31.10.1977

„Ich will mich kaputtmachen“

Eine Gruppe junger Leute, um die Dreißig. Sie nennen sich "Edi, Hans Harald, Fritz H., Egbert, Toni, Bruno, Reinhard, Feli, Ulla und Hillige".
Durch ihr kritisches Vokabular sind sie schon hinreichend gekennzeichnet: "Isolative Entfremdung", "Zwang". "Herrschaft"; und immer wieder, in vielerlei Distanz dazu bezeichnenden Kombinationen, die Begriffe "bürgerlich" und "Gesellschaft". Zu der bürgerlichen Gesellschaft wollen sie nicht gehören. Eigentlich.
Versteht sich: sie entstammen dem Bürgertum. Man kennt Privilegien, "agiert" von einem "Mittelschichtstandpunkt" aus; weiß, man ist in einer Art Stand der Gnade, die in der, so nennen sie es, "gelernten Anpassung" besteht; und darum hat man ein schlechtes Gewissen -- hat es zu haben -, denn sie wissen, "wie man zurechtkommt". Sie liefen weniger in die "Fallen sozialer Kontrolle" als ihre Freunde aus den "Unterschichten", sagen sie.
Ihre klugen gesellschaftskritischen Abstraktionen. Die haben häufig etwas Kokettes, wirken wie Sprachspiele, lassen ein eigentümliches Fasziniertsein, beinahe ästhetisch, erkennen am formelhaften Aburteilen der Gesellschaft in Bausch und Bogen.
"Herrschaft", heißt es, "erscheint heute in allen hochindustrialisierten Gesellschaften im Schafspelz demokratisch verbrämter technologischer Verwaltung ..." Ernstgenommen sollte ihre Art zu reden trotzdem werden. Auch wenn nicht mehr sicher ist, ob darin die Lust am bloßen systemfeindlichen Ausdruck nicht bereits weit die Fähigkeit zur Erkenntnis überrundet hat.
Es ist, zu einem nicht unerheblichen Teil, die Sprache einer Generation: der von '68. Ihr ganzes Denken ist derart geprägt; hat in dieser Form zu der Stärke fast eines Glaubens gefunden, der heute unvermindert ist, auch wenn er sich nun weniger öffentlich kundtut.
Die Gruppe, Edi, Hans Harald, Fritz etc.: sie hat sich "sozial angepaßt". Einige aus ihr sind Sozialwissenschaftler, alle haben sie an entsprechenden Arbeiten mitgewirkt. Ihre Selbstanklagen, daß sie es jetzt nicht zu genug "konkretem Opponieren" bringen, wirken vertrotzt und ein bißchen larmoyant -- ihre bürgerliche Vergangenheit habe ihnen die "Handlungsfreiheit" im Grunde "aberzogen".
* Mit dem Rücken zur Kamera
Nun maulen sie, sagen, sie drückten sich vor den "strukturellen Widersprüchen" mit "symbolischen Substituten" und "verschleiernd wirkenden Surrogaten": als da sind "gesellschaftlich legitimierte Erfolgserlebnisse", "Privilegien", "Geld", "Konsum", "Autos", "Alkohol", und selbst "Tabak", "Kaffee". "Rationalität" und "alle möglichen Arten von Selbstbefriedigung" fallen der Verdammung anheim.
Woher diese moralische Rigorosität, diese Sehnsucht nach Kasteiung? Aber auch, mehr noch: wohin mit solchen Anforderungen, Anfechtungen, die nicht aus diesen Köpfen wollen? Das Traumziel faßt ein Wort: "Solidarität"!
Im Kopf läßt man sich noch immer keinen Ausweg; da ist alles den Bach runter in einer "abstrakten, unmenschlichen Leistungskonkurrenz", worin "Ehrlichkeit ausgebeutet". "Erkenntnis verkauft" und "Ausdruck konsumiert" wird. Das "bürgerliche Zeitalter": Szenerie für eine Apokalypse, im Zeichen der "Sucht des Kapitals nach Profit" -- nicht müde sind sie es geworden, das zu wiederholen, und können kaum noch anderes sehen.
