31.10.1977

FERNSEHENMoos Im Gehirn

„Die letzte Zeit“. Dokumentarfilm von Michael Roemer. ZDF. Montag, 31. Oktober.
Hautnah fuhr die Kamera auf welke Gesichter, ohne Scheu hielt sie die zitternden Lippen Moribunder fest.
Als das ZDF 1971 unter dem Titel "Noch 16 Tage" erstmals Einblick gab in eine Londoner Sterbeklinik, schien die Indiskretion ungeheuerlich, der Schock beim Publikum nachhaltig. Gleichwohl war der unbeschönte, doch behutsame Vorstoß in die immer noch intimste Tabuzone unserer Gesellschaft eine Pioniertat: Auch auf dem Bildschirm, sonst mit Leichen übersät, wurde der Exitus wieder ein Thema, das betroffen machte.
Jenen denk-würdigen Versuch, Sterben als letztes menschliches Ereignis optisch zu protokollieren, setzt der US-Film "Dying", entgegen seinem Originaltitel, nun gleichsam restriktiv fort, indem er sich früher in die Geschichte Todkranker einblendet. Nicht Sterben als physiologischer Vorgang ist sein Motiv, sondern die psychische Reaktion der Betroffenen (und ihnen Nahestehender) auf die Diagnose vom unausweichlichen Ende. "Die letzte Zeit", so der treffende deutsche Titel, umfaßt die Frist, die noch bleibt.
Der amerikanische Regisseur Michael Roemer ("Nichts als ein Mensch") hat aus rund 100 Krebsfällen zunächst ein Dutzend Patienten ausgewählt, die er mit ihrem Einverständnis fünf bis sechs Monate, im Hospital und daheim, von einem Drei-Mann-Team beobachten ließ. Kosten: 330 000 Dollar.
Vier Schicksale, keineswegs repräsentativ, wohl aber beispielhaft, montierte er schließlich kommentarlos zu einem abendfüllenden Protokoll in nüchtern übersetztem O-Ton: "Die Menschen", so Roemer, "sterben in der Weise, wie sie gelebt haben!" In stiller Ergebenheit, sarkastischem Fatalismus, aggressivem Protest oder gläubiger Hoffnung. Diese Temperamentskurve verleiht Roemers Bericht eine natürliche Dramatik, die zu Herzen und an die Nerven geht.
Das Schicksal von Mark, 29, erfährt der Zuschauer aus dem Mund seiner Witwe. Sie hat die letzte Zeit mit ihm "wie ein Geschenk" genossen, hat ihm vorgelesen, seine Freunde in die Klinik geladen, das eben geborene Baby an seinem Bett gestillt. Durch nichts und niemanden ließ sich diese couragierte Frau daran hindern, die Harmonie ihrer Ehe bis zum letzten Augenblick durchzuhalten.
Auch Sally, 46, fast kahlköpfig und durch eine tiefe Mulde vom Chirurgengriff nach ihrem Tumor gezeichnet, übersteht ihre letzten Tage in familiärer Wärme: "Es geht nichts über Zuhause, Mama!" Der Krebs, offenbart sie scheinbar ungerührt, "wächst wie Moos im Gehirn, man kann nichts dazu sagen". So schaut sie ihrer Mutter beim Backen zu, läßt sich füttern, hört Opernarien. Verglichen mit diesen Demütigen, spitzt sich die Geschichte von Bill, 33, zur Katastrophe zu. "Was ist nur mit dem netten Mädchen los, das ich geheiratet habe?" fragt er seine aggressiv gewordene Frau: "Dieses Mädchen wird von diesem Krebs zerfressen." Deshalb hat sie "darum gebetet, daß die neue Therapie nicht anspricht": "Warum kann es nicht schlechter werden, damit alles vorbei ist?"
Diesem Martyrium hat Roemer -- wohl als seelsorgerisches Finale -- das Sterben des schwarzen Baptisten-Pastors Bryant, 56, angehängt. Mag dessen friedvolles Ende ("Ich bin der glücklichste Mensch der Welt") im Schoß der Familie auch als Plädoyer gegen den Tod in klinisch-industrieller Anonymität wirken. Es mildert nicht jene Horror-Szenen einer Ehe, die bestürzend offenbaren, wie schwer und notwendig Mitleid ist für jene, die mitleiden.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 45/1977
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