31.10.1977

SCHRIFTSTELLERFrau im Mann

Ein unveröffentlichter Roman Ernest Hemingways zeigt den Autor in neuem Licht: War „Papa“ ein „sexuell zweideutiger“ Softy?
Als er sich das Leben nahm, 1961, war sein literarischer Ruhm schon siech. Und gut ein Jahrzehnt später schien Ernest Hemingway doppelt tot zu sein: Der Jäger-Boxer-Fischer-Krieger-Schriftsteller, das Supermannsbild, der "he-man" Hemingway wurde von einer Zeit überholt, die den Kult der Männlichkeit und darüberhinaus jede Geschlechterrollen-Fixierung in Frage zu stellen begann.
Zwar, an Neuauflagen und sogar postumen Neuerscheinungen war kein Mangel. Gerade in diesem Herbst hat Rowohlt Hemingways Gesammelte Werke( Hardcove-Ausgabe 220 Mark, Taschenbuch-Kassette 78 Mark) herausgebracht.
Doch Nachlaß-Novitäten wie die Erinnerungen "Paris -- ein Fest fürs Leben" oder das Romanfragment "Inseln im Strom" (eine US-Verfilmung kommt jetzt in deusche Kinos) konnten das alte Hemingway-Bild nicht auffrischen, einige Studien (Carlos Bakers Hemingway-Biographie, Sohn Gregorys "Papa"-Memoiren) es nur leicht differenzieren.
Das mag sich demnächst ändern. Der US-Autor Aaron Latham hat im "New York Times Magazine" erstmals Einzelheiten über einen noch unveröffentlichten Hemingway-Roman publiziert, der den Verfasser gar nicht so als ganzen Kerl zeigt und ihm gerade darum "eine verlorene Generation von Lesern zurückgewinnen" konnte: "Garden of Eden.
Fazit von Lathams Analyse: Der Roman signalisiere "a farewell to machismo"" einen Abschied vom Männlichkeitskult.
Hemingway hatte das Werk 1946 begonnen, dann beiseite gelegt, schließlich drei Jahre vor seinem Tod wieder aufgenommen und, ohne die letzte Stil-Politur, vollendet. Erst im Sommer dieses Jahres übergab die Dichter-Witwe Mary Welsh Hemingway das 1214-Seiten-Manuskript zusammen mit anderen unveröffentlichten Texten in zwei großen Einkaufstüten der John-F.-Kennedy-Bibliothek in Boston, die Schriften des ermordeten US-Präsidenten und des Literatur-Nobelpreisträgers aufbewahrt.
Im "Garten Eden", so berichtet Latham, schildert Hemingway eine Art sexueller Utopie: den Versuch eines jungen Liebespaares, die Geschlechterrollen zu vertauschen.
Catherine, die Romanheldin, möchte Mann sein und wünscht sich, daß ihr Partner David Frau wird. Sie nennt ihn Catherine, er sie Pete. Die beiden lieben sich auf eine "neue, ungewöhnliche Weise", die sie als "schamlos" bezeichnen, die der Erzähler aber "nie ganz deutlich erklärt" (Latham).
David glaubt, daß es seiner Geliebten Spaß macht, ihn zu "verderben", und er hat Gewissensbisse, weil er sich so leicht von ihr "verderben" läßt. Sie erklärt, daß sie zu ihrem sexuellen Experiment durch den Anblick einer androgynen Rodin-Skulptur angeregt worden sei -- einer halb männlichen, halb weiblichen Figur.
Eine wichtige Rolle beim Rollentausch spielt die Frisur: Catherine läßt sich die Haare färben und kurz schneiden, um sie Davids Haupthaar exakt anzugleichen. Und dieses Motiv wird im Roman noch verdoppelt: Catherine und David begegnen einem anderen, ähnlich praktizierenden Paar, Nick und Barbara -- in diesem Fall allerdings läßt der Mann sein Haar wachsen und trimmen, bis es so lang und lockig ist wie das der Frau.
Aaron Latham zitiert aus Hemingways Werken, veröffentlichten wie ungedruckten. noch weitere Belege für eine spezielle "Haar-Faszinatio" des Schriftstehers, die mit seiner "Faszination durch die Janusgesichter der Sexualität" verbunden sei, und scherzt: "Papa hätte an den 60er Jahren seine Freude gehabt."
