31.10.1977

JUGOSLAWIENArm und elend

Hinter der Palastkabale um Titos Frau Jovanka verbirgt sich ein neu entflammter Nationalitätenstreit -- Machtkämpfe für die Zeit nach Tito.
Die Zeitung "Dnevnik" in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana warnte ihre Leser: Eßt keinen mazedonischen Reis, denn er ist giftig!
Für die Regierung der jugoslawischen Teilrepublik Mazedonien war dk Slowenenmeldung Anlaß genug, um mit einer offiziellen Demarche zu kontern: Vergiftet sei nicht der Reis, sondern die nationalistische Atmosphäre im jugoslawischen Norden.
Der Vorsitzende des Serbischen Schriftstellerverbandes, Dragan Jeremic, weigerte sich, mit kroatischen Kollegen an einem Tisch zu sitzen. Der serbische Maler Milica Stankovic, als der "Salvador Dali des Balkans" gerühmt, nahm einen an ihn gerichteten Brief nicht an, weil der Brief in lateinischen Lettern abgefaßt war -- er als Serbe bestehe auf kyrillischen Buchstaben. Bei der Einweihungsfeier für einen neuen Straßenabschnitt in den kroatischen Bergen verbrannten Jugendliche eine jugoslawische Fahne.
Knapp 32 Jahre nachdem es dem siegreichen Partisanenführer Tito gelang, das Völkeragglomerat Südslawien zu einer kommunistischen Föderation zu vereinigen, droht der Staat wieder auseinanderzubröckeln. Das von Tito unter dem Motto "Brüderlichkeit und Einheit" zusammengeschmiedete Jugoslawien, nur noch durch die Autorität des heute 85jährigen Staats- und Parteichefs zusammengehalten, wird von den Staatsvölkern mehr denn je als Fremdkörper empfunden.
Bei der jüngsten Volkszählung im Jahr 1971 bekannten sich 40 Prozent aller Staatsbürger zu den Serben, 22 Prozent zu den Kroaten, je acht Prozent zu den Slowenen und Muselmanen, je sechs Prozent zu den Albanern und Mazedoniern und zwei Prozent zu den Ungarn; dazu kamen noch weitere 16 Nationalitäten.
Aber nur 1,3 Prozent der damals 20,5 Millionen Bürger Jugoslawiens -- also rund 270 000 -- schrieben in die Fragebögen unter der Rubrik "Nationalität" jenen Begriff, von dem Tito vor 30 Jahren annahm, er werde "für die heranwachsende Generation zur Selbstverständlichkeit" werden: Jugoslawe. Nicht einmal ein Drittel der eine Million Mitglieder in der jugoslawischen KP war bereit, der Zukunftsvision ihres Parteichefs zu folgen.
Gründe dafür, warum der titoistische Bundesstaat bei der Mehrheit der Jugoslawen ungeliebt blieb, gibt es genug. So hat die jugoslawische Partei -- auch nach ihrem Bruch mit Moskau -- nie das historisch gewachsene gegenseitige Mißtrauen der Balkanvölker in Rechnung gestellt, sondern geglaubt, die nationalen Gegensätze mit der schillernden Phrase vom "proletarischen Internationalismus" überdecken zu können. Die emotional aufgeladenen Argumente zur Verteidigung der nationalen Eigenständigkeit überließ die Partei der Kirche und den Emigranten.
Bis heute glaubt die Tito-Partei das kulturelle, aber auch ökonomische Gefälle zwischen den industrialisierten Nordprovinzen und dem unterentwickelten Süden durch Lastenausgleich beheben zu können -- ohne Erfolg.
Auch ein Dritteijahrhundert nach der Staatsgründung sind in der Nordprovinz Slowenien nur ein Prozent der Bevölkerung, in der überwiegend von Albanern bewohnten autonomen Region Kosovo aber 32 Prozent Analphabeten.
Milliardensummen hat der Gesamtstaat inzwischen in eine verbesserte Infrastruktur und in die industrielle Entwicklung des Südens investiert -- der Abstand zum Norden ist jedoch eher größer geworden. Mehr als fünf Prozent ihres Bruttosozialproduktes müssen Slowenien und Kroatien jährlich an den staatlichen Entwicklungsfonds für den Süden abführen, ohne Einfluß auf eine sinnvolle Anlage der Gelder.
Als, wie 1971 in Kroatien, sogar die Regionalpartei Kritik an der verfehlten Politik der Belgrader Staatszentrale übte, setzte Tito die Parteiführung unter dem Vorwurf des Separatismus ab und ließ die Nationalisten verfolgen. Tausende kamen wegen Lappalien ins Gefängnis (siehe Seite 170).
