31.10.1977

GROSSBRITANNIENGrößer als Watergate

Der liberale Politiker Jeremy Thorpe, schon im vergangenen Jahr Opfer einer Schmutzkampagne, ist neuerlich ins Gerede gekommen.
Mit einem Akt der Nächstenliebe hatte es, 1961, begonnen; ein Akt homoerotischer Liebe, so die Gerüchte, sei später daraus geworden. Mit der Ermordung einer Dogge endete es vorläufig und fing mit den Enthüllungen eines angeblich gedungenen Mörders vor zwei Wochen wieder an.
Die Affäre, die England bewegt, hat alle Zutaten eines billigen Krimis: große Politik und kleine Gauner, Sex and Crime, Schuld und Sühne. Sie ist grotesk oft bis zur Lächerlichkeit -- aber sie hat schon jetzt, längst bevor sie vorüber ist, die Zukunft eines prominenten Politikers vernichtet.
Es geht um den liberalen Parlamentsabgeordneten Jeremy Thorpe. Der Politiker war vor eineinhalb Jahren zum Rücktritt als Führer der Liberalen gezwungen worden, nachdem das ehemalige Herrenmodell Norman Scott, 36, wochenlang behauptet hatte, Anfang der 60er Jahre ein homosexuelles Verhältnis mit Thorpe gehabt zu haben.
Trotz klarer Dementis von Thorpe -- zuletzt am vergangenen Donnerstag -- und obschon auch nicht der geringste Teil der Gerüchte bewiesen worden war, hielt sich der Verdacht-vor allem, weil Scott belegen konnte, über mehrere Monate regelmäßige Geldzuwendungen von einem anderen Liberalen, dem früheren Parlamentsmitglied Peter Bessell, erhalten zu haben: Schweigegeld, wie Scott behauptete, Zahlungen "zuliebe meines sehr lieben Freundes Jeremy", wie Bessell -- in hautengen Hosen und zwei Dackel in seinem Schoße kraulend -- vor britischen Fernsehkameras beteuerte.
Die Affäre schien nach Thorpes Rücktritt ausgestanden, bis sie vor zwei Wochen in neuer Dimension wieder auferstand. Denn wenn sich seinerzeit die Gerüchte auf die angeblich homosexuellen Beziehungen Thorpes und auf die Versuche seiner Freunde beschränkten, dies nicht bewiesene Verhältnis unter der Decke zu halten, sollen jetzt plötzlich Mordpläne gegen den Thorpe-Ankläger Scott geschmiedet worden sein -- und zwar von "einem prominenten liberalen Politiker" (Scott).
Quelle dieser neuerlichen Beschuldigungen ist diesmal nicht nur Scott selbst, der seit Beginn der Affäre behauptet, Freunde Ihorpes hätten ihn aus dem Wege räumen wollen, sondern der ehemalige Zivilpilot Andrew Gino Newton -- auch er kein Neuling der Affäre.
Newton war soeben aus dem Gefängnis entlassen worden -- da erinnerte er sich urplötzlich der "wirklichen Gründe", derentwegen er einsitzen mußte, und drohte, "ein Skandal, größer als Watergate", werde zum Vorschein kommen, wenn er nur rede. Und seither redet er.
Der verkrachte Pilot behauptet, vor zwei Jahren 5000 Pfund Sterling (damals etwa 25 000 Mark) von einem führenden liberalen Politiker erhalten zu haben -- gedacht als Kopfgeld für Mord auf Bestellung an dem lästigen Scott. Tatsächlich war Newton am Abend des 24. Oktober 1975 zusammen mit Scott im Auto auf die Heide bei Porlock in Somerset gefahren und hatte dort, bei einem kleinen Stopp, "Rinka", die Dogge seines Begleiters, mit der Pistole erschossen.
Doch dieser Hundemord hätte eigentlich ein Mord an Scott werden sollen. Newton habe es nur nicht übers Herz gebracht, ihn auszuführen.
Was wirklich in jener Oktobernacht passierte, ist nie ganz aufgeklärt worden. Scott selbst behauptet, Newton habe die Pistole auf ihn gerichtet, die Waffe sei jedoch wegen einer Ladehemmung nicht losgegangen. Freunde Newtons wiederum scheinen diese Version zu bestätigen. Sie erinnern sich daran, daß der Pilot noch in der Tatnacht mehrmals darüber klagte, seine Pistole habe versagt.
