31.10.1977

MODEOpfer der Kirmes

Klirrende Ketten, Leder- und Piraten-Look hielten in Paris Einzug bei der Vorschau auf die Mode 1978.
Am schlimmsten war das Gerangel bei Claude Montana, 29, dem Star der jüngsten Designer-Gilde -- jener Generation, die im Pariser Mode-Karussell dem Fernost-Import Jap und dem deutschen Couturier Karl Lagerfeld auf den Fersen folgt. Vor dem Pavillon Gabriel, in den Grünanlagen der Champs-Élysées, staute sich das Modevolk. Es wartete, am Sonnabend der vorletzten Woche, in Regengüssen auf Einlaß. Aber eine Stunde vor Beginn sperrten die Zerberusse die Tür nicht etwa auf, sondern erst einmal wieder zu.
Mit Wucht drängten nahezu tausend Modesüchtige gegen die Glaswände des Pavillons, traten sich auf die Hacken und boxten sich in die Rippen. Eine Frau sank zu Boden, Krankenwagensirenen heulten, und der englischen Star-Photographin Mary Russell wurde beim Versuch, sich nach vorn zu kämpfen, die Kamera zertrampelt.
Nach einer halben Stunde entschlossen sich die Abgesandten der Mode-Breviere "Vogue" und "Harper's Bazaar" sowie die Präsidenten von zwei New Yorker Kaufhäusern, auf Claude Montanas Modenschau zu verzichten. Die Kaufhauschefs und" die Reporter, denen die Industrie sonst rote Teppiche ausbreitet, pufften sich schimpfend aus dem Menschenknäuel und versäumten die heißeste Show der Pariser Modewoche.
Denn drinnen im Pavillon stapften später Lederboys und Ledergirls über den Laufsteg -- glänzend schwarzes und" helles Leder wölbte sich zu wuchtigen Mänteln und Blousons, Schnallen zierten martialische Gürtel und Riemen die Colttaschen. Dazu hängten sich die Mannequins klirrende Eisenketten über die Schultern, die ledernen Schildmützen hatten sie tief in die Stirn gezogen, ihr Make-up: blutverschmierte Augen und rabenschwarz geschminkte Lippen.
Die "New York Times"-Reporterin Bernadine Morris, die auch keinen Einlaß gefunden hatte, fragte hinterher die Kollegen: "Ist es wahr, daß alles Nazi-Nazi war?" Aber es war nur der lederne Sado-Horror, der nun offiziell Einzug in die Modemetropole hielt.
Um Einlaß zu den wie Super-Shows aufgezogenen Defilees der Trendsetter zu finden, pufften und schubsten sich Einkäufer und Reporter mehr denn je. Vier Tage und 60 Schauen lang quetschten sie sich in den verschiedenen und oft entlegenen Sälen auf enge Stuhlreihen, hockten auf den Stufen von Zwischengängen oder klammerten sich an den Simsen von Wänden fest. Doch wer überhaupt einen Blick auf die Mode für Frühjahr und Sommer 78 erhaschen wollte, hatte keine andere Wahl.
Denn die großen Kleidermacher zeigen ihre Kollektionen, die dann erst sechs Monate später in den Läden verkauft werden, nur in einem einzigen Defilee. Da scheuen sie keine Kosten für Palmenschmuck, laute Musikmixturen, Laserstrahlen und Top-Mannequins (mindestens fünfzehn pro Schau für jeweils 1000 Mark).
Zu brüllender Rockmusik tobten Kenzos Mannequins über den Laufsteg -- mal in schwarzglitzernden, aufgeplusterten Overalls, schwarzem Kopftuch und Augenbinde ("Piraten-Look"), mal in glatten, weißen Roben und Mützen à la Pandit Nehru. Die Weltraum-Melodien aus dem Leinwandopus "Star Wars" waren Klangkulisse bei den meisten Shows, selbst wenn es nur Vorgestriges zu sehen gab, wie etwa Marc Bohans ("Dior") gestreifte Badeanzüge im Jahrhundertwendestil.
Auch Lagerfeld mochte sich von den zarten Blumen-Dessins des 18. Jahrhunderts in seiner neuen Kollektion noch nicht trennen. Dafür preßt er die Frau in neue Form: breite Schultern, enge Taille und Hüften, die mitunter so schmal sind, daß die Kleider seitwärts bis auf Hüfthöhe geschlitzt werden müssen.
Die Einladungen zu den kostenlosen Schauen verschicken die Firmen nach einem geheimnisvollen Code und mit dem Zusatz "strikt persönlich". Seit sich aber herumgesprochen hat, daß die proppenvollen Schauen ein wundervolles Spektakel sind, drängen sich immer mehr Ungeladene durch die Hintertüren. So sollen Einladungen zur Stricktante Sonia Rykiel diesmal auf dem schwarzen Markt schon für 400 Mark gehandelt worden sein.
Den Oktobersturm kreidet die "International Herald Tribune" den Modefirmen selber an. "Es ist falsch", moniert das Blatt, "tausend Leute in einen Saal zu pferchen, der kaum für 500 Platz hat."
Castelbajac, Designer sportlicher Mode, ließ seine Zuschauer wie eine Rinderherde durch Eisengitter in einen Saal im Bois de Boulogne treiben. Dort schockte er sie dann noch durch brennende Kerzen, mit denen seine Mannequins unter weißen Gespenstergewändern herumfummelten. Kurz zuvor hatte der Japaner Suzuya mit künstlichen Rauchwolken sein Publikum so erschreckt, daß es entsetzt auf die Terrasse floh.
Mit Recht vermutet die Textilfibel "Women's Wear Daily", daß die Hysterie von den Modefirmen selber geschürt wird, "um die Stimmung für ihre Schauen hochzuputschen", denn wenn ihre Kleider später in Verkaufskojen stumm auf Bügeln hängen, entlocken sie selten noch heftigen Beifall. Schon sorgen sich aber die Pariser Modefreunde um das weitere Schicksal ihrer blühenden Branche.
"Es sind die seriösen Modemacher", mahnte der "Figaro", "die Gefahr laufen, Opfer dieser Kirmes zu werden." Der Boß vom New Yorker Kaufhaus Bergdorf Goodman, dem bei einer Schau die Goldschnallen von seinen Gucci-Schuhen abgetreten wurden, erklärt die Veranstalter schlicht für "verrückt". Aber er gestand auch: "Wir sind noch verrückter, daß wir so was mitmachen."

DER SPIEGEL 45/1977
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