31.10.1977

Markt mit Mozart

Gaukler, Händler, Musikanten -- junges fahrendes Volk belebt Boulevards, Marktplätze und Fußgängerzonen der deutschen Innenstädte.
Auf dem Kurfürstendamm steht einer auf Stelzen und haut auf die Pauke. Sein Partner hat Schellen an den Rollschuhen und ist ein As auf der Geige. Zwei Hausnummern weiter räkelt sich der Transvestit Sophia vor dem Schaufenster einer Textilhandlung und singt "Königin der Nacht".
Zur gleichen Zeit krabbeln über die schwarzen Mantelärmel eines hartnäckig kichernden Jünglings in der Düsseldorfer Altstadt weiße Mäuse. Nicht weit von ihm hat sich einer mit Dudelsack hingestellt, er holt gewaltigen Lärm aus der Sackpfeife.
Ein halbes Orchester verkörpert ein milchbärtiger Gnom mit halbmeterhohem Zylinderhut in der Spitalerstraße in Hamburg: Während er eine Gitarre schlägt und eine aufgeständerte Mundharmonika bläst, klopft sein glöckchenbehangener Fuß die Pauke.
Es ist, als flössen Mittelalter und Orient in die nüchternen Straßenschluchten der deutschen Innenstädte. Die Passanten bleiben stehen, gaffen finster oder freundlich. Das Geld liegt auf der Straße: Oft klingelt die Kollekte im Karton.
Mit der schnellen Ausdehnung der Fußgängerzonen -- ihre Zahl stieg von 100 im Jahre 1971 auf 444 in diesem Herbst -- hat sich eine Invasion jugendlicher Vaganten in die Innenstädte der Bundesrepublik ergossen.
Wo ein halbes Jahrhundert zuvor der Alte mit der Drehorgel und der Mann mit den Kurzwaren im Bauchladen standen oder der Bettler seine Beinstümpfe und ein Pappschild "Im Kriege erblindet" zeigte, tummeln sich nun Gaukler und Scherensehneider, Tänzer und Musikanten im Straßengewühl.
Das ist so vor der Renaissance-Fassade des Bremer Rathauses wie im betonierten Wegelabyrinth unter der Frankfurter Hauptwache, unter den Pappeln der Leopoldstraße in München-Schwabing wie auf den Steinplatten der Hohen Straße in Köln. Pflastermaler -- quasi die Avantgarde der nachkriegsdeutschen Straßenkleinkunst -- hatten diesen Sommer Renaissance. Am Main attestierte ihnen ein Amtsrichter, daß ihre flüchtige, von so vielen Füßen getretene Kunst keine Verunreinigung öffentlicher Flächen darstelle, wie übereifrige Polizeibeamte angezeigt hatten, denn: Abendmahl und Venus, Madonna oder Mona Lisa -- ihr Werk würde alsbald "von Passanten abgetreten" und "vom nächsten Regen weggespült".
Die fliegenden Schmuckhändler haben es ungleich schwerer, im gesetzlich geregelten Gesellschaftsgefüge der Bundesrepublik zu bestehen -- am schwersten von allen Fahrenden.
Zwar blinkt Modeschmuck überall in der Herbstsonne; auf Tapeziertischen ausgebreitet oder auf schwarzem Samt -- von den Freitreppen vor dem Stuttgarter Königsbau bis zur Lotsenstation in Travemünde, hinter Frankfurts Katharinenkirche und natürlich auf dem Kurfürstendamm.
Doch ob Silberdraht oder Leder, Plastik, Holz oder Glas -- es ist Handelsware, und in Deutschland ist immer noch nichts gründlicher geregelt als der Kommerz, zumal auf offener Straße.
Als die ersten nomadisierenden "Löffelbieger" auf dem Kurfürstendamm ihre Teppiche ausbreiteten, kam es zu Handgreiflichkeiten mit der Polizei, es hagelte Anzeigen, Straf- und Bußgeldbescheide für Verstöße, Ordnungswidrigkeiten und Vergehen gegen Gewerbeordnung, Straßenverkehrsordnung, Preisauszeichnungsverordnung und Genehmigungspflicht.
Mit einem offenen Telegramm warnte der Buchverleger Lothar Blanvalet die Stadtregierung vor der angedrohten Vertreibung der Schmuckhersteller, sie sollten bleiben als "weltstädtische Nuance": Ottavio, der mit dem Treibhammer Löffel und Gabeln zu Kreuzen und Amuletten breitschlug, oder auch Augusto, der Inka-Gottheiten aus Leder flocht.
Schließlich ließ das zuständige Bezirksamt Charlottenburg Standplätze markieren. "Straßenhandelsstandscheine" mußten erworben werden, dazu vielerlei Genehmigungen, wollte einer mit Kunsthandwerk aufs Pflaster. Auflagen wurden erteilt -- Tischhöhe, Schirmgröße, Preisschilder betreffend,
Damit hatte die "weltstädtische Nuance" eine bürokratische Note bekommen: Kein Klima für Künstler. Der Reiz durch die Improvisation, der Spaß am Schachern, der Charme des Flüchtigen waren hin. Mit Legalisierung und Reglementierung begann gleich auch der Niedergang des gerade aufblühenden flirrenden Gewerbes.
So wichen die Sensiblen unter den Händlern bald biederen Krämern, die Massenartikel aus Idar-Oberstein oder billigen Hongkong-Import bezogen.
Das gefiel den Behörden wiederum nicht. Das Berliner Tiefbauamt schickte die Händler zu einem amtlich bestellten Kunsthistoriker, der die Ware zu begutachten und für den Boulevardhandel freizugeben hatte. In München mußten Ambulante eine Museumsbeamten-Jury aufsuchen. Wer auf der Stuttgarter Freitreppe Tinnef anbot, wurde vom Ordnungsamt vertrieben.
Auch auf dem Kurfürstendamm hat die amtliche Vertreibung industriell gefertigter Dutzendware begonnen: Das Tiefbauamt Charlottenburg hat die Quartalsmiete für einen Standplatz auf 450 Mark verdoppelt und die Zahl der Lizenzen auf etwa 60 halbiert; zudem soll ein Teil der verbleibenden Händler in die Querstraßen abgedrängt werden.
Die entstehenden Lücken werden sich wohl rasch wieder füllen -- in Berlin und auch anderswo.
Mehr Kunst als Kommerz wurde Anfang des Monats schon den Bonnei Marktbesuchern geboten. In die Ruf< der Gemüsefrauen mischten sich Mo zartklänge: Ein studentisches Streichquartett fand andächtige Aufmerksamkeit. In gebührendem Abstand gaben drei junge Posaunisten Platzkonzert. Unter dem Beethoven-Denkmal am Münster jazzte einsam ein Gitarrist.
Und zwischen Kranzler und Kempinski auf dem Kurfürstendamm hatte eine Novität Premiere, die mehrere hundert Flaneure in Atem hielt: Ein aufgedonnertes Tanzpaar zelebrierte bibbernd einen Striptease.

DER SPIEGEL 45/1977
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