24.10.1977

Hoimar v. Ditfurth über Wickler-Seibt: „Das Prinzip Eigennutz“„Egoismus der Gene“

Professor von Ditfuhrt,56,ist als Wissenschaftsjournalist (“ Der Geist fiel nicht vom Himmel)"und TV- Autor hervorgetreten.Professor Wolfgang Wickler,Jahrgang 1931,Schüler von Konrad Lorenz,leitet das Max- Planck-Institut für Verhaltungsphysiologie in Seewiesen .Dr. Uta Seibt arbeitet dort als Assistentin.
Die Kompliziertheit eines Problems ist mitunter lediglich eine Folge der Perspektive des Betrachters. Solange die Astronomen darauf bestanden, das Sonnensystem von der Erde aus als Mittelpunkt nicht nur zu beobachten (woran sie nichts ändern konnten), sondern auch zu erklären, so lange sahen sie sich genötigt, Ausnahmen von der Kreisform der Planetenbahnen, wie etwa schleifenförmig am Firmament verlaufende Bahnabschnitte, durch komplizierte Zusatzhypothesen ("Epizyklen-Theorien") wegzuinterpretieren. Die kopernikanische Wende ließ dann sämtliche "Ausnahmen" verschwinden. indem sie alle beobachteten Phänomene zwanglos und einsichtig aus einem Modell ableitete, bei dem die Sonne im Mittelpunkt steht.
Das Dogma, dessen Sturz die Erkenntnis im vorliegenden Fall fortschreiten läßt, ist der "Arterhaltungswert" angeborenen Verhaltens. Keine kleine Revolution, wenn man bedenkt. daß den Klassikern der Disziplin, Tinbergen oder Konrad Lorenz, "die Frage nach dem Arterhaltungswert des zu erforschenden Vorgangs" bis zuletzt als die zentrale Frage aller Verhaltensforschung galt.
Aber solange die Wissenschaftler an diesem Maßstab festhielten, mehrten sich die "Ausnahmen". Da wurde beobachtet, daß männliche Löwen, die ein Löwinnen-Rudel neu übernehmen. keine Ruhe geben, bevor sie nicht das letzte Junge in ihrem neuen Harem umgebracht haben -- ohne jede Rücksicht auf "Demutsgesten" oder "Kindchen-Schema". Löwen, die sich im weiteren Verlauf dann übrigens keineswegs als Baby-Killer erweisen, sondern ganz im Gegenteil als liebevolle Väter, die in Hungerzeiten weitaus eher bereit sind, die knappe Kost mit ihren Kindern zu teilen als deren futterneidische Mütter.
Auf den Galapagos-Inseln beobachteten Wicklers Kollegen Fregattvögel, die jede Gelegenheit, die sich ihnen bot, dazu benutzten, die Eier benachbarter Artgenossen zu zerstören. Je häufiger Freilandbeobachtungen angestellt wurden, um so mehr häuften sich ganz allgemein Berichte, denen zu entnehmen war, daß sich Individuen der verschiedensten Spezies speziell gegenüber dem Nachwuchs von Artgenossen in einer Weise benehmen, die von dem Verhalten, das die Theorie von ihnen verlangt, in bedauerlichem Maße abweicht.
Der Fall der Fregattvögel wurde von dem Verhaltensforscher Eibl-Eibesfeldt in einem Handbuchartikel denn bezeichnenderweise auch unter der Rubrik "pathologisches Abweichen von der Norm" eingeordnet. In der Tat, der Erhaltung der Art kann solches Verhalten unmittelbar kaum dienen.
Mit der zunehmenden Zahl von Ausnahmen beginnt nun schließlich jede Norm zu wanken. Aber welcher andere Maßstab wäre hier denn vorstellbar, dessen Anlegung die Dinge wieder in einen biologisch-sinnvollen Zusammenhang rücken würde? Ist es, anders ausgedrückt, überhaupt denkbar, daß auch Verhaltensweisen wie die geschilderten noch einen "Zweck" haben, daß auch sie noch als Folge gelungener biologischer Anpassung gedeutet werden müssen? Und wenn das der Fall sein sollte: Welche Forderung könnte es sein, an welche die Anpassung hier erfolgt ist?
Die Lösung ergibt sich, wie gesagt, mitunter aus einem radikalen Wechsel der Perspektive. Wickler und Seiht zeigen, daß alle Ausnahmen verschwinden und alle beobachteten Phänomene sofort verständlich werden, wenn man den sakrosankten Maßstab der Arterhaltung fallenläßt und statt dessen annimmt, daß das einzelne Tier sich so verhält, als ob es ihm darauf ankäme, seine eigenen Gene möglichst weit in der Population zu verbreiten.
Das ist eine atemberaubende Kehrtwendung. Nicht das Individuum steht jetzt mehr im Zentrum des Geschehens, nicht einmal seine Art, sondern das individuelle Genom. Man erinnert sich an die "Keimbahn": Alle Individuen sind sterblich, was überdauert, ist allein das Erbgut, das mit Hilfe der Keimzellen an die nächste Generation weitergegeben und in der Population so immer wieder neu gemischt wird. Individuelle Körper oder Leiber sind, so gesehen, nichts als Vehikel, denen die Aufgabe zufällt, das, worauf es allein ankommt, nämlich den Gen-Satz, der sie aufgebaut hat, vorübergehend zu beherbergen, vor Schaden zu bewahren und in möglichst weitem Umfang an die nächste Generation zu verteilen.