Andererseits war Integrator Tito darum bemüht, durch ständige Verfassungsänderungen und neue politische Statuten den Nationalitätenzwist zu beenden. Unter dem Zauberwort paritätische Gleichberechtigung räumt die Staatsverfassung den Staatsvölkern angemessene Vertretung ein, vom Staatspräsidium über Regierung und Parlament bis zu der Zahl der Diplomaten. Nur zu oft entscheidet so die nationale Zugehörigkeit, nicht die Qualifikation über Besetzung von Führungsposten.
Um Parität zu wahren, wurde Jugoslawiens Parteipräsidium von 39 auf 48 Mitglieder erweitert -- zu einem Forum, das dadurch im Krisenfall nur schwer Beschlüsse fassen kann. Titos Vorschlag, für den Fall seines plötzlichen Ausscheidens schon jetzt ein achtköpfiges Politbüro zu etablieren, ist bislang nicht verwirklicht worden: Die möglichen Mitglieder konnten sich nicht auf einen Nationalitäten-Schlussei einigen.
Die Furcht, nach Titos Abtreten in den Diadochenkämpfen unter die Hegemonie verhaßter Nachbarn zu geraten, bestimmt schon heute das Vorgehen der verschiedenen Völkerschaften.
So wählte in diesem Sommer die kroatische Akademie der Wissenschaften entgegen der Parteiweisung nur neue Mitglieder, die -- von Belgrad
als Nationalisten verdächtigt werden. Jure Bilic, der die Kroaten im Exekutivkomitee der Partei vertritt, forderte Anfang August in einem Interview mit der Zagreber Parteizeitung "Vjesnik" sogar die Rehabilitierung der 1971 aus der Partei verstoßenen Genossen.
Noch stärker aber regt sich neuerdings der Nationalismus in Jugoslawiens größter Teilrepublik, Serbien. Die vor dem Krieg als das "Staatsvolk" des Königreichs angesehenen Serben, von denen seit Titos Neuaufteilung etwa drei Millionen außerhalb der Grenzen ihres Bundeslandes leben, fürchten am meisten die "historische Abrechnung" ihrer Nachbarn für Ungleichheit und Unterdrückung.
Anfang Oktober forderte der serbische Regierungschef Dusan Ckrebic auf einer Präsidiumssitzung, was der serbische Republikpräsident Dragoslav Markovic schon in einem geheimen Memorandum von Tito verlangt hatte: stärkeres Mitspracherecht Serbiens in den autonomen Regionen Kosovo und Vojvodina, in denen über 1,4 Millionen Serben wohnen.
Der Schriftsteller, Partisanenveteran und ehemalige ZK-Sekretär Dobrica Cosic hielt in Belgrad einen Vortrag, dessen Text er an Parteifreunde verschickte. Tenor: Serbien habe nach dem Zweiten Weltkrieg wieder verloren, was es nach dem Ersten Weltkrieg gewonnen habe.
In der serbischen Literaturzeitschrift "Knjizevne Novine" veröffentlichte ein anderer Alt-Partisan und Politkommissar, Tansije Mladenovic, ein Gedicht: Serbien, arm und elend, wirst du fähig sein, wie in alten Zeiten deine Stärke mit einem plötzlichen Schlag wieder zu gewinnen, oder wirst du, entmutigt und geschwächt von apokalyptischen Kräften, in Stecke gerissen, an dir selbst scheitern und zu Boden sinken?
Nach dieser serbischen Elegie mußte der für die Veröffentlichung verantwortliche Präsident des serbischen Schriftstellerverbandes, Jeremic, auf Druck der Partei zwar seinen Sessel räumen, aber die serbische KP kündigte an, das Thema Nationalismus auf dem nächsten ZK-Plenum im November zu diskutieren.
Im Zwielicht dieser nationalistischen Manöver für die Zeit nach Tito aber liegt wohl auch die Affäre. in der Titos seit Juni aus der Öffentlichkeit verschwundene Ehefrau Jovanka eine Rolle spielt. Das scheint trotz der jugoslawischen Nachrichtensperre und offiziellen Dementis inzwischen festzustehen.
Die ehemalige Partisanin stammt aus der Bergregion Lika, einer unwirtlichen Gegend im Süden Kroatiens, die von einer als besonders militant bekannten serbischen Minderheit bewohnt wird. Durch geschicktes Taktieren ist es Jovanka im Laufe der Jahre gelungen, immer mehr Landsleute auf Vertrauensposten in der engsten Umgebung des Marschalls unterzubringen.
Selbst Tito spottete: "Vor dem Krieg wurde ich immer von Gendarmen aus der Lika begleitet. Aber auch heute kann ich nirgendwo hin ohne Begleitung aus der Lika gehen." Die Nachrichtenagentur "Reuters" meldete aus Belgrad, Tito lasse jetzt eine Sonderkommission des Staatssicherheitsdienstes gegen die Lika-Mafia ermitteln.
Die Geheimpolizei allerdings ist auch ein Stützpunkt der Lika.

DER SPIEGEL 45/1977
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