31.10.1977

MANAGERPaschas Penunzen

„Nähmaschinen-König“ Isaac Singer hat die Nähmaschine nicht erfunden. Er war, wie eine Buchdokumentation über ihn enthüllt, ein rüder Geschäftsmann und ein rastloser Casanova.
Unter Zehntausenden von armen Auswanderern aus Europa, die im 19. Jahrhundert in Amerika eine bessere Zukunft suchten, erblickten manche einen verheißungsvollen Zipfel von ihr schon bald nach der Ankunft in New York. Sie begegneten Isaac Merritt Singer, dem Nähmaschinen-Millionär.
Er rollte, von neun prachtvollen Pferden gezogen, in einer riesigen. knallgelben Luxus-Equipage für 31 Personen durch die Avenuen. Ein kleines Orchester auf Extrasitzen spielte fröhliche Musik. Auf den Polstern saßen elegant gekleidete Damen und Herren, aus einem besonderen Abteil im Heck des Fahrzeugs tönte Quieken und Juchzen von Kindern.
Gab es überzeugendere Beweise für den Chancenreichtum dieses Landes als Männer wie Singer, den Senkrechtstarter vom Habenichts zum Nähmaschinenkönig und Multimillionär? Nein, dieses Land hatte wohl wirklich keine unüberwindlichen Hinderniss für den Tüchtigen.
Wie sich Singer, gleich den Vanderbilts und Carnegies, beim Aufbruch Amerikas zur stärksten Industrie-Weltmacht tatsächlich emporgeschwungen hat, blieb bisher weithin im dunkeln. Was Wunder -- Isaac Singer schrieb so gut wie niemals Briefe, führte keine Tagebücher, von denen Biographen hätten zehren können.
Mehr als hundert Jahre nach Singers Tod (im Jahre 1875) hat die britische Autorin Ruth Brandon nun erstmals umfassend dargelegt, wer und wie Isaac Singer wirklich war. Aus alten Familiendokumenten, Zeitungsberichten, Aufzeichnungen von Partnern, Firmenmaterial und Gerichtsprotokollen formte die Biographin "A Capitalist Romance", eine fesselnde Dokumentation über "Singer und die Nähmaschine". Dabei entpuppt sich Singer als rüder und rücksichtsloser Strolch, der mitnichten die Nähmaschine erfunden hat*.
"Ich huste auf die Erfindung", war das Credo des Nähmaschinenkönigs. "ich bin nur auf die Penunzen aus."
Würde Singer heute leben -- er süße gewiß im Gefängnis. Er betrog seine Geschäftspartner, griff tiefer als erlaubt in gemeinschaftliche Firmenkassen, schmähte und verprügelte die fünf verschiedenen Mütter seiner Kinder. denn er war obendrein auch noch ein strenger Anhänger der Vielweiberei. Er selber erblickte sich heimlich als Opfer tragischen Unverstands -- lieber hätte er nämlich seinen Reichtum auf der Bühne als gefeierter Darsteller König Richards III. gewonnen.
Mit zwölf Jahren verließ Singer, Jahrgang 1811, das Elternhaus in Oswego im Staat New York. Seine Vorfahren, deutsche Juden aus dem Raum Frankfurt, hatten einst bei der Einwanderung ihren Namen Reisinger auf Singer verkürzt. Jung-Isaac schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, bis er als Neunzehnjähriger den Ruf nach dem Theater in sich vernahm,
Mit Rollen wie Macbeth, Richard III. und Othello zog er, schon Familienvater, 14 magere Jahre lang als wandernder Mime
* Ruth Brandon: "A Capitalist Romance/ Singer and the Sewing Machine. Lippincott. Philadelphia/New York; 244 Seiten; 19 Dollar.
durch die Lande. Fand sich kein Auditorium, das sein klagendes "Ein Pferd! Ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd!" anhören wollte, reparierte er zwischendurch als Mechaniker den Farmern die Ackermaschinen.
