31.10.1977

ABERGLAUBETiger und Phönix

Über die Trassenführung von Straßen oder den Bau von Geschäftshäusern entscheidet in Hongkong oft der Aberglaube.
Ein chinesischer Millionär verkauft ohne Gewinn ein Grundstück, obwohl er es gerade erst sehr günstig ersteigert hatte.
In einer Wohnung werden die Möbel verrückt: Der neue Standort des Tisches und der Stühle soll einem asthmakranken Kind helfen.
Bevor er eine neue Brücke bauen läßt, konsultiert ein Ingenieur in Hongkong einen alten Mann, dessen auffälligstes Werkzeug ein merkwürdig aussehender Kompaß ist. Damit soll bestimmt werden, an welchem Tag, um welche Stunde am besten mit dem Bau zu beginnen sei.
Im modernen, westlich abgeklärten Hongkong haben Aberglaube und Magie Hochkonjunktur. Denn ein Großteil der chinesischen Bevölkerung will sich nicht von einem uralten Glauben trennen: dem "feng shui", der Kunst des Erdwahrsagens, der chinesischen Geomantie.
"Feng" heißt der Wind und "shui" das Wasser; zusammen stehen sie für die verborgenen Kräfte der Natur, die eingebildeten allemal.
Jeder Ort und jede Zeit haben, so will es "feng shui", ihr eigenes "xi", eine Art geistigen Atem, der den Menschen -- im Guten oder Bösen -- beeinflußt. Jeder muß sich seiner Umgebung, auch dies ist Teil des gelehrten Aberglaubens, gemäß dem Stern, unter dem er geboren wurde, anpassen.
Ein Hügel oder Berg, ein See oder Fluß können das gute "feng shui" eines Ortes bestimmen; der Bau eines Kanals oder die Errichtung einer Mauer können es verändern. Ein Wald kann vor bösen Einflüssen aus dem Norden abschirmen, die ungeeignete Form eines Gebäudes das glückbringende "xi" aus dem Süden schmälern.
"Feng shui" ist also die hellseherische Kunst, den Menschen unter bestmögliche Umwelteinflüsse zu stellen. Jahrhundertelang wurden daher chinesische Feng-shui-Experten als erste gefragt, wenn es die Lage von Gräbern, den Standort von Pagoden, die Anordnung von Städten festzulegen galt. "Die Anlage Pekings und seiner Verbotenen Stadt ist", meint ein Hongkonger Architekt, "in ihrer Berücksichtigung der Feng-shui-Kosmologie geradezu exemplarisch."
Der chinesische Glaube an die Gesetze der Geomantie war und ist so tief verwurzelt, daß er sich rationalen und künstlerischen Erwägungen stets zu widersetzen wußte:
In etlichen Fällen mußten katholische Missionare die Türme ihrer Kirchen schleifen, weil sie -- unglückbringend -- zu lange Schatten warfen. Eisenbahnlinien wurden gegen den Willen der Ingenieure verlegt, da die geplante Trassenführung nach chinesischem Verständnis das glückliche Gleichgewicht der verborgenen Kräfte der Landschaft gefährdete.
"Warum sollte ich gegen die bewährte Tradition verstoßen", sagt Filmmagnat Sir Run Run Shaw -- und konsultiert regelmäßig seinen Feng-shui-Experten. So auch vor einigen Jahren, als Sir Run ein Gelände für neue Filmstudios kaufen wollte. Unter allen verfügbaren Bauplätzen wählte Runs Geomant einen felsigen Hügelhang in einem der entlegensten Gebiete der Neuen Territorien aus. Erfolg: ein blühendes Filmgeschäft sowie um das Hundertfache gestiegene Grundstückspreise.
Auf den Geomanten zu hören, zahlt sich anscheinend aus: Gegen den Rat seines Feng-shui-Mannes bestand ein Großindustrieller in Hongkong darauf, sich in einer eleganten Straße eine Villa zu bauen. Seitdem ist sein Geschäft immer weiter zurückgegangen; selbst Freunde lassen sich nicht mehr bei ihm zum Essen einladen, da das Haus "Unglück atme".
Der große Erfolg der Shanghai-Bank in Hongkong ist angeblich auch auf den weisen Rat eines Feng-shui-Experten zurückzuführen. Er wählte den Bauplatz aus und gab Empfehlungen für die Gebäudeform. Die Bank erinnert deshalb in ihrem Aussehen an einen thronenden Kaiser. Sie ist von zwei Turmbauten flankiert, die die Schutzgeister des Kaisers darstellen -- Tiger und Phönix. Auch das Wasser des Hafens unmittelbar vor der Bank kann ihrem guten "feng shui" nur förderlich sein.
Einer der besten Kunden der Fengshui-Berater ist Hongkongs Regierung. Wann immer eine neue Straße zu eröffnen, eine Brücke oder ein Damm zu bauen sind, konsultieren die zuständigen Beamten einen Geomanten. Das besänftigt vor allem aufgebrachte Bürger, die die Landschaft in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten wollen. Die seherische Fähigkeit der Geomanten aber setzt derlei Wünsche außer Kraft -- zum Wohle aller, sagen die Geomanten.
Nicht immer. Im vergangenen Monat erteilte ein Feng-shui-Experte der angesehenen Wochenzeitschrift "Far Eastern Economic Review" den Rat, Schreibtische, Aktenschränke und Schreibmaschinen in der Redaktion umzustellen, um so "die bösen Geister abzuwenden". Doch diesmal blieb die heilsame Wirkung aus. Im Gegenteil: Zwei der Journalisten des Hongkonger Magazins wurden in Südostasien verhaftet, ein dritter kam beim Wasserski in Hongkong ums Leben.
In Hongkong leben heute rund 200 praktizierende Feng-shui-Experten, auf Taiwan sind es etwa 20 000. Und selbst in der Volksrepublik China, die seit fast 30 Jahren einen erbitterten Kampf gegen den Aberglauben führt, sterben Traditionen, das verachtenswerte Relikt der alten Gesellschaft, nur schwer:
Ein Bauerndorf in der Provinz Kuangtung wurde unlängst von dem Geist eines Mannes heimgesucht, der auf dem nahegelegenen Friedhof "unzulänglich" bestattet worden war, berichtete die Hongkonger Tageszeitung "Min Bao".
In ihrer Not wandten sich die Bauern heimlich an einen alten Feng-shui-Experten um Rat. Die Empfehlung des weisen Alten: "Hängt ein Bild des Vorsitzenden Mao vor eure Türen. Mao ist tapfer und stark. Er wird das böse feng shui von dem Friedhof vertreiben."

DER SPIEGEL 45/1977
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