29.08.1977

Das Tor vom Prokuristen

Am Spielfeldrand im Paderborner Inselbad-Stadion war zu hören, wie sich die Berufsfußballer vom Bundesliga-Favoriten Eintracht Frankfurt gegenseitig anmachten: "Kannste nicht son alten Amateur halten?", schrien sich die Grabowski, Hoelzenbein und Nickel zu.
Das war, als sich vorletztes Wochenende die Frankfurter vom Kundendienstleiter der Achsenfabrik Josef Peitz jun. KG das Leder zum 2:0 ins Netz hatten hängen lassen, von einem gewissen Helmut Fiege, 27, in seiner Freizeit Rechtsaußen beim Turn- und Sportverein Schloß Neuhaus. Das 1:0 hatte ihnen jemand namens Wolfgang Schulte besorgt, Leiter des Einkaufs und Prokurist der Firma.
So hoch wie sie stets ihre Nasen zu tragen pflegen, wenn ihnen eine Laienspielschar den Pokal-Weg quert, hatten die Stars aus der Metropole am Main im westfälischen Schloß Neuhaus, knapp 15 000 Einwohner, siegen wollen. Daß sie am Ende gerade noch mit 2:2 den Ausgleich schafften und bis auf"s Schußbein blamiert davontrotten mußten, verhalf dem deutschen Fußballvolk zu herzlicher Freude, wie stets, wenn ein David einen Goliath ins Stolpern bringt.
Daß die Frankfurter Profis vier Tage später dann, am Mittwoch voriger Wochen, und mit Heimvorteil, die Jungs aus der Senne mit 4:0 halbwegs standesgemäß abbürsteten, änderte am Phänomen schon nichts mehr: "Da bricht bei uns nichts zusammen", sagt Bernhard Temming, Geschäftsführer der Achsenfabrik und Vorsitzender der Fußballabteilung des Amateurklubs.
Eher im Gegenteil Vielleicht: Was nicht nur für Temming "wie ein Wunder" war, das ruhmreiche Remis gegen eine Elf mit sogenannten Weltmeistern, könnte für Schloß Neubaus, wo einst die Paderborner Bischöfe residierten, sportlichen Segen bedeuten: "Möglich", spekuliert Temming, "daß sich bei uns jetzt Leute melden aus ganz Deutschland" -- Leute, die schon bald verwirklichen, was eigentlich erst langfristig geplant war: den Aufstieg in die zweite Bundesliga, zunächst mal.
Leute freilich auch, die nicht nur auf dem Spielfeld zu schwitzen, sondern auch im Achsenwerk des Josef Peitz etwa zu schweißen geneigt sind. Denn so, mit der Verquickung von Sport- und Arbeitsplatz, hatte das Wunder von Schloß Neubaus auch begonnen: Als Peitz, dem noch eine Bremsenfabrik und ein Betonsteinwerk gehört, zur Zeit der Vollbeschäftigung Anfang der sechziger Jahre, in der näheren Umgebung keine Facharbeiter mehr auftreiben konnte, inserierte er im Ruhrgebiet und fügte den Stellenangeboten hinzu, daß ihm vor allem Sportler sehr willkommen seien, am liebsten Fußballer.
Das Interesse an Sportlern im Betrieb mag bei Firmenchef Peitz, 42, zwei Gründe haben. Zum einen hat er, zu Fritz Walters Zeiten, bei den Amateuren des 1. FC Kaiserslautern selber Fußball gespielt, hat dort auf einer Fachschule auch seinen heutigen Geschäftsführer Temming kennengelernt, der seinerseits bei Castrop 02 in der Jugendmannschaft gestanden hatte, und ist eben "der gesamten Sportwelt gegenüber sehr aufgeschlossen".
Zum anderen gilt für den Achsenmacher: "Wer sich in eine Mannschaft einfügt, der ist auch im Betrieb diszipliniert." Und: "Wer sportlich fit ist, ist auch bei der Arbeit fit." Bisher wurde seine ertüchtigende Vorstellung, Brot und Spiele zum Nutzen einer Firma zu veranstalten, nicht widerlegt.
Jedenfalls hatten seine Inserate damals den Erfolg, daß Peitz 45 Mann einstellen konnte. Und da sich tatsächlich überwiegend Sportler gemeldet hatten, wurde eine Betriebssportmannschaft gegründet, deren Fußballmannschaft im Wettbewerb mit zwölf Paderhomer Firmen nicht schlecht aussah.