Von sich selbst sehen sie auch nicht mehr viel, vermögen sie nur wenig zu erkennen. "Ich handle, gucke, suche Bedürfnisse, darf sie nicht haben, habe sie, kann sie nicht leben, habe nicht gelernt, mit ihnen umzugehen. Ich habe Erfahrungen gemacht und unterdrückt für fremde Interessen. Tage sind ausgefüllt von fremden Interessen, den Menschen fremde Interessen", notiert einer von ihnen in sein Tagebuch.
Wehleidigkeit? Weltschmerz? Gemütskranke Entfremdung gegenüber allem? -- jedenfalls, das ist zu wissen, spricht hier keine Einzelstimme, kein exzentrischer Verzweifelter.
Hört man hin, unter den jüngeren Deutschen, denen '68 etwas bedeutet hat, liest man dazu in einigen ihrer auffällig karg, wie unter Auszehrung geschriebenen Bücher, Filmdrehbücher, häufig in Entwürfen steckengebliebenen Versuche, sich endlich wieder zu artikulieren, dann findet man sie wieder: diese düstere Grundstimmung. Etwas ist, so muß man daraus erkennen, abgrundnah schiefgelaufen.
Alles von der Gruppe Edi, Hans Harald, Fritz etc. hier Zitierte stammt aus einem im Frankfurter Verlag Syndikat erschienenen Buch -- "Über die Schwierigkeit, erwachsen zu werden"* -, an dessen Entstehung die Gruppe beteiligt gewesen ist; vier von ihnen zeichnen als Autoren. Das Buch, vom Umfang eines kleinen. papiernen Ziegelsteins, ist ein Unikum; teilweise kaum lesbar, wegen des Soziologen-Chinesisch im verqueren Gefolge, unter anderem, der Kritischen Theorie, der Frankfurter Schule; und andererseits ist es, in den umfänglichsten Teilen, wo schlicht Bekenntnisse und Zeugnisse abgedruckt sind, bestürzend informativ.
Das Buch basiert auf einer Reise, welche die Gruppe, in einem Sommer, von Hamburg aus durch die Bundesrepublik und bis in die Schweizer Berge gemacht hat. Während der Fahrt, mit einem VW-Bus und einer "Ente", wurden Wohngemeinschaften, Landkommunen, Drogenentziehungsheime besucht. Die Reise diente einem sozialwissenschaftlichen Experiment, sie war aber durchgängig bestimmt von der persönlichen Not, auch bei anderen etwas über die "Schwierigkeit, erwachsen zu werden" in Erfahrung zu bringen.
Durch private Konfrontationen mit gleichgesinnten, gleichgestimmten Generationsgenossen und "Tiefen-Interviews" mit jungen Rauschgiftsüchtigen wollte die Gruppe die Lage der Subkultur, seit Ausgang dieser legendären sechziger Jahre, erkunden: und zwar jener Szene, in der die Verabsolutierung des Protests nicht ins politische Extrem, sondern in das andere Extrem des sogenannten "Ausflippens" geführt hat -- durch Drogen, Verlust aller Orientierung und Realitätsbezüge, Aufgabe jeglicher bürgerlicher Stützen und Selbstachtung.
* Eduard Parow, Fritz Hegi, Hans Harald Niemeyer, Reinhard Strömer: "Über die Schwierigkeit, erwachsen zu werden". Autoren- und Verlagsgesellschaft Syndikat, Frankfurt: 576 Seiten: 14 Mark.
Die Reise, und das dokumentieren 350 von 576 Seiten des Buches, gleicht einer Fahrt durchs Fegefeuer. Allerorten psychische Verwüstungen und Verkrüppelungen, denen die Opfer mit der Sprache, die sie haben, zumeist nur stammelnd gewachsen sind.
