31.10.1977

ELISABETH FLICKENSCHILDT †

In ihren letzten Jahren trug sie die Gründgens-Ära wie eine kostbare Schleppe aus vergangenen Tagen mit sich herum, während sie in immer neue, populäre Niederungen hinabstieg.
Die Grande Dame des exklusivsten deutschen Sprechtheaters, halb Hexe und zynische Kupplerin, halb frostklirrende und entrückte Tragödin, tingelte durch die deutschen Lande: mal mit Hund in Lembkes "Was bin ich?", mal mit Tournee-Theatern durch die Dörfer, meist als böse Schelmin in Deutschlands unsäglichsten Film-Unsäglichkeiten, den Edgar-Wallace-Krimis.
Dazwischen schrieb und erinnerte sie sich noch, verfaßte Memoiren, einen Roman gar, dessen Titel "Pflaumen am Hut" leider fast alles sagt. In Talk-Shows und Interviews verbreitete sie Schauspieler-Herzlichkeit und die hochfahrende Seligkeit des Erinnerns, an Gründgens-Zeiten, an Berliner Jahre, wo alles so herrlich schwierig und so herrlich herzlich war.
Die "Flicki", wie sie ihr Volk bewundernd nannte, galt dennoch und ungetrübt als die Schauspielerin der guten alten Zeit, die spätestens mit Gustaf Gründgens die Augen schloß. Und sie hatte ihren unverwechselbaren Ruf auch bei denjenigen, die sie nie auf der Bühne erblickt hatten: ein lebendiges Gerücht von großen Theaterzeiten, das sich nicht durch auch noch so skurrile populäre Ausrutscher aus der Welt schaffen ließ -- im Gegenteil.
So war die Blankeneser Kapitänstochter, die nach dem Abitur legendengerecht ohne einen Pfennig in der Tasche zum Theater durchbrannte, immer nah und unnahbar zugleich: Lady hinter Schleiern, die sie so liebte, und Bäuerin mit bayrischem Rindvieh.
Ihre Theater-Götter hießen Fehling, Hilpert und Gründgens. Später, über die "Jungen", hat sie heiser gütig gemurrt, wohl auch souverän den Kopf geschüttelt -- das war nicht mehr ihre Welt, wo man nicht mehr Komödiant und König zugleich sein konnte.
Regie, so wie sie von den sechziger Jahren verstanden wurde, konnte ihr nichts mehr bedeuten, nichts mehr anhaben. Ihre Mittel -- ein Lachen und Kichern aus tiefster Gruft, ein Blick aus den Abgründen chinesischer Folterverliese in Soho, eine Stimme, die geheimnisvoll verbarg, was sich als Sinn frech in die Worte drängen wollte -- hatten sich so verselbständigt, daß sie Rollen verkörperte, indem sie sie beiseite wischte. Indem sie keine Figuren mehr schuf, formte sie die eine unverwechselbare Figur: die Flicki.
So ließ sie nicht nur ihre Vergangenheit hinter sich, die sie doch aufbewahrte und aufbahrte wie in einem Schrein, sondern auch Rollen und schließlich das Theater; sie war dann ihre eigene Bühne, das Medium als Message.
Diese erdnahe, manchmal deftige Entrückung, diese wandelnde, jedoch quietschlebendige Erinnerung hatte für ihr Publikum ein Herz und war doch Stein, eine verquere Liebe.
So verquer wie ihre Marthe-Schwerdtlein-Beziehung zu Gründgens-Mephisto, wo aus Witwen-Deftigkeit und Kuppler-Lust eine merkwürdig obszöne Freude über die Häßlichkeit menschlicher Gier wurde. Der Spott über die Gefühlsverwicklungen ihrer jüngeren Partner war boshaft und gütig zugleich, als Bühnenfigur schien sie bestenfalls gleich immer "die Menschen" zu lieben, also niemand. So war ihr das Bizarre, das den Menschen Entrückte auf den Leib geschrieben: Dürrenmatts Alte Dame wie Schillers aus Frauenfurcht geborene Gräfin Terzky.
Und vielleicht haben sie die Deutschen deshalb so respektvoll zur Brust genommen, weil sie sich so liebevoll des Lieblosen und Liebeleeren annahm, weil sie das Unheimliche so anheimelnd verkörperte und scheinbar unversehrt überstand. Die Flickenschildt oder die robuste Zerbrechlichkeit.

DER SPIEGEL 45/1977
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