Als sich plötzlich der örtliche Verein TuS Sennelager eines Tages vom Abstieg aus der ersten Kreisklasse ii% die zweite bedroht sah, wußte die Vereinsleitung keinen besseren Ausweg, als bei Josef Peitz anzufragen, oh er mit seinen Firmenkickern nicht einspringen könne.
So geschah es. Zwar war der Abstieg, da nur vier Spiele noch ausstanden, nicht mehr zu verhindern, aber danach ging es fast nur noch bergauf bis in die höchste Klasse der westfälischen Fußballamateure. Und aus der Betriebssportgemeinschaft ist, blau-gelb sind seine Farben, ein ordentlicher Klub geworden, mit dem Rechtsanwalt, Notar und Sozialdemokraten Werner Rech als Präsident, einem Bankdirektor als Vize, Achsen-Peitz als Chef des Ältestenrates und der Inschrift auf den Trikots: "Achsen-Peitz-Bremsen".
Den Weg nach oben bis hin ins Frankfurter Waldstadion bewerkstelligten so "abgewichste Burschen" (Temming) wie Klaus Pöhler, einst Temmings Nachbar in Castrop, der 56 Tore für Neuhaus schoß und mit unterdes 34 Jahren als Libero im Spiel sowie als Elektriker und Werkzeugvorbereiter im Werk seine Pflicht doppelt erfüllt.
Von den 20 Spielern des Ligakaders stehen gleich 13 bei Peitz werktäglich von sechs bis 15 Uhr in Arbeit, und ob sie Schweißer, Schlosser oder wie Verteidiger Werner Gans lediglich Hilfsarbeiter am Fließband sind: "Jeder zerreißt sich", sagt Temming, "denn immerhin stehen die ja in der Öffentlichkeit."
Nach dem 2:2 vor 10000 jubelnden Fans in Paderborn zogen Trainer und Torwart am gleichen Abend ins ZDF-Sport-Studio. Kichernd erklärten sie das Fußballwunder, sogar mit hochtrainierten Profis mühelos mitgehalten zu haben. "Wir arbeiten doch alle in einer Firma", verriet Torwart Manfred Wicke. Pokaltraining zum Stundenlohn, da staunte die Bundesliga.
Und außerdem: ob hoch oder tief, jeder duzt jeden -- aber das kann auch daran liegen, daß alle zugleich dem Schützenverein angehören, wo das eh üblich ist.
Ausgesprochen familiär geht es im Betrieb denn auch zu, wann immer es um die Peitz-Mannschaft geht. Als vergangene Woche die Fahrt nach Frankfurt anstand, hatte Geschäftsführer Temming für das Achsen-Geschäft kaum Zeit übrig. Vielmehr mußte er organisieren, welche Mitarbeiter wann mit welchem Bus zum Fußball auf Achse sein könnten. 17 TuS-Busse tuckerten von der Senne an den Main. Schließlich war noch der Arbeitsbeginn am folgenden Morgen zu regeln.
"Die können", entschied er plötzlich, "von mir aus zwei Stunden später anfangen. Aber das macht unter euch Betriebssprechern aus." Die Betriebssprecher votierten für großzügige Regelung: "Im Moment ist ja sowieso nicht so viel zu tun."
Damit jährlich die 110 000 Mark zusammenkommen, die Fahrgeld, Wäsche, Stiefel und Ausgehanzug des Teams so kosten, fördern an die 40 Firmen aus der Gegend den Verein; und mancher Förderer stellt schon mal seine Villa samt Swimming-pool und Sauna sonntags für einen "Gesundheitsvormittag" zur Verfügung.
Firmenchef Peitz hat sogar den Trainer Jan Liberda bei sich zu Haus aufgenommen, von dem Temming weiß, daß er 43 mal für Polen gespielt hat und dort zweimal Fußballer des Jahres gewesen ist. Liberda, erst seit Juli in Schloß Neuhaus, war es auch, der eine stramme Trainingswoche hindurch, die sich die Peitz-Mitarbeiter vom Urlaub abknapsten, die Elf so fit gemacht hat, daß sie gegen Eintracht Frankfurt zunächst gar nicht so recht verlieren konnte.
Mit leider doch einem Nachteil: "Jetzt werden natürlich", prophezeit Bernhard Temming seiner Achsen-Macht, "alle unsere Gegner in der Verbandsliga sagen: "Denen werden wir s mal zeigen."

DER SPIEGEL 36/1977
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