31.10.1977

GRIECHENLANDSchreckliche Buße

Ministerpräsident Karamanlis will sein Land wieder zu einem aktiven Nato-Mitglied machen.
Die Gründe, die uns 1952 zwangen, dem Atlantik-Pakt beizutreten", schrieb unlängst die Athener Zeitung "Akropolis", "haben sich nicht geändert. Wir müßten verrückt geworden sein, Griechenland den schrecklichen Gefahren auszusetzen, die eine politische Neutralität zur Folge hat."
So denkt inzwischen wohl auch Ministerpräsident Konstantin Karamanlis. Im August 1974, nach der Türkeninvasion auf Zypern, hatte er den Austritt seines Landes aus dem Militärbündnis erklärt -- Verzweiflungstat und Protestschritt zugleich. Doch bisher hat der Austritt Griechenlands wenig genutzt und könnte in Zukunft sogar seinen Interessen schaden. Denn Karamanlis fürchtet, daß die Türken Griechenlands Positionen in der Militärallianz übernehmen wollen, um sich die Vorherrschaft in der Ägäis zu sichern.
Ursprünglich wollten die Griechen ihre nicht mehr integrierten Militärverbände für den Fall eines Konflikts mit der Türkei bereithalten. Nach französischem Vorbild sollten nur lockere Verbindungen gepflegt und erst im Falle eines Konflikts mit dem Warschauer Pakt die Streitkräfte wieder dem Nato-Kommando unterstellt werden.
Doch der gewünschte Sonderstatus würde einen einstimmigen Beschluß voraussetzen -- und der dürfte an den Türken scheitern.
Auch der griechische Plan, durch eine aktive Balkanpolitik das Terrain nach Norden zu sichern, fand in Bulgarien, Moskaus treuestem Verbündeten, einen Widersacher. Die Sowjets wollten auch die Tschechoslowakei und Ungarn -- als Gegengewicht zu Jugoslawien und Rumänien -- an einer Zusammenarbeit beteiligt sehen.
In der Tat sieht Karamanlis heute eher Gefahren aus dem Norden. Nach Titos Ableben fürchtet er eine Reihe von Umwälzungen auf der gesamten Balkanhalbinsel, denen sein Land allein nicht standhalten könnte.
"Griechenland", so erkannte Generalmajor a. D. Chandrokoukis, "zahlt heute die schreckliche Buße der übereilten Proklamation des Ministerpräsidenten, Griechenland werde niemals in das Militärbündnis zurückkehren."
Freilich ist Griechenland nie ganz aus der militärischen Allianz ausgetreten. Es ließ seine Zugehörigkeit faktisch ruhen. Zwar zog Athen seine Offiziere aus dem Nato-Stab in Izmir zurück, arbeitete aber weiterhin im politischen Bereich des Bündnisses mit. So nahm erst kürzlich der griechische Verteidigungsminister Evangelos Averoff demonstrativ an der Tagung der nuklearen Planungsgruppe der Nato teil.
Linkssozialist Andreas Papandreou glaubt allerdings zu wissen, daß die griechischen Offiziere sich nicht mehr zur Nato bekennen: "Die Rolle der Nato und der USA ist dem griechischen Offizierskorps klargeworden."
Oppositionsführer Georgios Mayros, der im August 1974 als Vizepremier und Außenminister gemeinsam mit Karamanlis den Austrittsbeschluß faßte, bereut auch heute nicht die Entscheidung, die er als "selbstverständliche Notwendigkeit" bezeichnet.
So bestimmt die Nato-Angehörigkeit wie in den ersten Wahlen nach der Diktatur auch den beginnenden Wahlkampf. Die Opposition will mit dem Slogan antreten: "Nato -- CIA -- Prodossia" ("Nato -- CIA -- Verrat").

DER SPIEGEL 45/1977
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