Wickler:" Insofern die Organismen notwendig sind für den Fortbestand und die Vermehrung der in ihnen enthaltenen Gene, muß man erwarten, daß die Gene, die den Organismus in ihrem eigenen Interesse aufgebaut haben, ihn auch in ihrem eigenen Interesse betreiben, also auch sein Verhalten so steuern, daß vordringlich ihre eigene Vervielfältigung gesichert wird."
Löwen zum Beispiel verhalten sich eben "nicht so, daß sie keine Artgenossen in Gefahr oder ums Leben bringen. Sie verhalten sich vielmehr so, daß sie selbst möglichst viele Nachkommen haben, auch wenn das auf Kosten der Nachkommen anderer Löwen geht" Deshalb bringen Löwenmännchen die Nachkommen ihrer Vorgänger im neuen Rudel um (und Fregattvögel die Nachkommen ihrer Nachbarn).
Die wichtigste Konsequenz dieses neuen Denkansatzes ist die Tatsache, daß er erstmals die Entstehung sozialer Verhaltensweisen darwinistisch befriedigend erklärt. Dies folgt daraus, daß die eigenen Gene ja nicht nur im Individuum selbst, sondern zum Teil auch bei seinen Angehörigen vorkommen.
Man kann der "Ausbreitung der eigenen Gene" also auch dadurch dienen, daß man diese Angehörigen unterstützt: Wenn der Wert in einer die Grenze des Individuums überschreitenden Einheit besteht, nämlich in der "Summe aller identischen Gene", dann ist eine diese Grenze überschreitende, äußerlich also als Kooperation oder gar Altruismus erscheinende Verhaltensstrategie unmittelbar verständlich.
An die Stelle des Egoismus des Individuums (oder der Art) tritt hier folglich der Egoismus der Gene. Es ist faszinierend zu sehen, mit welcher Präzision sich das Verhalten bei allen bisher untersuchten Arten -- von der Einzelzelle bis zum Menschenaffen -- diesem Egoismus unterwirft. Denn die besondere Pointe der Angelegenheit besteht nun darin, daß die Wahrscheinlichkeit, mit der ein mit dem eigenen identisches Gen bei einem Artgenossen anzunehmen ist, entsprechend dem jeweils vorliegenden Verwandtschaftsgrad in exakten Zahlen ausgedrückt werden kann.
Zu den Höhepunkten dieses bemerkenswerten Buchs gehören die Stellen, an denen die Autoren die hier bestehenden Möglichkeiten dem Leser anhand konkreter Beispiele vorrechnen. Dabei ergibt sich in allen Fällen, daß die bei Freilandbeobachtungen festgestellten Verhaltenseigentümlichkeiten bis in die Einzelheiten hinein aus dem jeweils berechneten Wert abgeleitet werden können. Auch daß Löwenmännchen ihren Nachkommen gegenüber weniger futterneidisch (also "selbstloser") sind als die Weibchen, entspricht der theoretischen Erwartung, weil die zwei oder drei Männchen des Rudels mit jedem einzelnen Jungen eben sehr viel wahrscheinlicher verwandt sind als eine der zahlreichen Löwinnen.
Das Beispiel ist noch simpel. An Hexerei beginnt man zu glauben, wenn die Autoren das gleiche Prinzip am Beispiel des Bienenstocks durchexerzieren. Dabei zeigt sich nämlich, daß der ganze komplizierte Kastenstaat dieser Insekten, dessen Entstehung bisher kaum verständlich war, bis in die letzte Besonderheit hinein, Schritt für Schritt rechnerisch belegbar, als die Widerspiegelung der bei den Bienen besonders vertrackten Verwandtschaftsbeziehungen aufgefaßt werden kann.
Aber auch angesichts von Phänomenen, die sie seit langem durchschaut zu haben glaubten, werden die Verhaltensforscher jetzt anfangen müssen umzudenken.
Das gilt etwa für den seit Lorenz sprichwörtlich gewordenen "Kommmentkampf" zwischen rivalisierenden Artgenossen. Daß es ihn gibt, ist nicht zu bezweifeln. Aber die "Ausnahmefälle", bei denen es immer wieder zu echten Beschädigungskämpfen kommt, erscheinen jetzt in einem ganz anderen Licht. Denn wenn nicht, wie Lorenz lehrte, die Schonung des Artgenossen das oberste Ziel ist, dann stellt, wie sich wiederum rechnerisch exakt demonstrieren läßt, ein ganz bestimmter Prozentsatz von Beschädigungskämpfern zwischen den Kommentkämpfern die optimale Kompromißstrategie der Evolution dar.
Bedeutsam sind die Konsequenzen des "Egoismus der Gene" nicht zuletzt auch für das Verständnis menschlichen Sozialverhaltens. Insbesondere die seit Jahren andauernde, bisher vorwiegend von ideologischen Positionen aus geführte Diskussion um die angeborene Natur der menschlichen Aggressivität gewinnt hier ganz neue Dimensionen.
Alles in allem also ein Buch, das ein Ereignis darstellt. Wichtig nicht nur für den Fachmann, sondern für jeden, der sich für Wissenschaft und die Deutung von Welt und Mensch durch Wissenschaft interessiert. Deshalb ist es zu bedauern, daß die Autoren ihren Lesern didaktisch nicht ein klein wenig mehr entgegengekommen sind.

DER SPIEGEL 44/1977
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