31.10.1977

„Kot mit der Eßschüssel schaufeln“

Mehrjährige Kerkerstrafen aus nichtigstem Grund, unmenschliche Haftbedingungen -- so schilderte Zvonimir Cicak, 1971 als kroatischer Nationalist zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, vor dem schwedischen Fernsehen das Schicksal politischer Gefangener im Gastgeberland der KSZE-Nachfolgekonferenz.
Ich war der erste Student, der am 21. Dezember 1970 zum Prorektor der Zagreber Universität gewählt wurde. Dann hat man mich wegen dieser Wahl angeklagt.
Ich wurde angeklagt, weil ich Kroate. Patriot, überzeugter Katholik und ein freier, linker Sozialist bin. Das sind alle meine Sünden. Deshalb haben sie mich verfolgt von den Tagen meines Gymnasiums bis heute.
Aber auch andere haben sie verfolgt. Ich denke an Professor Marko Veselica, der immer noch im Gefängnis sitzt, und an seine Frau mit ihren zwei Töchtern. Sie geht ständig in der Furcht arbeiten, ihre Arbeit zu verlieren, so daß sie eigentlich auch nicht in Freiheit lebt.
Marko Veselica war 20 Tage in Einzelhaft, nur, weil er eine Zigarette, die er von seiner Frau bekam, gegen Nahrungsmittel eintauschte, um nicht vor Hunger zu sterben.
Es fällt etwas schwer, über das Jahr 1971 zu reden. Wenigstens geht es mir so, denn ich darf das politische Programm nicht erläutern, da uns jeder öffentliche politische Auftritt verboten worden ist.
Daher beschränke ich mich hier darauf, über Tatsachen aus meinem Leben zu berichten: Nach über drei Jahren Zuchthaus hatte ich keine Arbeit gefunden. Zwei Wochen nach der Haftentlassung wurde ich zum Militär eingezogen, nach Absolvierung der Militärpflicht habe ich geheiratet, meine Frau ist schwanger. Man gibt mir keine Arbeit, denn ich habe keine "moralisch-politischen Qualitäten", obgleich ich an der Uni Philosophie und vergleichende Literaturwissenschaft absolviert habe.
Die Politiker gehen zur Beigrader Konferenz, während wir Hunderte politischer Gefangener haben. Djilas spricht von 600, aber ein Kollege von mir sagt, daß es allein in Foca 500 Kroaten im Zuchthaus gebe. Das ist nur ein Zuchthaus in Bosnien. aber von den Gefängnissen Lepoglava, Gradiska, Zenika spricht niemand. Es geht nicht nur um das Problem der kroatischen Häftlinge, sondern um das Problem aller jugoslawischen Gefangenen, um Leute, die gleichfalls ohne jeden Grund im Zuchthaus sitzen.
Kann man denn jemanden nur deshalb verurteilen, weil er nicht so denkt wie sie? Oder weil er einen Witz erzählt hat? Oder kann man meinen Schwager Damir Stambuk nur deshalb, ich bitte Sie, verurteilen, weil er beim Militär herumerzählte, ich hätte mich seit meiner Haftentlassung nicht geändert, was übrigens viele andere Leute gleichfalls von mir sagen. Er ist, bei Gott, ein Junge von 19 Jahren, ein Arbeiter, aber für seine Äußerungen wurde er zu fünf Jahren strengen Kerkers verurteilt. In Wirklichkeit sitzt er, weil er mein Schwager ist.
Man muß von jenen Leuten sprechen, die kroatische Lieder singen und dafür gleich zwei Jahre Gefängnis, wenn nicht mehr, bekommen. Man sperrt Leute ein, weil sie das kroatische Wappen auf ihren Armbanduhren tragen. Das sind Absurditäten. Auch am Eingang zu meiner Wohnung befindet sich ein kroatisches Wappen: Käme die Polizei, könnte sie mich wegen dieses Wappens erneut ins Gefängnis werfen. Aber ich habe es in einem Laden in Zagreb gekauft.
Mein Freund Paradzik, der mit mir in Haft saß und wie ich insgesamt sechs Monate in Einzelhaft verbrachte, erhielt nach seiner Entlassung nochmals zwei Monate Gefängnis: Er hatte die Ankündigungen zu seiner Hochzeit mit der Trikolore in den Nationalfarben geschmückt. Auf Karten, die man überall im Handel erwerben kann.
Mein Freund Budisa wurde für einen Monat in Einzelhaft geworfen, weil er einem Gefangenen ein Buch lieh: ein italienisches Buch, ein Lehrbuch der italienischen Sprache. Deshalb wurde er in eine Zelle gesteckt, die nur einen mal zwei Meter groß ist und in der Pilze wuchsen. Als er in die Zelle kam, war der Kübel voll, völlig voll, und stand dort schon wer weiß wie lange, so daß der Gestank unerträglich war.
Als er nach der Wache klingelte und bat, den Unrat zu entfernen, erklärte man, Reinigungstag sei der Donnerstag. Das Ganze passierte an einem Freitag. So mußte er mit seiner Eßschüssel den Kot nachts durchs Fenster schaufeln, um selbst seine Notdurft verrichten zu können und dies nicht auf den Boden seiner Zelle tun zu müssen. Danach mußte er aus derselben Schüssel essen.
Drazen Budisa wurde zeitweise in eine Zelle gebracht, von der man glauben sollte, so etwas gäbe es bei uns gar nicht. Sie heißt Dunkelzelle, denn sie hat überhaupt keine Fenster. Setzt man einen Menschen für zwei Tage in eine solche Dunkelzelle und führt ihn dann ins Freie, geht das auf die Augen: Ich weiß, woher ich nun mein Augenleiden habe ...
Ist es nicht absurd, daß uns der Westen zu Faschisten und Terroristen erklärte, obgleich wir dieselben Ideale des demokratischen Sozialismus und das Recht auf Freiheit vertraten? Das geht hier niemandem in den Kopf.
Ganz Europa stand zur Verteidigung von Mihajlov auf, aber wir haben Tausende von Mihajlovs in Kroatien, und nirgendwo sagt auch nur einer ein Wort. Als es um Vietnam ging, haben alle großen Lärm gemacht und mächtig demonstriert.
Aber als wir ins Gefängnis geworfen wurden, hat niemand auch nur eine Silbe gesagt.

DER SPIEGEL 45/1977
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