31.10.1977

ALGERIENPässe von Kim

Wer im Westen auf der Flucht ist, wird in Algerien nie abgewiesen -- so wie Ostblock-Flüchtlinge in der Bundesrepublik.
Wer immer hinter diesem Verbrecher stehen mag, muß gefunden, entlarvt und verurteilt werden", forderte PLO-Chef Jassir Arafat.
Der Palästinenser-Führer sprach zur Ermordung des stellvertretenden Außenministers der Vereinigten Arabischen Emirate, Saif Bin Ghobasch, am letzten Dienstag in Abu Dhabi.
Nur eine Woche nach Mogadischu hatten arabische Terroristen wieder zugeschlagen. Und die arabische Welt verdammte die Attentäter, so wie sie die Kaperung der Lufthansa-Maschine verurteilt hatte.
Mit einer Ausnahme: Algeriens Regierungszeitung "El-Moudjahid" überschrieb den Bericht von der Geiselbefreiung in Somalia "Tragischer Ausgang der Affäre "Landshut" ". Mehr Raum gab sie den Meldungen über die Vorgänge in Stammheim und setzte dabei das Wort Selbstmord stets in Anführungszeichen.
Denn Algerien versteht sich als revolutionäre Bastion der Dritten Welt. Das ölreiche 17-Millionen-Einwohner-Land des Obersten Boumedienne sympathisiert grundsätzlich mit Gruppen, die westliche Staaten bekämpfen. Boumedienne wollte deshalb unter keinen Umständen die japanischen Terroristen ausliefern, die Anfang des Monats eine DC 8 nach Algier entführt hatten. "Wir hätten unsere Rollbahnen blockieren und uns ins Bett legen können", ärgert sich Boumedienne-Berater Dr. Amimour über die weltweite Kritik: Unschuldige Passagiere würden den Preis dafür zahlen, wenn Algerien eines Tages handeln würde wie andere Staaten.
Aber Flugzeug-Entführer steuern den Maghrebstaat an, weil das "unabhängige und revolutionäre Algerien immer Flüchtlingen und politisch Gesetzlosen Asyl gewähren wird". Das jedenfalls hatte der Staat vor Jahren versprochen und seither gehalten:
Algerien empfing aus den USA den damaligen Black-Panthers-Führer Eldridge Cleaver und den anarchistischen, weißen Drogenpropheten Timothy Leary. Es gewährte 40 politischen Gefangenen aus Brasilien Zuflucht, die im Austausch gegen den gekidnappten deutschen Botschafter von Holleben freigelassen wurden.
Der als Planer des Münchner Olympia-Massakers gesuchte Palästinenser Abu Daud wurde nach seiner Verhaftung in Paris nach Algerien abgeschoben. In Algier dürfen Organisationen -- von der PLO bis zur Befreiungsbewegung der Kanarischen Inseln -- Büros unterhalten und über Ätherwellen zum Kampf aufrufen, Und Luftpiraten hatten bislang stets Landerecht:
* 1968 kamen drei Palästinenser mit einer El-Al-Maschine.
* 1972 setzten zweimal von schwarzen Extremisten entführte US-Maschinen auf.
* 1975 durfte der Terrorist Carlos mit seiner Opec-Mannschaft landen; vorher kamen vier Palästinenser, die Ägyptens Botschaft in Madrid besetzt hatten.
* 1977 schwebten die japanischen Rotarmisten ein.
Algerien hat die zugereisten Radikalen nie ausgeliefert. Viele aber -- vor allem US-Schwarze -- fanden das Leben in dem islamisch-puritanischen Sozialistenstaat zu langweilig und verließen ihn freiwillig. Andere stießen von Algier aus zu den Palästinensern oder zur internationalen Terrorszene.
Mitgebrachte Lösegelder mußten die Asylsuchenden hingegen abliefern. 1972 schickten die Algerier die Erpressungssumme der US-Schwarzen zurück. Den Japanern gaben sie dagegen die sechs Millionen Dollar nicht wieder, weil Tokios Bitte um Aufnahme der gekaperten Maschine unter Bedingungen akzeptiert worden sei: Keine Auslieferung der Entführer und der freigepreßten Gefangenen, keine Rückgabe des Lösegeldes.
Die Algerier mögen nicht, wenn sich Fremde für ihre Gäste interessieren. Sicherheitsbeamte schlugen den Kameramann Louis Giminez krankenhausreif, als er die Ankunft der japanischen Maschine filmte. Fragen über die Japaner werden nicht beantwortet. Dr. Amimour: "Das Dossier über die (japanische) Rote Armee ist geschlossen."
Dennoch sickerten Informationen durch. So sollen sich die Japaner zunächst im neuen Luxushotel "El-Laurassi" in Algier aufgehalten haben, später in einem bewachten Gästehaus der Regierung am Stadtrand, in dem einst auch Carlos untergebracht war.
Der Lateinamerikaner soll mit einem algerischen Diplomatenpaß ausgereist sein; die Japaner können das schwerlich. Boumedienne hat deshalb angeblich den Nordkorea-Führer Kim Ilsung bitten lassen, die japanischen Entführer und Freigepreßten mit Pässen auszurüsten. Die Asiaten fanden inzwischen Unterschlupf in einem Ausbildungslager der Sahara-Befreiungsfront Polisario in Südalgerien.
"Wir sehen diese Leute etwa so, wie ihr die Oppositionellen in den Ostblock-Staaten", erklärte ein algerischer Diplomat einem deutschen Kritiker, "des einen Terrorist ist meist des anderen Freiheitskämpfer."
Boumediennes Regierung erinnerte vorige Woche die Bundesrepublik daran, daß sie "in den vergangenen Jahren fünf entführte Flugzeuge sozialistischer Staaten aufgenommen hat" und den Entführern Asyl gewährte. Ein Kommando-Unternehmen nach Art der GSG-9-Befreiung in Mogadischu werde Algerien niemals gestatten.

DER SPIEGEL 45/1977
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