14.11.1977

DDRBrennende Uniform

Erst jetzt sickerten in Ost-Berlin Einzelheiten über die schweren Tumulte auf dein Alexanderplatz am 7. Oktober durch.
Als Mark Brayne, DDR-Korrespondent der britischen Nachrichtenagentur "Reuter", am 13. Oktober beim Parteitag der Ost-CDU in Dresden seinen Ausweis als Berichterstatter abholen wollte, erwartete ihn eine unangenehme Überraschung. Der Journalist, so teilten ihm die Pressebetreuer der ostdeutschen Christenpartei höflich mit, werde dringend im Außenministerium zu Berlin erwartet.
Wenige Stunden später eröffnete Wolfgang Meyer, Leiter der Hauptabteilung Presse im DDR-Außenamt am Ost-Berliner Marx-Engels-Platz, dem Engländer, er habe "gegen Buchstaben und Geist von Helsinki" verstoßen und werde dafür offiziell verwarnt. Braynes Bericht über die Krawalle am 7. Oktober, dem Nationalfeiertag der Ost-Republik, beim Volksfest auf dem Alexanderplatz enthalte Angaben, "die von A bis Z erfunden und erlogen" seien. Die DDR erwarte dringend, "daß Sie diese Meldung dementieren".
Was an Braynes Meldung falsch sei, mochte Meyer allerdings nicht sagen. Auf die Frage, ob denn nicht stimme, daß, wie von Reuter verbreitet, auf dem Alex zwei Polizisten umgebracht worden seien, blieb der Presseschef die Antwort schuldig.
Aus gutem Grund: Denn die Zahl der Toten war höher, die Brutalität der Vorfälle erschreckender, als zu diesem Zeitpunkt von Brayne vermutet.
Pflichtgemäß empörte sich einen Tag später dennoch das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" ("ND") über die journalistischen "Brunnenvergifter" aus dem Westen. Zwar seien, so räumte das "ND" ein, beim Nationalfeiertag im Ost-Berliner Zentrum "leichtsinnige" Jugendliche verletzt worden. Auch treffe zu, daß es anschließend "zu Handgreiflichkeiten" gekommen sei -- "seitens einiger Rowdys beziehungsweise solcher Jugendlicher, die unter dem Eindruck der heißen Rhythmen nicht wußten, was sie taten".
Der Anlaß für den Reuter-Verweis und die erboste Presseschelte: Am 12. Oktober hatte Brayne über den englischen und deutschen Reuter-Dienst die -von den meisten westdeutschen Zeitungen mit oder ohne Fragezeichen nachgedruckte -- Meldung abgesetzt, bei der abendlichen Schlägerei zwischen Jugendlichen und Volkspolizei am Ost-Berliner Fernsehturm. habe es drei Tote gegeben -- ein Mädchen sei beim Sturz in einen Luftschacht ums Leben gekommen, ein Volkspolizist sei erstochen, ein zweiter mit einem vollen Bierkasten erschlagen worden.
Bereits am 8. Oktober hatte sich zudem der Ost-Berliner ARD-Korrespondent Fritz Pleitgen im westdeutschen Fernsehen darüber beschwert, daß sein Mitarbeiter Lutz Lehmann am späten Abend des 7. Oktober handgreiflich daran gehindert worden war, die Überbleibsel der Krawalle auf dem Alex zu filmen.
Die heftige Reaktion der SED auf die von den eigenen Medien unterdrückten Enthüllungen ist nur zu verständlich. Denn die westlichen Berichte, über Funk und Fernsehen unzensiert in die ostdeutschen Wohnstuben zurückgespielt, waren dazu angetan, drinnen wie draußen das offizielle Klischee von der heilen sozialistischen Gesellschaft, von der Einheit zwischen Partei und Volk, anzukratzen. "Die können doch", so ein Augenzeuge der Alex-Krawalle, "nicht zugeben, daß nach fast 30 Jahren DDR der Haß auf alles, was Uniform trägt, ausgerechnet unter der Jugend so stark ist wie zu Stalins Zeiten."
Die Verwarnung für den Reuter-Korrespondenten verfehlte freilich ihre Wirkung. Die Briten-Agentur, schon seit 1959 in Ost-Berlin akkreditiert, sah zum Dementi keinen Grund.
Denn allzu zahlreich sind inzwischen die Indizien, daß die "Konfrontation zwischen der Polizei und einigen Schreihälsen" ("ND") auf dem Alex weitaus härter war, als die SED bisher zugeben wollte.
Da die Behörden nach wie vor jede Auskunft verweigern, ist zwar bis heute weder die Zahl der an den Krawallen Beteiligten noch die der Verletzten und Festgenommenen genau zu ermitteln. Nach Schätzungen von Augenzeugen aber wurden in die Tumulte 1000 bis 2000 Jugendliche verwickelt, und unter der Hand geben Polizeioffiziere etwas mehr als 200 Verhaftungen zu.
Über die Brutalität der Schlacht lassen Augenzeugen wie Polizisten zudem keinen Zweifel. So berichteten zahlreiche Zuschauer unabhängig voneinander dem SPIEGEL, daß die Polizei vergeblich die Menge über Megaphon aufgefordert habe, Krankenwagen zu einem Luftschacht durchzulassen, in den während eines Rock-Konzerts der Gruppe "Expreß Berlin" junge Leute gestürzt waren. Als die Vopos daraufhin Hunde losließen, prügelten zahlreiche Jugendliche mit Bierflaschen auf die Tiere und die anrückenden Polizisten ein.