Das erotische Idyll in Hemingways Paradiesgarten ist freilich auf Dauer nicht haltbar: Kurzhaar-David geht mit Langhaar-Barbara fremd, Kurzhaar-Catherine seelisch in die Brüche.
Die bizarre Fabel, so erläutert Latham, hat durchaus autobiographische Züge: Die beiden Jungverheirateten Catherine und David leben zu Beginn des Romans in jenem südfranzösischen Fischerdorf, in dem auch Hemingway und seine zweite Frau Pauline 1927 ihre Flitterwochen verbrachten; David ist Schriftsteller.
Mehr noch: Das zweite Paar, Nick und Barbara, lebt in Paris in der Rue du Cardinal-Lemoine -- Wohnsitz He-
* 1922 im Schwarzwald.
mingways und seiner ersten Frau Radley, 1922. Barbaras Schopf ist füllig und rotblond -- wie Hadleys. Und in einer Vorstudie zum "Garten Eden", die Latham ebenfalls im Hemingway-Nachlaß aufspürte, heißt das Liebespaar Tatie und Hadley -- Tatie war der Kosename, den die wirkliche Hadley ihrem Ernest gab.
Angesichts dieser Funde fragt sich der Nachlaß-Forscher wohl begründet, "ob Ernest Hemingway und seine erste Frau damals in den zwanziger Jahren nicht vielleicht selber mit einem Tausch der Geschlechterrollen experimentiert haben". Latham: " Wenn es so war, würde das bedeuten, daß Hemingway vom Beginn seiner Schriftsteller-Karriere an von der Frau im Mann und dem Mann in der Frau fasziniert war."
Indizien dafür, daß "Papa", der als Kind von seiner Mutter beharrlich wie ein Mädchen gekleidet worden war, auch später noch so empfand und "experimentierte", glaubt Latham in "How lt Was", den Memoiren Marys, der vierten und letzten Frau Hemingway, gefunden zu haben.
In diesem Buch (SPIEGEL 42/1976), das jetzt auf deutsch erschienen ist**, zitiert die Witwe aus ihrem Tagebuch ein Imaginäres Interview, das Hemingway während ihrer gemeinsamen Ostafrika-Safari 1954 sich und ihr zum Spaß erfunden habe:
Reporter: "Mister Hemingway" ist es wahr, daß Ihre Frau Lesbierin ist?" Papa: "Natürlich nicht. Mrs. Hemingway ist ein Knabe."
Reporter: "Was sind Ihre Lieblingssportarten?" 1954 in Afrika.
** Mary Welsh Hemingway: "Wie es war". Rowohlt Verlag, Reinbek: 480 Seiten: 34 Mark.
Papa: "Jagen, Fischen, Lesen und Sodomie.
Reporter: "Nimmt Mrs. Hemingway an diesen sportlichen Betätigungen teil?" Papa: "Ja, an allen." ...
Einen Tag darauf trug Hemingway selber in Mrs. Marys Tagebuch ein: Mary ... hat immer ein Junge sein wollen und denkt wie ein Junge, ohne je dabei etwas von ihrer Weiblichkeit einzubüßen ... Sie liebt es, mich als ihr Mädchen zu sehen, was ich nur zu gern bin, denn ich bin nicht ganz dumm ... Dafür belohnt sie mich, und nachts tun wir alles mögliche, was ihr und mir gefällt. Mary Hemingway hat den Charakter ihrer Beziehung zu Ernest und die Art ihrer "gemeinsamen Sinnenfreuden" so umschrieben: "Wir waren sanft ineinandergreifende Teile eines einzigen Wesens ... Vielleicht waren wir androgyn:"
Ernest Hemingway ein Softy, belastet oder begnadet mit "sexueller Zweideutigkeit"?
Am Ende seines Lebens, so resümiert Aaron Latham, habe sich dem Romancier ein Leitmotiv-Kreis gerundet: "Der Mann, der als kleiner Junge Mädchenkleider trug, beschloß seine Laufbahn mit der Arbeit an einem Buch über einen Mann, der sein Haar nach Frauenart trägt ... Vielleicht hatte Papa endlich begriffen, daß er sie beide in sich trug, Catherine und David."
Dieser Hemingway jedenfalls, der Autor des "androgynen "Garten Eden"", dieser andere Hemingway, der "nicht weniger, sondern mehr als ein he-man war", meint Latham, habe einer neuen Generation durchaus noch etwas zu sagen: "Wenn man die unveröffentlichten Hemingway-Schriften liest, sagt man einem Denkmal ade."

DER SPIEGEL 45/1977
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