31.10.1977

Kalifornisches Olympia

Terroristenfurcht und Finanzpleiten lähmen die Lust, Olympiaden zu vcr anstalten. Für die Sommerspiele 1984 meldete sich nur Los Angeles.
Sheriff Ed Davis aus Los Angeles fürchtet nichts, nicht einmal Gott: "Wir helfen uns selbst, zehn Prozent der lokalen Polizei genügen, um die Olympischen Spiele abzusichern." Da Davis 7000 männliche und weibliche Polizisten befehligt, will er Olympia 1984 mit 700 Wächtern schützen.
"Das reicht natürlich bei weitem nicht", warnt Deutschlands Olympia-Veranstalter Willi Daume, dem 1972 in München arabische Terroristen die Spiele zerstörten, elf israelische Sportler und einen deutschen Polizisten töteten, bevor sie, tot oder lebend, nach einem heftigen Schußwechsel aufgelesen wurden.
Doch Ed Davis beeindruckt das Münchner Massaker nicht, vielmehr sorgt er sich um seine friedliebenden kalifornischen Mitbürger: "Unsere Bevölkerung würde Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett nicht gern sehen, hier ist weder München noch Mogadischu."
Mit der gleichen Zuversicht wie ihr Sheriff bewarb sich die Stadt Los Angeles um die Austragungsrechte der Olympischen Sommerspiele 1984. Keine andere Stadt auf der Welt meldete sich sonst noch bis kurz vor dem Meldeschluß, 31. Oktober 1977, um die immer gefährlicher gewordene Olympiade zu veranstalten. Saudi-Arabien schickte seine Bewerbung erst gar nicht ab, der Schah von Persien zog sie für Teheran zurück. Für die Winterspiele 1984 meldete nur das japanische Sapporo.
Nach Moskau, das 1980 an der Reihe ist, scheint Olympia keineswegs mehr ein Geschenk zu Nutz und Frommen der Wirtschaft und Entwicklungshilfe, sondern eher ein Signal für Terror und Anarchie zu sein.
Bereits Olympia 1976 in Montreal, wo 17 000 Polizisten wachten, war vor lauter Terroristen-Furcht als das "größte Polizeisportfest der Welt" in Verruf geraten. Eine Milliarde Dollar Defizit hinterließ die durch politische Querelen und Rassenhaß belastete Muskelmesse obendrein.
Los Angeles fürchtet auch die Finanzpleite nicht. Bürgermeister Tom Bradlcy verspricht "spartanische Spiele", weil viele Anlagen, so auch das Olympiastadion von 1932, noch in bestem Zustand sind. Damals, mitten in der Depression, erzielte das südkalifornische Olympiakomitee sogar eine Million Dollar Reingewinn.
"Den Reingewinn wollen wir 1984 wiederholen", behauptet Komitee-Präsident John Argue, der sich rühmt, daß sein Vater "zu den Gründern des kalifornischen Olympia-Komitees zählte". Auch Bürgermeister Bradley rechnet nur mit 184 Millionen Dollar Gesamtkosten. München hatte fast zwei Milliarden Mark gekostet, Montreal mehr als drei. Auch die Bürger von Los Angeles, das ergaben Umfragen, befürchten eher Schulden als Profit.
Teuerung und Übertreibung bis zum architektonischen Gigantismus hatten die Olympischen Spiele der Neuzeit seit dem Start 1896 in Athen gekennzeichnet. In München deprimierte ein stets reparaturbedürftiges Zeltdach die Veranstalter. In Montreal blieb ein Glockenturm in der Planung stecken.
Noch ehrgeiziger gingen besonders die US-Veranstalter der Winterspiele, die 1928 hinzugekommen waren, auf Bürgerkosten zu Werke. Für 1960 entstand in der Indianer-Niederlassung Squaw Valley ein moderner Wintersport-Ort, der freilich heute zum Überleben zu teuer, zum Sterben zu schön Ist.
