31.10.1977

VERKEHRSUNFÄLLERettendes Ufer

Eine Bonner Studie ergab: Die Alten sind auf Großstadtstraßen überfordert.
Hier der Herr handelt ja etwas leichtsinnig", kritisierte die Siebzigerin einen Altersgenossen auf dem Testbild, der sich anschickt, eine mehrspurige Hauptstraße an ungesicherter Stelle zu überschreiten, "er muß ja gewärtig sein, daß hier Autos ... kommen, die schneller sind als er ... Also, er beschwört da eine ganz böse Situation herauf."
Genau diese "böse Situation" ist -- wie Psychologen der Universität Bonn jetzt bei der Analyse von 363 Unfallakten ermittelten -- typisch für Verkehrsunfälle, bei denen ältere Fußgänger zu Tode kommen: Die meisten der untersuchten tödlichen Unfälle ereigneten sich auf vierspurigen Straßen ohne Mitteistreifen, bei fast jeder dritten Karambolage spielten Nebel, Nässe, Nacht oder Glatteis eine Rolle. Die Kraftfahrer -- zu 81 Prozent schuldlos an der Kollision -- konnten meist nicht mehr reagieren, weil die Fußgänger, ohne sich zu orientieren oder Zeichen zu geben, häufig auch hinter parkenden Autos hervor, auf die Fahrbahn liefen.
Unfallanalysen wie Alten-Interviews sind das Ergebnis einer zweijährigen Studie, die das Psychologische Institut der Universität Bonn jüngst fertiggestellt hat. Im Auftrag des Bundesministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit hatte die Forschergruppe unter Leitung von Professor Hans Thomae "Einstellungen und Verhaltensweisen älterer Fußgänger" untersucht.
Um die Ursachen für das riskante Verhalten der Alten aufzuspüren, gingen die Psychologen zuerst auf die Straße. An Unfallschwerpunkten in sechs verschiedenen Großstädten beobachteten sie morgens, mittags und abends insgesamt 800 ältere Fußgänger beim Überqueren von Straßenzügen.
Später befragten sie 200 Fußgänger, warum sie beispielsweise eine Straße nicht am Zebrastreifen überquert hätten, oder wie sicher sie sieh im Großstadtverkehr noch fühlten. Dann veranstalteten sie Gruppensitzungen mit älteren Großstadtbewohnern und untersuchten 51 von ihnen mit Hilfe psychodiagnostischer Testverfahren.
Die Ergebnisse ihrer Studie lösen immerhin einige der Verkehrsrätsel, die ältere Menschen bislang aufgaben. Und die Unfallforscher wiesen zugleich Wege, wie -- freilich mit hohem Aufwand an Geld und guten Ideen -- die -- zwei "Verkehrswelten" einander anzunähern wären: die der betagten Fußgänger und die der leise surrenden Pkw.
Hauptursache des Versagens bei den Alten ist nach den Erkenntnissen der Psychologen die Divergenz zwischen Verkehrswissen und Verhalten. Zwar gibt es "Sture" (Alter über Alte), die gewissermaßen mit der Krücke auf ihr Recht pochend ("der sieht mich doch") unter die Räder kommen. Dann gibt es Zauderer, die -- zur Verwirrung der Autofahrer -- auch unumstrittene Rechte nicht wahrnehmen. Die weitaus größte Gruppe jedoch ist die der "Ambivalenten", die rechthaberisch und überängstlich, unberechenbar und unbedacht zugleich sind.
Das Nebeneinander von Dreistigkeit und Angst ist manchmal grotesk: Dieselbe Alte, die eben noch schüchtern vor dem Zebrastreifen wartet, ob der herankriechende Autofahrer auch wirklich hält, fängt plötzlich beim Überqueren der Straße an, das Kopftuch neu zu binden oder in ihrer Tasche zu kramen.
Ein alter Herr bleibt nörgelnd an der Ampel stehen -- trotz Grün. Er hat beobachtet, daß diese immer auf "Rot" umschaltet, ehe andere Fußgänger das "rettende Ufer" (Bericht) der gegenüberliegenden Straßenseite erreicht haben. Ein anderer wieder, durch Alkohol beschwingt (der "in diesem Alter nichts mehr ausmacht", wie er glaubt). zündet sich mitten auf dem Übergang noch provozierend eine Pfeife an.
Gruppendiskussion halten Professor Thomae und seine Mitarbeiter für das geeignetste Mittel, den Alten Umsicht beizubringen. Auch Fernsehspots könnten nützlich sein -- am wenigsten der Verkehrsunterricht in herkömmlicher Form.
Kaum einer von denen, die gemeint sind, so glaubt Thomae, würde daran teilnehmen. Denn die meisten der Befragten, auch die über 70jährigen, verhielten sich alterstypisch: Sie rechnen sich selber nicht zu den Alten, sondern finden sich noch fit.

DER SPIEGEL 45/1977
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