Unterdessen erinnert sich auch der seit seinem Bankrott in den USA lebende Ex-Abgeordnete und frühere Thorpe-Freund Peter Bessell an einen Mordauftrag. Er selbst sei bei den entsprechenden Erörterungen mit "führenden Liberalen" zugegen gewesen. Damals sei erwogen worden, Scott entweder zu vergiften oder zu erschießen. Diese Darstellung Bessells ist allerdings nur eine von mehreren Bessell-Theorien über die Affäre.
Doch weitere Aussagen, so etwa die eines Gelegenheitsganoven, der Newton 1975 die spätere Tatwaffe verkauft hatte, bestätigen jedenfalls eines: Schon damals sprach der Bruchpilot von einem "Mordauftrag durch eine große politische Partei". Er hatte dem Waffenlieferanten gar 1000 Pfund für die Mithilfe am Mordkomplott versprochen.
Gründe genug für die Polizei, sich mit diesem Geflecht von Unterstellungen und Beschuldigungen genauer zu befassen. Doch als sie Anfang vergangener Woche den Kronzeugen Newton vernehmen wollte, war der untergetaucht -- angeblich aus Angst vor einem Mordanschlag.
Doch die strafrechtliche Klärung des Falls ist nur die eine Seite der Geschichte -- weitaus größere Konsequenzen können die politischen Implikationen der Affäre haben: Der Liberalen Partei, seit dem Frühjahr 1977 in einer unpopulären Allianz mit der Labour-Partei verbunden, bietet sich nur eine unattraktive Alternative.
Einerseits kann sie so tun, als habe sie uneingeschränktes Vertrauen zu ihrem Abgeordneten und Ex-Führer Jeremy Thorpe. Diese Haltung freilich könnte bei Parlamentswahlen von den Wählern als Stützung für einen vermeintlich Schuldigen interpretiert werden.
Andererseits würde ein auf den ersten Blick günstig erscheinender sofortiger Rücktritt Thorpes von seinem Unterhausmandat höchstwahrscheinlich bei der dann notwendig werdenden Nachwahl zur Einbuße des Parlamentssitzes führen: Das könnte trotz noch so starker Dementis als Eingeständnis von Schuld verstanden werden und müßte bei der gegenwärtigen Stimmung im Lande und der Unzufriedenheit vieler Liberaler gegenüber dem Pro-Labour-Kurs der Partei mit einem spektakulären Sieg der Konservativen enden "eine vertrackte Klemme", wie der "Guardian" feststellte.
Und schließlich stellen sieh viele Briten die Frage, warum die totgeglaubte Affäre gerade jetzt wieder an die Öffentlichkeit komme. Als Erklärung bietet sich vor allem die nie widerlegte, aber auch nie bewiesene Vermutung des damaligen Premierministers Harold Wilson an, der Anfang 1976 durchblicken ließ, daß die südafrikanische Regierung hinter der Schmutzkampagne gegen Jeremy Thorpe und die Liberale Partei stehe.
Diese verwegene Theorie des mittlerweile geadelten Sir Harold, dem damals auch die britischen Geheimdienste unterstanden, hat den Vorteil, wenigstens über ein schlüssiges Motiv zu verfügen. Die vehemente Anti-Apartheid-Position der Liberalen und die Tatsache, daß die Labour-Minderheitsregierung ohne liberale Unterstützung nicht mehr lebensfähig ist, könnte einen südafrikanischen Vorstoß erklären. Denn vorgezogene Neuwahlen würden derzeit die südafrikafreundlichere Konservative Partei gewinnen.
Zufall oder nicht: Am vergangenen Mittwoch tauchte plötzlich der seit zehn Tagen verschwundene Expilot Newton wieder auf. Er wurde im Londoner Flughafen Heathrow verhaftet bei seiner Rückkehr aus Südafrika.

DER SPIEGEL 45/1977
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