29.08.1977

BÜCHERDeutsche Seele

Joachim Fernau: „Halleluja. Die Geschichte der USA“. Herbig, München; 320 Seiten; 24,80 Mark.
Die Amerikaner haben "Blechseelen", das "Glücksgefühl des Abendlandes ist ihnen nicht mehr verständlich". Sie haben "alles kaputt"-gemacht, "was uns die Ewigkeit fühlen ließ", Geld und Erfolg "ersetzt ihnen alles".
Doch auch damit wird es wohl bald vorbei sein, denn diesen Krämerseelen fehlt etwas Entscheidendes: "eine Fahne". Die aber hat der "Gegenspieler"" das "einzige noch hochpolirisch-weltanschauliche Gefüge", der Kommunismus. Was Wunder, daß wir "verloren" sind, wir, "der weiße Westen", zumal wir nun auch noch "Milliarden und Milliarden" als sogenannte Entwicklungshilfe an unsere "erbitterten Feinde" verschenken -- "wie die Wallstreet befahl".
Nein, da kann der Autor -- "Glauben Sie mir, meine Freunde" -- seinen Lesern keinen Trost mehr bieten, im Gegenteil: "Hören Sie, wie der Kreml lacht?"
Es ist nicht zum Lachen. So unbekömmlich wie diesmal hat der ehemalige NS-Durchhalte-Journalist Joachim Fernau 67, seine notorische Bestsellermischung aus neckisch verplauderter Historie und völkisch-bildungsbürgerlichem Ressentiment noch nicht aufgekocht.
In seiner Darstellung schrumpft die Geschichte der USA zu einer von schierer Geldgier und Unkultur, von Schurkerei und Heuchelei zusammen. Hinter allem steckt "die Wallstreet" mit ihren "Registrierkassen", und wir vom "Abendland", wir Deutschen vor allem, denen das "Vaterland" durch "Partei-Silos" ersetzt worden ist, sind die Dummen.
"Rockefeller gründete gerade sein Ölimperium ... (Verdi schrieb die "Aida"). Carnegie war schon der Beherrscher der Stahlindustrie ... (Wagner komponierte den "Tannhäuser"). Mayer Guggenheim beutete die Erzgruben aus und wurde unvorstellbar reich (Menzel malte das "Balkonzimmer") ... Was für Namen! Ich meine natürlich nicht die in Klammern" -- so klittert dieser Erfolgsautor und hält derlei verdrückte Witzelei für souveränen Sarkasmus.
Dieser Geschichtsschreiber, der seine Leser gelegentlich mit Zitaten aus Brockhaus und Meyer bedient und, wenn"s ihm in den polemischen Kram paßt, auch Obskures ohne Quellenangabe zitiert, ist ein unerträglicher Causeur. "Darf ich Sie, meine Freunde, einmal beiseite nehmen" so und ähnlich drängt er sich unablässig auf. "Jene Atempausen, in denen die Nemesis ein Nickerchen macht ..."; "Inzwischen war man ins 18. Jahrhundert umgestiegen ..." -- das ist Fernau-Stil.
In seinem Eifer, uns "Minderwertigkeitsgefühle" gegenüber den Amerikanern auszureden, ist Fernau nicht zu übertreffen. Alle "großen geistigen Schöpfungen" seien "im alten Kulturland Europa" entstanden, schreibt er und trumpft auch mit solchen auf: "Der Trommelrevolver wurde schon im Dreißigjährigen Kriege benutzt, ehe Colt ihn sich patentieren ließ ..."
In Wahrheit werden in diesem Buch nicht Minderwertigkeitsgefühle (wer hat die denn?) geheilt, sondern klammheimlich jene -- auch moralischen -- Überlegenheitsgefühle gehätschelt, die sich traditionell mit deutschem Selbstmitleid liieren.
So wie Fernau hier (unter Zuhilfenahme des Amerikaners Dee Brown) die amerikanische Indianer-Vernichtung beschreibt und Hitler streift, ist wohl klar, wo die größeren Verbrechen zu sehen sind. Deutschland, so läßt er durchblicken, war an beiden Weltkriegen unschuldig. Was zwischen 1914 und 1945 geschah, ist ihm schlicht "Der dreißigjährige Krieg gegen Deutschland". Und eine Verpflichtung zur "Vergangenheitsbewältigung" kann man sich nur "einbilden" -- sie führt dazu, daß die Deutschen (wie nun auch die Amerikaner) "sich entsprechend idiotisch benehmen".
Ähnlich verhält es sich mit der Entkolonialisierung: Die ist uns -- im hinterlistigen Interesse der "Wallstreet", versteht sich -- von "verschwiemelten Gesundbetern" aus "Presse, Soziologie, Rundfunk und Kirche" aufgeschwätzt worden. Notwendig war sie nicht, denn die meisten Kolonialvölker "fühlten sich keineswegs geknechtet, vor allem die ehemals deutschen und die niederländischen nicht".
Genug der Zitate? Dieses Buch, in dem "der Schuldige" an allen Übeln der Gegenwart -- an der Zerstörung der deutschen "Seele" und am Supermarkt, am "kommunistischen Riesenreich" und an der modernen Kunst -- "dort drüben jenseits des Ozeans steht", dieses eklige Ressentimentknäuel von einem Buch ist, mit schon weit über 50 000 umlaufenden Exemplaren, im Jahre 1977 ein deutscher Bestseller.
Von Rolf Becker

DER SPIEGEL 36/1977
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