22.08.1977

Die Faust im Nacken Karajans

Immer noch herrschen in Salzburg die Karajans. Kein Stabführer prangt so oft, so bunt, so modisch von Bretterzäunen und aus Fleischerläden: Herbert von Karajan, das tonangebende Direktoriumsmitglied der Festspiele, ist in himmelblauem Pilotenhemd, auf grüner Wiese, im schwarzen Rolli, schlicht geschlossenen Auges allgegenwärtig.
Eliette, seine blonde Gattin, führt sich immer noch als Primadonna auf. Wenn das Festspielhaus längst gefüllt und die Gemeinde, des Meisters harrend, in Andacht verstummt ist, betritt sie den Tontempel und schreitet wie auf einem Laufsteg zu ihrem Stammplatz im rechten Mittelparkett: von vielen begafft, mit einem huldvollen Lächeln für ein paar Erwählte. Keine seiner Aufführungen hat Karajan so effektvoll inszeniert wie das Entree von Frau Gemahlin: Spiel der Mächtigen.
Dennoch ließ sich letzte Woche rund 200 Kilometer südlich Salzburgs, nahe dem Ossiacher See in Kärnten, ein Gegenpapst ausrufen: Beim "Carinthischen Sommer" gab Leonard Bernstein drei Konzerte mit dem Israel Philharmonie Orchestra -- unscheinbare Ouvertüre zum Machtkampf zweier smarter Potentaten.
Bernstein, dieses "einzigartige und sehr amerikanische Wunderkind" ("Time">, rüstet zum Großangriff auf Karajans multimediales Imperium. Aller festen US-Verpflichtungen ledig, vom heimatlichen Musikbetrieb enttäuscht, vom Höhenkurs westeuropäischer Währungen beflügelt, fühlt Bernstein plötzlich einen unerwarteten Drang in die Alte Welt, wo er bislang nur selten gastarbeitete.
Montag und Dienstag dieser Woche gastiert er in der Philharmonie bei den für ihn gleichsam vorgezogenen Berliner Festwochen. Die Deutsche Grammophon Gesellschaft (DGG) schneidet, der SFB filmt mit. Dann zieht er mit Israels Philharmonikern in die Rheingoldhalle nach Mainz, leitet in Salzburg das letzte Symphoniekonzert und kommt im September mit den Wiener Philharmonikern zum Bonner Beethovenfest. Wieder zeichnet die DGG auf, Polytel dreht für TV.
Kein Ton, keiner seiner berüchtigten Hopser am Pult wird verlorengehen. Denn die DGG (nebst konzerngebundenen Gesellschaften), die den Maestro 1976 aus seinem jahrelangen Exklusivvertrag mit dem amerikanischen Medien-Riesen CBS zu locken verstand, folgt ihrem neuen Star auf Schritt und Sprung.
Zwar muß sie sich Bernstein immer noch mit CBS teilen, so wie mit EMI den Platten-Spieler Karajan. Aber für die Dirigenten ist nichts profitabler, als von zwei Konkurrenten umbuhlt zu werden: Was der eine verschmäht, nimmt dankbar der andere.
Wohl nur so ist auch zu erklären, daß auf DGG nach zwei für Oktober angekündigten Bernstein-LP mit Liszt und Strawinski erst einmal Bernstein-Stücke (drei Symphonien, "Chichester Psalms") erscheinen: aufgeblähte, epigonale Brocken, die bislang nicht einmal das Bernstein-närrische US-Publikum zu schlucken bereit war.
Ist das Selbstgemachte erst im Kasten, wird Bernstein auch Volkstümliches einspielen und somit direkt in Karajans stereophone Domäne einbrechen. Bis 1981 beispielsweise sollen die neun Beethoven-Symphonien mit den Wiener Philharmonikern für Platte und Fernsehen produziert werden, genau wie der Wiener Staatsopern-"Fidelio" im kommenden Januar und die "Missa solemnis" in Amsterdam.
Schon kündigt Bernstein an, im Karajan-Stil und -Tempo zu jetten: nach Athen und London, zum "Scala"-Jubiläum nach Mailand, mit dem Orchestre national de France um die halbe Welt.
Bernstein nennt sich selbst einen "Bewunderer" von Karajan, "meinem Freund". Beide kennen sich seit 1953. Karajan hat der Wiener Staatsoper vor Jahren beleidigt den Rücken gekehrt, als diese Bernstein einen "Tristan" überließ. Im September 1975 tafelten sie gemeinsam in Salzburg. Ein Versöhnungsmahl? "Es war gut", so der Amerikaner nachher, "diesen ganzen Unsinn einmal loszuwerden." Vielleicht Waffenstillstand.
