31.10.1977

SCHIFFEVersunkenes Heiligtum

Marine-Archäologen heben einen Schatz der US-Geschichte: das erste vollgepanzerte Kanonenboot, das in den amerikanischen Bürgerkrieg eingriff.
Die Brecher gingen meterhoch. Sie überrollten das Deck. Wasser drang durch die Klüsen. Die eindringenden Fluten löschten das Feuer unter dem Kessel. Die dampfbetriebenen Lenzpumpen fielen aus. Bis zur Hüfte standen die Maschinisten im Wasser.
Commander John P. Bankhead schickte drei Freiwillige nach vorn, um die Schlepptaue kappen zu lassen. Zwei Sailors wurden über Bord gespült. Der dritte löste die Seile und konnte auch noch die Seenotlaterne setzen. An ihr orientierte sich die heranrudernde Rettungsmannschaft, die dreimal Schiffbrüchige übernahm. Beim dritten Versuch kam das Boot zu spät.
Um ein Uhr, am Silvestermorgen des Jahres 1862, sank -- mit elf Mann und der schwarzen Schiffskatze an Bord -- das bis dahin ungewöhnlichste Schiff der Seefahrtsgeschichte: die "U.S.S. Monitor", das erste vollgepanzerte Kanonenboot, mit drehbarem Geschützturm. 17 Meilen vor Cape Hatteras an der Küste des US-Staates North Carolina ging die "Monitor" unter.
115 Jahre später, Anfang letzten Monats, verließ an derselben Stelle Taucher Richard Roesch die Ausstiegsschleuse eines kleinen Forschungs-U-Bootes und barg aus 60 Meter Tiefe vom Meeresgrund, was sich durch die Bullaugen des Unterwasserfahrzeugs wie eine große Bierdose ausnahm.
Vorsichtig säuberten wenig später die Unterwasserarchäologen auf dem U-Boot-Leitschiff "R. V. Johnson" den Fund aus der Tiefe von Muschelbesatz und Schlamm. An Deck stand, was ein Jahrhundert zuvor als letztes von der "Monitor" gesehen worden war -- die rote Laterne.
Die geglückte Bergung der Jahrhundert-Leuchte war vorläufiger Höhepunkt der jahrzehntelangen Suche nach einem "Heiligtum der amerikanischen Marine". Diesen Status erhielt die "Monitor" zuerkannt, nachdem ein Forscherteam der Duke University in Durham (US-Staat North Carolina) vor vier Jahren das Wrack ausfindig gemacht und mit Unterwasserkameras systematisch abgelichtet hatte.
2000 Einzelbilder ergaben zusammengefügt ein Panorama-Photo, auf dem Einzelheiten wie Schotten und Schraube, Ankerschacht und der beim Untergang abgerissene Geschützturm zu erkennen waren. Der sorgfältige Vergleich mit alten Darstellungen und Bauplanresten bestätigte: Das Wrack war tatsächlich die legendäre "Monitor".
Das Interesse der Navy-Archäologen gilt einem Veteranen aus dem amerikanischen Bürgerkrieg: Die "Monitor" hatte entscheidend dazu beigetragen, daß die Konföderierten (Südstaatler) den Seekrieg gegen den Norden (Union) nicht für sich entscheiden konnten.
Zahlenmäßig war die Nordflotte zwar überlegen. Doch durch einen damals ungewöhnlichen Trick machten die Admirale des Südens den Nachteil wett. Sie hoben die gesunkene Nordflottenfregatte "Merrimack" und bewehrten Rumpf, Deck und Aufbauten mit Eisenplatten, an denen die Kanonenkugeln der Unionsschiffe abprallten.
Die Bürgerkriegspolitiker in Washington waren von dem wehrhaften Schiff beeindruckt. Sie sahen schon ihre gesamte Flotte von der in "C.S.S. Virginia" umbenannten "Merrimack" versenkt. Die 82 Meter lange "Virginia", so argumentierten verängstigte Senatoren, könne "leicht den Potomac (bis nach Washington) hinaufdampfen", ihre zehn Kanonen auf die Hauptstadt richten und "das Capitol und andere Regierungsbauten in Schutt und Asche legen".
Präsident Abraham Lincoln war es dann, der auf eine Schiffsbau-Idee des schwedischen Ingenieurs Captain John Ericsson setzte und die Einreden seiner Admirale beiseite schob. In nur zehnmonatiger Bauzeit wurde nach Ericssons Konstruktionsplänen das erste gepanzerte Kanonenboot der Schiffsgeschichte gebaut.
