31.10.1977

Georg Wolff über Ernst Jünger: „Eumeswil“Traurige Träume

Ernst Jünger, 82, berühmt geworden durch Werke wie „In Stahlgewittern“ (1920) oder „Der Arbeiter“ (1932), veröffentlichte zuletzt die Essays „Zahlen und Götter“ und „Philemon und Raucis“.
Mit neun Jahren habe er "das dulce et decorum gelernt", den Satz also vom süßen Sterben fürs Vaterland. So schrieb Ernst Jünger vor vielen, vielen Jahren. Das ist nun vorbei, endgültig. Jüngers neuer Roman -- "Eumeswil" -macht das auf heftige Weise deutlich.
"Ich habe", läßt der heute 82 Jahre alte Autor seinen Roman-Helden Martin Venator ausspucken, "einmal einen Eid geschworen, einmal "Widerstand geleistet"; Volk und König haben keinen Anspruch mehr auf mich."
Natürlich ist das auch Jüngersche Selbstbiographie. Soldat, treuer Soldat, war er im Ersten Weltkrieg (14 Verwundungen, Pour le mérite), widerstehender im Zweiten. Doch heute ist die Erinnerung an beides gallebitter. Was war die Uniform, die er damals trug? "Teils Narrenkittel", "teils Tarnanzug"!
Der Hohn gilt nicht nur der Vergangenheit. Er lebe, zeichnet Jüngers Venator auf, in einer Welt, die er ""letzthinnig" nicht ernst" nehme. Ihre Ideen seien "abgeschliffen", ihre Möglichkeiten erschöpft, ihre Menschen "fellachoid", ausgebrannt. Der "Ofen ist kalt", er "wärmt nicht mehr".
"Eumeswil" ist ein Roman der Verachtung, aber auch ein Roman einer Heilserwartung. Die Verachtung betrifft "die Realität", die Welt also, wie sie heute ist. Die Erwartung hingegen gilt einem Ereignis, für das sich Held Venator "in Bereitschaft" hält, das aber nicht eintritt: "das Große Treffen", "der Einbruch des Absoluten in die Zeit" -- etwas weniger kriegerisch und etwas weniger philosophisch gesagt: das (neuerliche) Erscheinen eines Gottes auf dieser Erde.
Eine Welt, die des Ernstes nicht wert ist; ein Heil, das sich nicht ereignet -- das ist eine überaus schwierige Roman-Konstellation. Über das einzige, was Jünger als wichtig gelten läßt, das Auftreten des Gottes, kann er nicht berichten, hat er nichts zu berichten: Gott erscheint nicht; der Einbruch des Absoluten findet, anständigerweise übrigens, in dem Roman nicht statt. Andererseits: Ober das einzige, was er schildern könnte -- nämlich die Realität -, mag Jünger nicht berichten. Sie will er nicht ernst nehmen. Nicht einmal Besserungsversuche Würden sich lohnen, meint er über sie.
Placiert zwischen einer Erde, die ihn ekelt, und einem Himmel, der ihn langweilt, hat Jünger ein Buch der Träume geschrieben ein Buch trauriger Träume.
Eumeswil ist eine Traum-Stadt. In einigen Zügen ähnelt sie dem marokkanischen Agadir, das Jünger gut kennt: andererseits grenzt sie an Kappadokien, an eine anatolische Landschaft also. Träume sind keine Photographien.
Eumeswil wird von einem Tyrannen namens "Condor" regiert; sein Regime ist milde. Wie die Stadt und der Staat sind auch der Tyrann und dessen Gardisten, Gegner und Zeitgenossen Traum-Gebilde: knopfköpfige" gesichtslose Wesen, wie Henry Moores König und Königin.
Das gilt, wenngleich mit Einschränkungen, auch für den Helden Martin Venator -- eine Figur, deren Vita so willkürlich zusammengewürfelt ist, wie es die Nasen und Augen auf Picassos Menschenbildern sind. Venator ist Historiker, Soldat und Kellner. Er verwaltet die Nachtbar des Tyrannen und verbringt Stunden vor dem Großen Luminar, einer Zeitmaschine, mit deren Hilfe Eingeweihte vergangene Epochen herbeizitieren können. Er kommandiert eine Eingreif-Reserve zur Verteidigung der "Kasbah", der Residenz des Tyrannen, bereitet sich aber zum Untertauchen vor, falls sich eine Revolution ereignen sollte.
