31.10.1977

JAPANWasser-Werk

Japans Werften, von der Tankerkrise gebeutelt, setzten auf ein ganz neues Geschäft. Nutznießer könnten dabei viele Entwicklungsländer werden.
Vor elf Jahren lief auf einer Werft des japanischen Großkonzerns Ishikawajima-Harima Heavy Industries (IHI) der Welt erster 200 000-Tonnen-Tanker "Idemitsu Maru" vom Stapel.
Fortan waren die Japaner unschlagbar im internationalen Wettkampf um den Supertanker-Bau. Dann, mit Öl- und Tankerkrise, kamen die Schiffbauer in Fernost arg ins Schlingern.
Jetzt wollen Japans Werften mit neuen Produkten abermals am Weltmarkt Furore machen: mit schwimmenden Fabriken, Hotels, Flugplätzen.
Schiffbaugiganten wie Ishikawajima, Mitsubishi, Kawasaki, Sumitomo oder Hitachi setzen vor allem auf ganze Serien schwimmender, in den Trockendocks ihrer Werften gebauter Industrieanlagen.
Die Manager des Ishikawajima-Harima-Konzerns rühmen sich schon jetzt, die erste schwimmende Fabrik für Zelluloseherstellung zu fertigen Besteller ist die brasilianische Jan Florestal C Agropecuária Ltda., die zum Konzern des amerikanischen Großreeders Daniel K. Ludwig gehört.
Zwei riesige Pontons von der Größe eines 150 000-Tonnen-Schiffs tragen die Werksanlage: Auf einer 230 Meter langen, 45 Meter breiten und 14,5 Meter tiefen Plattform werden die Zellulose-Produktionseinrichtungen installiert. eine fast genauso große Plattform nimmt das Kraftwerk auf.
Wenn die Fabrikinsel im nächsten Januar fertig montiert ist, soll sie nach Brasilien bugsiert werden -- quer durch den Indischen Ozean, rund um die Südspitze Afrikas, durch den Atlantik bis in den Jan, einen Nebenfluß des Amazonas, 400 Kilometer im Landesinnern. Dort wird sie mit Hilfe von Kanalschleusen auf hohen Pfeilern fest am Ufer verankert.
Mitten im Urwald sollen dann 130 brasilianische Arbeiter Bäume aus einem riesigen Forstgebiet des Ludwig-Imperiums zu täglich 750 Tonnen Papierbrei verarbeiten -- mehr als in jedem anderen, von fremder Energiezufuhr unabhängigen Zellstoff-Produktionsbetrieb der Welt.
Die Japaner preisen an ihrem Konzept vor allem den Kostenvorteil. Das Projekt kostet nach Angaben der IHI-Manager 60 Milliarden Yen (540 Millionen Mark). Die gleiche Fabrik auf herkömmliche Weise in Brasilien hinzustellen wäre zwischen 10 und 20 Prozent teurer.
Einer der Gründe hierfür: Auf den Fabrikpontons haben die Ingenieure alles bequem zur Hand. Terminpläne lassen sich so genau einhalten.
Ganz anders dagegen in abgelegenen Gegenden wie dem Amazonas. Dort müssen sich Anlagenbauer mit schwer erträglichem Klima, ungelernten Arbeitskräften und Transportproblemen herumschlagen. Tagelange Arbeitsunterbrechungen, weil Maschinenteile irgendwo auf dem Weg hängenbleiben oder weil tropische Regenfälle niedergehen, sind die Regel.
Die Lieferzeit für die schwimmende Fabrik ist denn auch mindestens 18 Monate kürzer als für ein Werk in traditioneller Bauweise, behaupten die Ishikawajima-Harima-Manager. Und das trotz der langen Zeit von rund drei Monaten, die es dauert, bis die Fabrik-Pontons von Japan an den brasilianischen Standort geschleppt sind. "Statt uns über tropische Regenfälle zu ärgern", lobt ein IHI-Manager das neue Verfahren, "nutzen wir den dann hohen Wasserstand des Amazonas, um die Fabrik flußauf zu ziehen."
Die Konzernchefs streichen die Vorteile dieses neuartigen Anlagenexports vor allem für die Entwicklungsländer hervor. Die Pontonfabriken mit eigenen Kraftwerken sind unabhängig von einer schon zuvor entwickelten Infrastruktur an ihrem Standort. Sie bieten zudem Gewähr gegen Pfusch beim Bau durch unqualifizierte Arbeitskräfte.
Der IHI-Konzern entwickelt inzwischen 15 weitere schwimmende Industrieanlagen, darunter Stahlwerke, Zuckerraffinerien, Kraftwerke.
Auch andere im Schiffbau tätige Konzerne forcieren diesen Trend. Angesichts des Schwunds in den Auftragsbüchern für neue Tanker und Frachter -- bei einer Produktionskapazität von jährlich 19 Millionen Bruttoregistertonnen wird nur mit Orders in Höhe von 6,5 Millionen Tonnen gerechnet -- sehen sie auch kaum eine andere Wahl.
"Wir haben ein 620 Meter langes und 85 Meter breites Trockendock. und es wäre eine Schande, es leer liegenzulassen", bekennt Shigeru Matsuoka, Top-Manager der Hitachi-Konzernabteilung, die sich mit der Entwicklung schwimmender Anlagen befaßt.
Matsuoka setzt darauf, daß in zehn Jahren bis zu 20 Prozent des Hitachi-Geschäfts auf schwimmende Industrieanlagen und ähnliche Einrichtungen entfallen. Derzeit müht sich Hitachi, die Scheichtümer am Persisch-Arabischen Golf für die Idee schwimmender Luxushotels zu erwärmen. Einen Pontonwohnblock für Ölarbeiter haben bereits die Tsuneishi Shiphards an Saudi-Arabien geliefert.
Hitachi-Konkurrent Mitsubishi versucht, Tokios Regierung dafür zu gewinnen, riesige schwimmende Öltanklager für Notzeiten einzurichten.
Der Verband der Schiffbau-Industrie propagiert einen schwimmenden Großflughafen für Osaka -- ein Plan, der von einigen Regierungsbeamten schon gutgeheißen worden ist.
Denn freien Boden gibt es im bergigen Japan, dessen 113 Millionen Einwohner auf schmalen Küstenstreifen zusammengepfercht sind, ohnehin kaum noch. Im Durchschnitt gehen daher 80 Prozent der Aufwendungen für Investitionsprojekte für Grundstückskosten drauf. Auch die Möglichkeiten für Neulandgewinnung aus dem Meer stoßen auf Grenzen.
Ermuntert durch eine Regierungsstudie, rechnen sich Japans Werften daher schon ein anderes Riesengeschäft aus: Millionenstädte wie Tokio, Nagoya und Osaka sollen ihre wachsende Bevölkerung auf schwimmenden Satellitenstädten ansiedeln.

DER SPIEGEL 45/1977
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