Am 30. Januar 1862 lief die "Monitor" vom Stapel. Das Schiff war 51 Meter lang, aus 2,4 Zentimeter starken Eisenplatten war der Rumpf gefertigt, und auf Deck ragte -- ebenso einzigartig damals ein drehbarer Geschützturm (Durchmesser sechs Meter, mit zwei 28-cm-Dahlgren-Kanonen) empor.
Die "Monitor; 750 tons, lag so tief im Wasser, daß Deck und Wasseroberfläche nahezu eine Ebene bildeten, was dem Schiff den Spitznamen "Floß mit Käseschachtel" eintrug.
Fünf Wochen nach dem Stapellauf traf die "Monitor" erstmals auf das "untergetauchte Haus", wie die "New York Times" das Rebellenschlachtschiff "Virginia" nannte. Nach vierstündigem Seegefecht drehten beide Schiffe nahezu unbeschädigt ab.
Wo immer die "Virginia" auftauchte, war fortan auch die "Monitor" zur Stelle. Doch zu Feuergefechten kam es nicht mehr. Gleichwohl schien die Nordflotte vor dem gepanzerten Schiff des Südens jetzt sicher. Und mehr noch: Die Nord-Admirale gaben ihren anfänglichen Widerstand auf und ordneten den Bau weiterer Schiffe vom Typ der "Monitor" an. Ende des Krieges waren 31 Einheiten bestellt.
Die Karriere der "Monitor" endete elf Monate nach ihrem Stapellauf, als sie schnell zu einem neuen Einsatzort geschleppt werden sollte. Das schwer zu manövrierende" massige Schiff ging im Orkan vor Cape Hatteras unter.
"Sie wurde nie vergessen", versicherte John G. Newton, unter dessen Leitung 1973 das "Monitor"-Wrack auf dem als Friedhof des Atlantik bezeichneten Gebiet vor Cape Hatteras gesichtet wurde (rund 500 Wracks liegen dort auf Grund). Geologe Newton gab bald nach der Entdeckung seinen Universi-
* Beim Feuergefecht 1862.
tätsjob auf, um als Chef einer neugegründeten "Monitor"-Stiftung die Hebung des Wracks zu betreiben.
Ober die geeignete Bergungsmethode sind sich die Forscher noch nicht schlüssig. Das Wrack ist vom Salzwasser zerfressen; durch Minen, im Zweiten Weltkrieg als Schutz vor deutschen U-Booten abgesenkt und später zur Explosion gebracht, wurden Teile des Rumpfes weggesprengt.
Um das lädierte Marineheiligtum in einem Stück heben zu können, wollen die einen das derzeit eingemottete CIA-Schiff "Glomar Explorer" (das 1974 ein sowjetisches U-Boot aus mehr als 5000 Meter Tiefe hob) wieder flottmachen.
Andere planen, die "Monitor" unter Wasser zu zerlegen und stückweise nach oben zu bringen. Der sicherste, wenn auch exotisch anmutende Plan einer dritten Expertengruppe geht dahin, die "Monitor" in einem riesigen Block aus Wasser, Sand und Stahl "einzufrieren", der dann in flacheres Wasser verholt werden soll.
Einig sind sich die Forscher allerdings, daß der Bergungsvorgang schnell ablaufen muß, möglichst an einem einzigen Tag bei günstigen Wind- und Wasserverhältnissen. "Die Geschwindigkeit der vor Cape Hatteras aufeinandertreffenden Golf- und Labrador-Meeresströmungen beträgt zwei Knoten", weiß Geologe Newton, "und unter Wasser ist das wie ein Hurrikan."
So oder so, die Entscheidung über Hebung des historischen Wracks muß reiflich überlegt sein. Die "Monitor" liegt am Rande des Festlandsockels. Rutscht sie beim Heben vom Haken, liegt sie erst wieder 5000 Meter tiefer auf festem Meeresgrund.

DER SPIEGEL 45/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHIFFE:
Versunkenes Heiligtum

  • Nach Notwasserung: Pilot filmt eigene Rettung
  • Video zeigt Autodiebstahl: 30 Sekunden für einen 98.000-Euro-Tesla
  • Tiefseetauchgang: Wrack der Titanic in schlechtem Zustand
  • Während Teenager Fernsehen: Bär plündert Kühlschrank