Der Roman spielt im dritten Jahrtausend, genauer im 21. Jahrhundert. Vorweggegangen ist ein nuklearer Weltkrieg. Eumeswil gehört zu der Welt, die aus "den Feuerschlägen" hervorgegangen ist. Die wissenschaftlichtechnische Zivilisation des 20. Jahrhunderts ist fast völlig vernichtet. An manchen Stellen der Erde ist sogar die Genetik außer Rand und Band geraten. Heereszüge riesiger Termiten ziehen dort umher, drachenähnliche Schlangen mit flatternden Säumen treten auf, sogar ein Lamm mit Menschenantlitz wird beobachtet.
Doch treten diese apokalyptischen Erscheinungen nur jenseits eines großen, unheimlichen Waldes auf. Eumeswil selbst dagegen macht einen eher gefälligen, wenn auch verlumpten Eindruck: "Im großen und ganzen kann man hier tun und lassen, was man will", notiert sich Venator, was zweifellos auch Jüngers Meinung über die Bundesrepublik im 20. Jahrhundert ist.
Auch die Beschreibung der Zustände von Eumeswil ist somnambul. Sie sei in "submariner Stimmung" aufgezeichnet, bemerkt Venator. Vertrauenswürdige Auskunft über das 21. Jahrhundert ist denn auch nicht von ihr zu erwarten. Da gibt es Balltreter, Betonmischer, Flieger und Rennfahrer wie im 20. Jahrhundert, aber auch Wagen-Remisen, Volieren, Ställe und Kürassiere wie im 18., und schließlich eben jene gespenstischen Geschöpfe einer nachwissenschaftlichen Welt, wie sie -- laut Jünger -- nach den "Feuerschlägen" durch wilde Kopulationen entstanden sind: Tiere und Pflanzen von Riesenwuchs, Bastarde der befremdlichsten Art.
Was bedeutet dies sehr artistisch konstruierte Panorama einer Welt, in der, wie in Salvador Dalis Gemälde der auseinanderfließenden Uhren ("Zerrinnende Zeit"), die unendliche Langeweile des leblosen Universums herrscht?
Jünger hat sich selbst immer als eine seismographische Existenz und seine literarischen Produkte als Bekundungen des Zeitgeistes aufgefaßt. Auch "Eumeswil" ist darauf angelegt, eine Aussage über die Zeit zu machen: über den nach Jüngers Meinung sich abzeichnenden Zusammenbruch der technisch-wissenschaftlichen Kultur, über die Ohnmacht des Menschen in dieser Katastrophe -- und am Ende darüber, wie der Mensch wieder zu Würde gelangen kann, wie er, in den Worten Venator-Jüngers, "den Übermächten, sei es des Staates, der Gesellschaft oder der Elemente, trotzt, indem er, ohne sieh unterzuordnen, sich ihrer Spielregeln bedient".
Offenkundig war es Jüngers ursprüngliche Absicht, zu demonstrieren. wie Venator "den Übermächten trotzt". Das ist mißlungen. Zwar behauptet Venator(-Jünger) unentwegt, er sei ein "Anarch", ein "Freiherr unter allen Umständen", keinem Gesetz unterworfen und niemandem und nichts verpflichtet. Doch will es am Ende scheinen, daß Venators Trotzen gegen Staat, Gesellschaft und Elemente bloß in dessen Kopf stattfindet. Taten des Widerstandes hat Jünger nicht von ihm zu berichten. Zum Schluß zieht Venator mit dem Tyrannen zur "Großen Jagd" in den Wald und kehrt nicht wieder.
Venators Versuch, sich "auf nichts einzulassen, nichts letzthin ernst zu nehmen", scheitert -- und damit auch Jüngers Romankonzept. Die verachtete Realität bleibt unbesiegt. Der Held muß mit einer resignierenden Gebärde abtreten. "Das Bewußtsein, nicht genügt zu haben", läßt ihn Jünger sagen, "überschattet sowohl meine historische wie meine persönliche Existenz."
Von Georg Wolff

DER SPIEGEL 45/1977
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