31.10.1977

ITALIENStoß ins Arbeiterherz

Italiens modernste Autofabrik ist kaum zu retten: Weil der Staatsbetrieb Alfasud nur auf halben Touren läuft, bringt jeder verkaufte Wagen einen Verlust von tausend Mark.
Gaetano Cortesi, Chef der Auto-Firma Alfa Romeo, fällt zu seiner Tochterfirma nur noch Absurdes ein: "Das beste wäre", meinte Cortesi, "man würde Alfasud, so wie es ist, aus Neapel in die Schweiz verpflanzen."
Die Misere der Alfa-Tochter hat fraglos mit ihrem Standort zu tun. In Pomigliano d'Arco, vor den Toren Neapels, grassiert die Neigung zum Krankfeiern, blüht die Streiklust.
Und auch das Management der süditalienischen Autofabrik zählt nicht gerade zur Wirtschaftselite des Landes. Folge: Die erst 1972 eingeweihte Firma befindet sich, trotz weitweitem Autoboom, nach übereinstimmendem Urteil in einem katastrophalen Zustand.
Im Werk Pomigliano, wo der auf dem Weltmarkt durchaus erfolgreiche Kleinwagen Alfasud produziert wird, liefen 1976 nur rund 93 000 Automobile vom Band -- obwohl Kapazität und Absatzchancen für eine fast doppelt so hohe Produktion gereicht hätten. Auch im laufenden Jahr wird, dies steht jetzt fest, Alfasud das bescheidene Produktionsziel von 130 000 Wagen bei weitem nicht erreichen.
Seit 1974 liefen Verluste von mindestens 280 Milliarden Lire (720 Millionen Mark) auf, bei jedem verkauften Alfasud zahlt das der Staatsholding In gehörende Alfa-Romeo-Unternehmen und damit letztlich der Steuerzahler rund tausend Mark drauf. Längst verkam das "Symbol der Hoffnung~~ für den industriellen Aufschwung des Südens zum eindrucksvollen Beispiel kläglicher Mißwirtschaft.
Lediglich politische Argumente verhindern die Liquidation: Ein Staatsunternehmen mit 15 000 Beschäftigten, angesiedelt in einem Gebiet mit hoher Arbeitslosigkeit, kann ganz einfach nicht stillgelegt werden.
Selbst das Rezept für eine gründliche Sanierung des Staatsbetriebes ist umstritten. Chef Cortesi möchte in Pomigliano 130 Milliarden Lire investieren.
Vor allem aber fordert er "konstruktive Mitarbeit" der Belegschaft. Laut Cortesi erscheint im Durchschnitt jeder vierte Alfasud-Arbeiter nicht an seinem Arbeitsplatz. Seit Anfang des Jahres lähmten 570 kleine aber erfolgreiche Streiks, mal in dieser, mal in jener Abteilung, die Produktion.
Die Gewerkschafter haben offenbar die Kontrolle weitgehend verloren. Bei Alfasud, resigniert Cortesi, "kommandieren weder ich noch die örtlichen Führungskräfte, noch die Betriebsräte". Der bestimmende Einfluß liege vielmehr bei einzelnen " Respektspersonen".
Gemeint sind die Vertreter der "camorra", einer neapolitanischen Spielart der Mafia. Die "camorra" entscheidet, wann gearbeitet wird und wann nicht, sie erpreßt womöglich gar einen Anteil an den Löhnen der Alfasud-Arbeiter, sogenannte "Tangenten".
Wenn Alfa-Arbeiter krankfeiern" heißt das keineswegs, daß sie faulenzen. Viele haben einen Nebenjob als Schneider, Barbier oder Maurer, vor allem aber als Mechaniker.
Dabei nützen sie ihre in .der Fabrik erworbenen Kenntnisse -- und gelegentlich noch etwas mehr: Aus den Werkshallen in Pomigliano verschwinden ungewöhnlich viele Autoteile. An manchen Tagen, witzeln Norditaliener über die südlichen Bräuche, werden in Heimarbeit mehr Autos als in der Alfasud-Fabrik montiert.
"Üble Verunglimpfung", sagen die Gewerkschafter zu den Vorwürfen der Firmenleitung. Laut Nando Razzi, Betriebsrat bei Alfasud, beträgt die Abwesenheitsquote nicht wie vom Management errechnet 24, sondern ganze 14 Prozent. Die von der Firmenleitung mitgerechneten Streiks dürften keineswegs als "assenteismo" mißverstanden werden.
* Text auf dem Protestplakat: Fall bloß auf Cortesi, die Arbeitszeit, die rührt man mal gar nicht an (es sei denn, um sie zu verkürzen). wenn Du auf zusätzlichen 40 Minuten beharrst, dann schieben wir Dich jeden Tag für vierzig Minuten in den Gießerei-Ofen, damit Du ein bißchen Thermalkuren machen kannst! Klar? Die Arbeiter der Gießerei.
Schuld an den Mißständen in Pomigliano sind nach Ansicht der Gewerkschafter vornehmlich die Planer der Fabrik und das Alfa-Management.
Etliche Arbeitsgänge, rügt die Metallarbeiter-Organisation FLM, seien falsch angelegt, Engpässe in der Produktion und Spannungen in der Belegschaft deshalb zwangsläufig. Laut Razzi lähmt zum Beispiel ein "ekliger Gestank" in manchen Abteilungen die Arbeitsfreude. Im übrigen sind Cortesis "unfähige Manager" die wahren Übeltäter, urteilten die Gewerkschafter.
Das mittlere Management meint dagegen, die allzu enge Bindung an die Mailänder Mutterfirma drossele das Tempo: "Sogar wenn wir eine Glühbirne kaufen wollen, müssen wir erst die Erlaubnis in Mailand einholen", empörte sich ein Abteilungsleiter, "das ist doch absurd."
Nur in einem Punkt sind sich Gewerkschaften, mittleres Management und Unternehmensleitung einig: Schuld an den wachsenden Schwierigkeiten sind jeweils die anderen.
Wer immer recht hat -- der Fall Alfasud verschärft den traditionellen Nord-Süd-Gegensatz Italiens. Norditalienische Wirtschaftsexperten etwa sehen im Chaos bei Alfasud einen neuen Beweis für ihre These, daß Großbetriebe in Süditalien, jedenfalls in der Problemzone Neapel, kaum aufzubauen und rentabel zu führen sind.
Genau diese Gefahr ängstigt Gewerkschafter und die mit ihnen verbündeten Links-Parteien. Sie verdächtigen die Staatsholding, sie mißbrauchten die Dauerkrise von Alfasud als Vorwand für ihre Unlust, im Süden des Landes zu investieren.
Insbesondere Italiens KP sorgt sieh im Neapel. In der drittgrößten Stadt Italiens regiert ein kommunistischer Bürgermeister -- und am Stadtrand liegt nicht nur Alfasud, sondern auch das veraltete staatliche Stahlwerk Bagnoli, das nur noch Defizite erwirtschaftet und nach Meinung von Branchenkennern eigentlich stillgelegt werden sollte (SPIEGEL 34/1977).
Luciana Castellina, Abgeordnete der linksradikalen Manifesto-Gruppe empfahl nun die "Mobilisierung der Massen": Nur sie könnten verhindern, daß die Reaktion "dem Arbeiterherz von Neapel weitere Stöße versetzt".

DER SPIEGEL 45/1977
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DER SPIEGEL 45/1977
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