Doch jetzt, da Bernstein seine Invasionspläne nach Europa aufrollt, wird die vorgebliche Harmonie flötengehen. Böhm hin, Solti her: Amerikas Dingenten-Darling Bernstein, 58, muß die Diva Karajan, 69, entthronen -- kein leichtes Spiel.
Im griechischen Geschlecht der Karajanopoulos wurzelnd, in der Mozartstadt Salzburg geboren, in der deutschen Provinz solide geschult, verkörpert Karajan den seriösen Diener der schönen Künste, der ausschließlich am reinen Born abendländischer Tradition gesogen hat. Seine Programme sind nicht selten platten Abklatsch von Wunschkonzerten, Musik in Schleiflack: Sibelius, "Schwanensee", holde Aida.
Er zelebriert, was vor allem Deutschen die Seele massiert, E-Musik als Gottesdienst, auch wenn er dabei etwa Bachs "Matthäus-Passion" süß und weich gleichsam vernockerlt.
Verglichen mit diesem Feingeist platzt Bernstein auf die europäische Musikszene wie John Wayne ins Wiener Burgtheater. Sohn eines jüdischukrainischen Kosmetikhändlers, in Massachusetts geboren, durch einen Schnupfen Bruno Walters an die musikalische Macht gekommen, einst als Filmkomponist der "Faust im Nacken" mit Hollywood im Bunde, mit seiner "West Side Story" Bestseller am Broadway -- schlimmer kann sich ein Beethoven-Dirigent hierzulande kaum verdächtig machen.
Dann dieses Theater! Bernstein ist bis zur Clownerie von sich berauscht: "ein zuckendes und vibrierendes Kraftbündel", wie die "FAZ" schrieb, das eine Mahler-Symphonie durchfechtet, durchboxt" durchschwitzt und dann, beim "Rosenkavalier", die Einsätze per Handkuß gibt. "Dirigieren ist wie ein Liebesakt", hat er gestanden und führt seine symphonischen Orgasmen nach choreographischem Ritual auf.
Narzißtisch labt er sich an allen Sentimentalitäten, deren er zwischen Barock und Höchstromantik habhaft werden kann. Sein Ausspruch "Ich danke dem lieben Gott täglich 50mal, daß ich Leonard Bernstein bin", stand zwar in "Bild am Sonntag". Trotzdem könnte es stimmen. Also ein Dandy der Tonkunst, der mit jedem Forte Schaum schlägt?
Die Branche und seine Fans nennen ihn schlicht Lenny -- welch ordinäre Kumpanei verglichen mit der Artigkeit, mit der die Musikwelt Herbert von Karajan Herbert von Karajan nennt und nicht Heri oder Bert. Würde die tingeltangelnde "Furopawelle Saar" je ihre "Goldene Europa" an Karajan vergeben wie zuvor an Heidi Kabel, Knut Kiesewetter und Vicky Leandros, und wurde, o Gott, Karajan die Trophäe nicht verschmähen -- Deutschlands philharmonische Heerscharen könnten ihres Götzen nicht mehr froh werden. Aber Bernstein nahm die Auszeichnung im vergangenen Frühjahr an und sang am nämlichen Feier-Abend mit Udo Jürgens den Ohrwurm "Maria" aus seiner "West Side Story".
Lenny bewundert die Beatles und spricht einigen ihrer Songs die Bedeutung von Schubert-Liedern zu. Wohl wahr, nur: Könnte Karajan sich so fatal an einem musikgeschichtlichen Tabernakel vergehen? Nein, Karajan ist der Schuster, der bei seinem Leisten bleibt, und die Deutschen, Treue um Treue, danken es ihm. Nichts Politisches ist ihm je öffentlich über die Lippen gekommen, seine Ohrenweide bietet Platz nur für Sang und Wohlklang.
Bernstein hingegen hat laute Begleitmusik geliefert zu Jimmy Carters Wahlfeldzug. Er engagiert sich leidenschaftlich für "Amnesty International" und stiftet dafür gelegentlich seine Gage. Er hat israelischen Soldaten auf verminten Schlachtfeldern Mozart vorgespielt und im Wiener Südbahnhof bei Tafelspitz mit jungen Landsleuten über Politik diskutiert. Sein Gastspiel beim nächstjährigen "Prager Frühling" kündigte er aus Protest gegen die Diskriminierung der "Charta 77"-Unterzeichner auf.
Nur Geschäft, nur Show? Bei der hiesigen sakralen Keimfreiheit des Konzertbetriebs wird es der Amerikaner schwer haben mit dem Beweis, daß ihm E und U, Musik und Politik gleich wichtig sind. Europas philharmonische Klientel, die Jeans bei Bach immer noch deplaciert findet, wird ihm alle seine Allüren und Marotten eher abnehmen als ein Wort zum politischen Alltag.

DER SPIEGEL 35/1977
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