1972 erzwangen die Bürger von Denver eine Volksabstimmung gegen das voreilige Olympia-Projekt in ihrem Ort. Für 14 Millionen Dollar wollten die Planer Olympia spielen. Als die Kosten auf 93 Millionen angeschwollen waren, lehnten die Bürger das Projekt ab.
Sorglos kalkulieren nun auch die Olympiamacher von Los Angeles. Aus Kostengründen verzichteten sie darauf, ihre Finanzprüferin Susan Fields ins ferne München zu entsenden, sondern ließen sie nur nach Montreal reisen. Der Fields-Bericht gibt auch so zu Zweifeln Anlaß.
Während Bürgermeister Bradley in Los Angeles ein städtisches Investitions-Budget von 33,5 Millionen Dollar -ganze 5,5 Prozent des Münchner Kapitalaufwands -- für ausreichend hielt, ermittelte Susan Fields, daß Montreal nahezu 1,068 Milliarden Dollar Eigengeld aufbringen mußte. Der Magistrat von Los Angeles errechnete sogar, daß 1984 allein die Investitionskosten mindestens 72,5 Millionen Dollar. möglicherweise sogar 208,5 Millionen betragen werden. Bürgermeister Bradley strich den Kostenvoranschlag für sein Spar-Olympia auf die von ihm zuerst festgesetzten 33,5 Millionen Dollar zusammen.
Der Trick: Das Olympische Dorf soll eingespart werden. Was in Montreal noch mehr als 85 Millionen Dollar gekostet hat, plant Bradley ganz einfach. Entweder kampieren die erwarteten 12 000 Sportler und Betreuer in drei Studentenheimen, oder private Firmen bauen auf eigene Rechnung Unterkünfte. Die Summa Corp. des verstorbenen Howard Hughes möchte das Gelände nahe dem Olympiastadion erschließen und später allein nutzen.
Das Unbehagen der Bürger am Olympiaprojekt suchen Bürgermeister Bradley und seine Planer auf allen Posten mit optimistischen Zahlen zu kaschieren. In Montreal brachte der Verkauf der Eintrittskarten 20 Millionen Dollar ein. Los Angeles rechnet mit mehr als 39 Millionen Dollar.
Befriedigt zitiert Bradley auch den Schweizer Thomas Keller, Präsident des Internationalen Ruder-Verbandes, der klaglos den Los Angeles River als Rennstrecke akzeptierte, obwohl seit Jahrzehnten für Olympia spezielle Ruder- und Kanu-Kanäle und teure Bootshäuser gebaut wurden. Keller: "Wir verlangen keine rosaroten Elefanten, Sie können unsere Boote ruhig in Zelten unterbringen." Keller weiß allerdings nicht, daß der Los-Angeles-Fluß von April bis Oktober überhaupt kein Wasser führt.
"Der Staat Kalifornien braucht nicht einen Dollar für die Olympiade auszugeben", versicherte der kalifornische Gouverneur und Bradley-Freund Edmund Brown. Der Jesuitenzögling bezahlte sogar bisher seine olympischen Fluoreisen aus eigener Tasche.
Daß Montreal allein für Sicherheitsvorkehrungen 150 Millionen Dollar ausgegeben hat, hält Bradley wie sein Sheriff Davis für "blanken Unsinn". Zu den Polizisten der Stadt sollen im Ernstfall Autobahnpolizei und Nationalgarde, FBI und Marine-Infanterie hinzugezogen werden. Davis: "Wenn keine Stadt der Welt mit Olympia fertig wird, dann doch Los Angeles."
Was die Bedenken der anderen Städte angeht, mag der Sheriff recht haben Um die Sommerspiele 1960 hatten sich noch zehn Städte beworben, 1972 und 1976 wagten es nur noch vier. Jetzt meldete Los Angeles allein.
Doch in einer Stadt hat sich Sheriff Davis getäuscht. Für den Fall, daß die Bürger von Los Angeles per Volksentscheid den Auftrag an das Internationale Olympische Komitee zurückgeben, würde Olympiamacher Daume München als Ausweich-Ort herrichten. Daume: "Aber man müßte uns darum bitten." Und danach beten.

DER SPIEGEL 45/1977
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