländereck bei Basel ist die alemannische Verbundenheit oft stärker als das französische Nationalbewußtsein.
Die Mülhausener etwa, erst 1798 von der Grande Nation einverleibt, fühlen sich zu den Baslern hingezogen. Sogar die Europastadt-Straßburger schätzen kleinstädtische Rechtschaffenheit mehr als das Pariser laisser-faire
* Französische Polizei vor einem Bunker der Maginot-Linie.
-- und überall "messen die Elsässer ihren Wohlstand an dem der deutschen und Schweizer Nachbarn und nicht an dem der Franzosen", sagt ein Mülhausener Sozialdemokrat.
Elsässische Arbeiter schätzen die Mitbestimmungsvorstellungen deutscher Gewerkschafter weit höher als die rigorosen Verstaatlichungsprogramme der französischen Syndikate. Mitterrands. Sozialisten sind vielen elsässischen Linken zu links. Gemäßigte Sozialisten -- wie der Parlamentsabgeordnete und Bürgermeister von Mülhausen, Emile Müller -- gründeten eine eigene Partei nach dem Zuschnitt des Godesberger Programms.
"Unsere Linksintellektuellen", erläutert ein einheimischer Intellektueller, "haben sich nie gegen die Auslieferung von Croissant stark gemacht oder die Haftbedingungen in Stammheim kritisiert -- und trotzdem sachlich Distanz gewahrt."
Dabei haben es die Deutschen ihren Nachbarn zu keiner Zeit leichtgemacht, sachlich, gar freundlich zu sein. Oft genug kamen sie als feindliche Eindringlinge. Und auch während der Fahndung waren die Deutschen so präsent wie ihre deutsche Vergangenheit.
Hunderte von Polizisten durchsuchten die alten Bunker der Maginot-Linie zwischen Belfort und der Saar, die zur Verteidigung gegen die Deutschen errichtet worden waren. Kurz nach Bekanntgabe des Leichenfunds glaubten mehrere Mülhausener, die Terroristen auf dem Hartmannsweilerkopf gesehen zu haben.
Kripo-Beamte durchsuchten auch die Wochenend-Häuser deutscher Wohlstandsbürger in den nördlichen Vogesentälern, wo wegen der Deutschenflut in einigen Tälern Baustopp erlassen wurde. Und als ältere Leute auf dem Mülhausener Gemüsemarkt ein Pärchen beobachteten, das auffällig Hochdeutsch sprach, alarmierten sie die Gendarmen.
Solche Reaktionen sind nicht feindlich gemeint, sie haben nichts von der Hysterie, mit der französische Intellektuelle in Paris über die Deutschen seit Schleyer und Stammheim herziehen.
Der Kabarettist und Kulturreferent der Stadt Straßburg, Germain Muller. sieht das Elsaß eher als "politisches Niemandsland zwischen Deutschen und Franzosen" -- und billigt deshalb seinen elsässischen Landsleuten zu, den Terrorismus nicht als deutsches oder französisches Problem, sondern als "eine weltinnenpolitische Frage" zu verstehen.
Als vergangene Woche der linke Verfechter der französischen "nouvelle philosophie", Andre Glucksmann, eine Vortragstournee durchs Elsaß machte, beklatschten 2000 Straßburger seine Ansicht, daß "die Mörder von SS-Mann Schleyer weder die Naziopfer wiederbeleben noch die Ausbeutung der Arbeiter mildern" können, vielmehr ebenso konterrevolutionär seien wie die Stalinisten im eigenen Land.
Für Germain Muller ("wir kennen die Deutschen, schließlich arbeiten 20000 Elsässer drüben") sind darum die naiven Provinzler -- soweit es "das deutsche Problem" betrifft -- eher in Paris zu finden als in Straßburg: "Ans große Gefasel vom Saint-Germain-des-Pr6s können wir uns nicht halten."
Protest gegen die RAF-Großfahndung haben denn nicht die elsässischen Links-Gruppen, sondern die Funktionäre der kommunistisch gelenkten Gewerkschaft CGT in Paris erhoben -- mit dem Hinweis, daß die elsässische Tagespresse mit den Deutschen kollaboriert habe, indem sie Fahndungsphotos und Dienststellen-Telephonnummern veröffentlicht habe.
Tatsächlich folgten die elsässischen Blätter nicht der Pariser, sondern eher der deutschen Terrorismus-Interpretation -- so zum Beispiel, als die "Dernieres Nouvelles" nach dem Leichenfund in Mülhausen zunächst über die "Schleyer-Hinrichtung" schrieben, dann aber, vom vierten Tag an, konsequent über die Fahndung nach den "Schleyer-Mördern" berichteten, bis schließlich Ende voriger Woche "die französische Polizei und ihre deutschen Helfer der Erschöpfung nahe" gewesen seien.
"Wir sind eben wie Pygmalion" nennt Germain Muller diese Anpassung ans Rechtsrheinische. In Grenzen. Denn sollte die Schleyer-Ermordung auf französischem Boden stattgefunden haben und würden die Täter in Frankreich gefaßt, "dann", so Muller, "könnten sie von einem französischen Richter zum Tode verurteilt werden".

DER SPIEGEL 45/1977
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