In einem Tagebuch versucht ein Mitglied der Forscher-Gruppe über die Reise und die Begegnung mit den anderen Gruppen Stimmungsvolles festzuhalten." Gut schlafen", steht dort, "heißt zuerst mal, für weiche Unterlage und warme Decken sorgen." Und: er "war schon froh", daß sie "wenigstens drei Mädchen und sechs Jungs" sind. Aber, das war er nur aus sozialpsychologischen Gründen -- "so kann ein dynamischer Gruppenprozeß erwartet werden". Wie schwer sie sich das Leben machen, selbst noch unter warmen Decken.
Zwei gänzlich voneinander verschiedene Sprachen herrschen in ihrer Welt vor; ein schlampig verwendeter abstrakter Polit-Soziologen-Jargon -- pressive Strukturen", "totale Institution Gesellschaft"; und ein amerikanisiertes Pop-Idiom. Den Tagebuchschreiber ärgert an der Subkultur die "säuselnde Stille, dieses Supercoole in den Umgangsformen". Auch "dieses dauernde, völlig flippige Techtelmechtel zwischen den Mädchen und uns, dieses Geknutsche, Küßchen-Koketterie, diese Super-Liebe rundum und dauernd". Gut gefällt ihm "die Gesamtgruppe in Berlin", die ist "sehr clean" überlegt, reflektiert". Doch er erkennt auch: "Ich lasse kein feeling zu."
Richtig erlebt wird noch die "Natur" -- das wird hingeraunt wie eine Zauberformel; pfadfinderhafte Stimmungen kommen dabei auf. "Ein einsamer See liegt vor mir ... Spielen, Essen, Baden, Musik, Feuer und Gespräche. Wir vergessen auch die Kleider -- Natur." Dagegen das "Dickicht der Städte". Der Natur-Kontakt verführt zu einem recht krausen "Philosophischen Exkurs". Darin heißt es: "Sozial kann nur sein, was die Natur durch ihr gesetzmäßiges Nebeneinander und Ineinander uns lehrt."
Mit den sozialen Errungenschaften, die von den Subkultur-Kollektiven erwartet wurden, ist es nicht weit her. Diese Kollektive sind ihren Mitgliedern häufig kaum mehr als ein Hort, in dem sie "erwachsene Kinder spielen" können; selten mit der erhofften Aussicht auf "qualitativ neue Beziehungen unter den Menschen". "Mich fallenlassen.. kann ich nur dann, wenn mich jemand trägt. Früher war es die Mutter, heute kann es das Kollektiv sein", gesteht einer.
Böse sieht es im Inneren eines Mitglieds der Gruppe aus, das erst in der Abstinenz die verheerenden Wirkungen seines Drogenexzesses erfährt. Dieser Autor bekennt: "Versteinert sitze ich und versuche, ein Gefühl für mich selbst zu kriegen. Es geht nicht." Er will von seinen "Todeswünschen und der Angst vor allem, was lebte, erzählen".
Immer wieder Tod: "Ein Tot-stell-Reflex hält mich am Leben"; er mache eine "Reise durch den Tod"; sein "Verfallensein an die todesnahe Schönheit der Freundinnen". Früher hatte er Träume von einer paradiesischen Welt. Mit Beat-Musik: "Die Bands hatten der Spielmannszug der Revolution sein sollen"; und er "suchte nach einer Theorie, die ihm den Zusammenhang von Innen und Außen erklärt hätte", einer Theorie "mit Totalitätsanspruch wie die Marxsche".
Bald dann erinnerten ihn "die Straßennamen" nostalgisch an die "Straßenschlachten" von damals, "als noch Hoffnung gewesen war". Und eines Tages stand "er vor dem Spiegel der Toilette und suchte im Schein der Lampe über dem Waschbecken nach einer Vene". Er war Fixer geworden. Er war "kaputt"; wollte "nach der Mutter schreien". Er findet, daß in seinem Leben früher "zuwenig Vater" war.
Die Väter: Ihnen, ihrem Fehlen, ihrer Kälte, Gleichgültigkeit, Härte wird die Hauptschuld angelastet an jener Krankheit, nicht erwachsen werden zu können, die eine "bis zum Tode" ist im Griff des Heroin.