Bei einer dieser Zwangspausen -- die Kritiken seiner Schauspielkunst waren häufig genug vernichtend gewesen -kehrte der blonde Hüne dem Theater den Rücken. Inzwischen war er sich offenbar über sein wahres Talent klargeworden: Er konnte instinktiv einen brauchbaren technischen Entwurf und mechanische Fehlerursachen einer Maschinerie erkennen. Mit Patenten zweier Erfindungen -- einem Gesteinsbohrer und einer Schnitzapparatur für die Herstellung hölzerner Drucklettern -- suchte Singer sein Glück in New York.
Er fand es zunächst in Gestalt eines Geldgebers: Der Buchverleger George Zieber investierte 3000 Dollar in Singers Holzbuchstaben. Aber das Unternehmen endete mit einem Fehlschlag. weil die Zeit hölzerner Lettern zu Ende ging. Zwar baute Singer seine Zuschneideapparatur, doch in dem eigens angemieteten Laden in Boston erschien nicht ein einziger Käufer.
Dafür stieß Singer beim Umherschweifen im Stockwerk über seinem Laden zufällig auf einen Erfinder, der sich mit einer Nähmaschine abplagte -- Singer begegnete dem Instrument. das fortan sein Leben bestimmte. Augenblicklich begriff Singer, was der Erfinder falsch gemacht hatte: Er verwendete eine gekrümmte Nadel und ein bogenförmig sich bewegendes Schiffchen, eine ungeschickte Anordnung. die das Garn unter Spannung hielt und die Nadel brechen ließ.
Singer empfahl eine gerade Nadel und riet: "Das Schiffchen muß sich auf gerader Bahn hin und her, die Nadel auf und ab bewegen." Der Erfinder. ein gewisser Orson Phelps, ging mit Zieber und Singer eine Partnerschaft ein. Elf Tage und Nächte tüftelte Singer an dem Problem der Phelps-Nähmaschine herum, dann hatte er die Lösung: Die Maschine nähte zuverlässig mit sauberen Stichen.
Sodann schaffte sich Singer der Reihe nach seine Partner vom Halse, um das günstig gedeihende Geschäft allein machen zu können. Den Erfinder Phelps, eine offenbar reichlich törichte Figur, warf er 1850 einfach hinaus. Für Zieber wählte er eine subtilere Methode. Der Partner war fiebrig erkrankt, hatte mehrfach den Arzt bemühen müssen. Eines Tages log Singer dem Kranken vor, der Arzt habe ihm anvertraut, sein Leiden sei unheilbar. Singer brachte den aufgeschreckten Teilhaber dazu, ihm für einen Pappenstiel von 6000 Dollar seine Geschäftsanteile abzutreten -- immerhin denselben Mann, der ihn und seine Familie einst vor dem Verhungern bewahrt hatte.
Auf seinem Weg zum Multimillionär nutzte Singer, der einen sicheren Blick auch für brauchbare menschliche Fähigkeiten hatte, fortan die Talente zahlloser Partner aus, die er fast alle um einen gebührenden Anteil am geschäftlichen Ertrag prellte. Autorin Brandon ermittelte jedoch, daß Singer nach Zieher die gefeuerten Kompagnons nicht auf die Straße warf, sondern ihnen gnädig ein Gehalt aussetzte.
Selber unter die Blessierten geriet der rüde Kapitalist, als im Jahre 1852 der "Nähmaschinenkrieg" ausbrach, der zwei Jahre hindurch in Zeitungsannoncen und Gerichtssälen ausgetragen wurde. Alle Nähmaschinenfabrikanten verwendeten an ihren ratternden Apparaten das sogenannte Steppstichverfahren. Just dieses Verfahren hatte sich Elias Howe, einer der zahlreichen Nähmaschinenerfinder, schon 1846 patentieren lassen. Er verlangte nun von jedem Fabrikanten eine Lizenzgebühr von 25 000 Dollar.