"Jungen wie Mädchen", so schilderte ein Ost-Berliner die Szene, "werden zusammengedroschen -- panische Angst -, Leute schieben Müllcontainer auf die Bullenketten zu, schlagen mit Flaschen um sich, können ausbrechen, versuchen, sich in Wohnungen zu verstecken, Bewohner haben Angst, kippen heißes Wasser auf Jugendliche."
Ein West-Berliner Studentenpaar berichtet: "Als wir dazukamen, sahen wir, wie hinter einer Metallwand in der Ecke des Pavillons am Fernsehturm gerade eine brennende Uniformmütze und -lacke durch die Luft fliegen -- unter dem gellenden Beifall der Umstehenden. Neben uns sagte ein junger Mann: .Da wird ein Bulle fertiggemacht."
Jean-Marcel Bouguereau, Reporter der französischen Tageszeitung "Libaration", bestätigt die Szene: "Als ich dazukomme, jonglieren die Jugendlichen mit zwei brennenden Mützen. Einer versichert mir, sie hätten einen Polizisten entkleidet und seine Uniform verbrannt."
Vollends zum Barrikadenkampf geriet die Auseinandersetzung, als Uniformierte die Empore des Pavillons stürmten und bei dem darauffolgenden Handgemenge mehrere Zuschauer über die Brüstung stürzten: Jugendliche brachen Platten aus dem Pflaster, zertrümmerten sie in handliche Stücke, um sie besser gegen die Polizisten schleudern zu können, und warfen zahlreiche Scheiben ein.
Bouguereau: "Die verschiedensten Geschosse regnen auf die Polizei nieder: Steine, Flaschen. Stühle. Einige verletzte Polizisten werden fortgetragen. Andere ziehen sich unter den Freudenschreien des gesamten Platzes zurück."
In der Menge tauchten immer mehr Zivilisten, offenbar Mitarbeiter des Staatsicherheitsdienstes, auf und griffen sich Demonstranten. "Während die Menge zurückweicht", so nochmals Augenzeuge Bouguereau, "stürzen sich die Zivilpolizisten genau neben mir auf zwei Jugendliche, die sich durch die Menge drängen, und legen ihnen mit großer Brutalität Handschellen an. Proteste der Umstehenden, die die Polizisten als Nazis beschimpfen."
Noch während der Nacht verbreitete sich in Ost-Berlin die Nachricht, bei den Krawallen seien zwei Vopos getötet worden. Polizisten hatten es, unter dem Schock ihrer Erlebnisse, preisgegeben. bevor die Partei eine offizielle Sprachregelung verfügen konnte.
Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kamen die Ereignisse auf dem Alexanderplatz für die ostdeutschen Behörden freilich nicht. Aufsässige Jugendliche, an denen die von Kindesbeinen an verabreichte sozialistische Erziehung offenbar spurlos abprallt, beunruhigen die DDR-Oberen seit langem.
Beispielsweise verprügelten im vergangenen Frühling beim Blütenfest in Werder nahe Potsdam angetrunkene Rocker einen hohen SED-Funktionär. DDR-Zeitungen berichten regelmäßig über jugendliche Rowdies, die -- etwa nach einem Fußballspiel -- Züge demolieren oder Straßenbahnen auseinandernehmen. Auf den Ost-Berliner S-Bahnhöfen patrouillieren neuerdings als Eisenbahner verkleidete Geheimpolizisten, um das Rowdytum einzudämmen. Und auch beim nationalen Alex-Fest hatten die Staatsschützer bereits am Nachmittag in den Seitenstraßen diskret etwa 20 Mannschaftswagen mit Volkspolizisten stationiert.
Erhöhte Alarmbereitschaft auf dem Alex demonstrierte die SED beim Abschlußfest der Freien Deutschen Jugend (FDJ) zum Jubiläum der sowjetischen Oktoberrevolution -- 14 Tage nach den Krawallen.
Zum "Fest des Roten Oktober" hatten die Behörden vorsorglich Notlazarette einrichten lassen. Um die Stimmung nicht anzuheizen, fehlten diesmal rund um den Alexanderplatz die üblichen Pop-Bands. Eine Unmenge von Staatssicherheitsbeamten und Volkspolizisten hatte zudem ein wachsames Auge auf jede Zusammenrottung. Wo immer sich Zuschauer um eine Gitarre oder einen spontanen Sänger gruppierten, waren sie rasch von Herren in Plastikmänteln oder Lederjacken umstellt. Langhaarige Jugendliche und westliche Journalisten wurden vom Stasi vorsorglich abgelichtet.
Unter dem Druck immer wilder wuchernder Gerüchte über den 7. Oktober entschloß sich die SED-Führung schließlich zu einer begrenzten Korrektur ihrer offiziellen Krawall-Version: In einer streng vertraulichen und nur mündlich verbreiteten "Parteiinternen Information" ließ sie ihre Kader wissen, bei den Tumulten seien insgesamt 68 Polizeibeamte verletzt und zwei getötet worden, zwei weitere inzwischen ihren Verletzungen erlegen.
Das Außenministerium freilich mochte bislang nur durch die Blume korrigieren. Eine Woche nachdem Hauptabteilungsleiter Meyer den Reuter-Mann Brayne förmlich verwarnt hatte, teilte Meyers Abteilungsleiter Siegfried Hoeldtke dem verblüfften Korrespondenten freundlich mit, seine Oberen hätten das -- nie erfolgte -- Reuter-Dementi mit Befriedigung zur Kenntnis genommen.

DER SPIEGEL 47/1977
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