Besonders anschaulich Zeugnis geben von den Leiden unter und am Vater die Interviews, die die Gruppe mit Fixern gemacht hat. Diese Jugendlichen -- im Durchschnitt um die Zwanzig, also zehn Jahre jünger als ihre Befrager -- stammen durchweg aus der "Unterschicht" und dem Kleinbürgertum. Deren "männergesellschaftliche Institution der Kleinfamilie" gilt den Autoren als Hochburg des "Systems despotischer Herrschaftsausübung" -- mit "manchmal auch schon sehr müden Despoten, zugegeben!"
Diesen Fixern fehlt -- im Unterschied zu ihren gutbürgerlichen Gesprächspartnern -- jegliche Möglichkeit zur Rückwendung "nach Hause" in der Not, zur Selbstbesinnung, zum Wiederanschmiegen an die "Gesellschaft". Sie sind "draußen"; jenseits von allem; wollen "nicht erwachsen" werden.
Der Vater, berichtet einer von ihnen, "stellte was Kaltes, Drohendes in den Raum". Das bedeutete: "Wenn ihr nicht pariert, dann aber Die Kinder sollten, ungeachtet der chaotischen häuslichen Zustände, das "Saubere, Brave, Ordentliche" darstellen.
Unvergessen sind ihnen die Kämpfe um die Länge der Haare; ein Junge mußte die Jeans "im Keller anziehen", damit der Vater es nicht merkt; ein Mädchen erinnert den Kleinlichkeits-Terror ihres Vaters, der zur Mutter sagte: "Die Apfel müssen fürs Kompott in Achtel und nicht in Viertel geschnitten werden."
In den meisten Familien der Fixer wurde viel geschlagen, wahre Prügel-Orgien gab es: Wenn es nicht die Kinder traf, dann die Mutter, vor den Augen der Kinder. Selten kam es zu Gesprächen, Austausch von Zuneigungsbezeugungen, Vertrautheit mit dem Vater. Man erlebte ihn nur in Extremen der Ferne.
Des weiteren bestanden die frühen Nöte der Fixer in äußersten Schwierigkeiten, mit Menschen zu sein, Kontakt aufzunehmen, Beziehungen zu knüpfen -- verstehbar durch die, oft brutale, Kälte, die in den Familien herrschte. Erst das Heroin mit seiner Wirkung, sich "unverwundbar" zu fühlen, gab die Möglichkeit, "normal reden", ein "besseres Verhältnis" zu den "Mitmenschen" haben zu können.
Die mörderische Paradoxie dieses Gifts: Schutz, Sicherheit zu geben um den Preis, dabei zugrunde zu gehen. Einerseits das Gefühl wohligen Eingeschlossenseins, das Glück, die "Hemmungen" abstreifen zu können: "Da kommt so'n großer warmer Mantel, und der hält dich, und da bist du richtig sicher und geborgen"; andererseits wird erkannt, daß damit zugleich die Zerstörung ihres Lebens weiter betrieben wird.
Die Lebens-Resümees, die Zukunftsaussichten sehen so aus: Vielleicht "spring ich bald in die Kiste"; "ich bin sowieso ganz unten, was macht es"; "ich will mich kaputtmachen"; "ich habe das Gefühl, daß ich mich nie wieder eingliedern kann"; und: "Also hier, in dieses kapitalistische Scheiß-System paß ich nicht! Bin ich überflüssig." Aussagen von Kranken, gewiß; und Ohnmächtigen von Anbeginn.
Von Kind auf fehlte ihnen die Wertschätzung, ein Sinnverständnis des eigenen Lebens, und damit auch für das anderer Menschen. Darum ließen sich fast alle Fixer von anderen Fixern mutwillig "anpieken", auf jene Nadel, die potentieller Tod ist, bringen.
Lakonisch stellen die Autoren bei den "heranwachsenden Generationen" einen "zunehmenden Unwillen" fest, der nicht mehr hinausgehe über die "nackte Verweigerungshaltung". Diese äußert sich, ebenso zunehmend und nackt, in einem Verhalten und Weltbild, das nur mehr von Destruktion Zeugnis zu geben weiß.
Von Siegfried Schober

DER SPIEGEL 45/1977
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