Singer, der um keinen Preis überhaupt etwas zahlen wollte, kämpfte verzweifelt. Zunächst verwies er auf die Chinesen, die schon Jahrhunderte früher mit Steppstich-Nähmaschinen ihre Seidensäume genäht hätten -- das Argument erwies sich vor Gericht als nicht verifizierbar. Daraufhin mobilisierte der Erzürnte einen Walter Hunt, der schon 1834 den Steppstich erfunden hatte -- Hunts Prototyp freilich gab weder Stich noch Beweiskraft her.
Howe erlangte im Jahre 1854 ein Gerichtsurteil für sein Patent. Alle Nähmaschinenfabrikanten mußten fortan dem anerkannten Steppstichler pro Nähmaschine eine Gebühr von 25 Dollar zahlen, rund zwei Millionen Dollar bis zum Auslauf des Patents 1867.
Um den ruinösen Wettbewerb -- immerhin gab es damals rund 900 weitere Nähmaschinen-Patente -- zu beenden, formierten sich die Fabrikanten 1856 zu einer Art Kartell: Jeder zahlte eine einmalige Patentgebühr von 15 Dollar per verkaufte Maschine.
Gemeinsam mit dem ideenreichen Rechtsanwalt Edward Clark, dem einzigen, der eine Partnerschaft mit Isaac Singer überlebte, setzte sich Singer bald an die Spitze des Marktes. Sie führten, abgeguckt bei der Revolverproduktion des Obersten Samuel Colt, die Serienherstellung gleicher und damit austauschbarer Teile ein. Der durchschnittliche Preis verbilligte sich dadurch von 125 Dollar im Jahr 1850 auf 64 Dollar im Jahre 1870 -- bei Herstellungskosten von nunmehr nur noch ganzen zwölf Dollar.
Unermüdlich ging Singer, schon bald Konkurrenten schluckend, zu immer neuen Methoden über: Er nahm Alt-Maschinen in Zahlung, führte Ratenkauf ein, forcierte die Ausfuhr, organisierte einen weltweiten Kundendienst. Vor allem aber vermarktete er die Nähmaschine als Instrument für die Befreiung der Frau -- derselbe Mann immerhin, der früher die Nähmaschine als "teuflisch" verdammt hatte, da sie "den Frauen das einzige wegnehmen kann, was sie ruhig hält, ihr Nähzeug".
Aber, tragisch genug, dem Fabrikanten Isaac Singer erging es nun ganz wie König Richard III., den er einst auf der Wanderbühne so gern verkörpert hatte: Amerikas und Europas Frauen, befreit durch Singers Maschine von stundenlanger Näh-Mühsal mit Nadel und Zwirn, hatten nun Zeit zum Lesen. Und was lasen sie in der Zeitung? Spaltenlang berichtete die Presse immer wieder vom zügellosen Sexleben des Nähmaschinenkönigs.
Über Singers "unbestreitbaren Erfolg als Schürzenjäger" berichtete Autorin Ruth Brandon: "Singer liebte Frauer wegen ihrer Körper und nicht wegen etwas so Abstraktem, Uninteressantem wie ihrem Verstand." Auf der Höhe seines Schaffens stand der Vielbegehrte in New York City sogar gleichzeitig drei Haushalten mit Familie unter drei verschiedenen Namen vor -- zugleich versah er auf Long Island regelmäßig seine Pflichten bei seiner legitimen Familie, entstanden aus der 1830 als Neunzehnjähriger geschlossenen Ehe mit Catharine Maria Haley.
Da sich Catharine erst 1860 scheiden ließ, schaffte Singer nur noch eine weitere legale Ehe. Das wurde auch höchste Zeit, denn Isabella Summerville, die ihren Mann verstieß, um Frau Singer zu werden, befand sich längst "im fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft" (Brandon).
Immerhin behielt Singer bis zuletzt die Übersicht und kam für Folgen auf, wo immer sie eingetreten waren. Er hinterließ 13 Millionen Dollar für fünf Frauen und 25 Kinder.
Singers Vater war mit 102, seine Mutter mit 96 Jahren gestorben. Zum Altwerden haben die Säfte des rastlosen Sohnes offenbar nicht gereicht. Er starb mit 63 an Herzschwäche.

DER SPIEGEL 45/1977
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