15.08.1977

Nur Anstandsregeln verletzt?

SPIEGEL: Wie war Ihre unmittelbare Reaktion, Frau Professor Gerstenberger, als Sie von den tödlichen Schüssen auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback hörten?
GERSTENBERGER: Großer Schrecken. Aber ich dachte bisher, daß Gefühle bei uns noch nicht öffentlich überprüft werden.
SPIEGEL: Und Ihre Reaktion, Herr Knieper?
KNIEPER: Genauso, großer Schrecken.
SPIEGEL: Und Ihre, Herr Professor Preuß?
PREUSS: Ich war entsetzt. Mein zweiter Gedanke war, daß nun für jede politische Sache, für die ich mich irgendwie einsetze, ganz erhebliche Schwierigkeiten auf uns zukommen werden.
SPIEGEL: "Klammheimliche Freude" haben Sie also nicht empfunden
GERSTENBERGER: Nein, keiner von uns.
SPIEGEL: ... wie jener unbekannte Göttinger Student, der sich "Mescalero" nennt und dessen "Nachruf" auf Buback Sie drei zusammen mit 40 weiteren Professoren, mit vier Anwälten und einem Akademischen Rat in einer "Dokumentation" veröffentlicht haben. Würden Sie den Mord an Buback einen "Abschuß" nennen, wie es in dem von Ihnen verbreiteten "Mescalero"Artikel geschehen ist?
KNIEPER: Nein, weder denken wir so noch reden wir so. Das ist eine Sprache der Gewalttätigkeit, die auch uns zutiefst erschreckt.
SPIEGEL: Seit Ihrer Veröffentlichung des Gottinger Artikels ist viel geschehen. Ponto ist erschossen worden. Sie werden beschuldigt, mit Gewaltanhängern zu sympathisieren oder es sogar selbst zu sein.
Es gibt wüste Beschimpfungen, etwa in der "Welt" und der "FAZ"" und es gibt sachliche scharfe Kritik, etwa in den Offenen Briefen der Senatoren Glotz in Berlin und Franke in Bremen. Aber auch Glotz hat denen, die -- wie Sie -- den "Mescalero"-Artikel veröffentlicht haben und sich -- wie Sie -- nicht von ihm distanziert haben, empfohlen, den Staatsdienst zu quittieren.
PREUSS: Dieser Satz liegt unter dem Niveau des Herrn Glotz.
SPIEGEL: Ablehnung Ihrer Aktion allenthalben. War sie, aus Ihrer heutigen Sicht, ein Fehler?
KNIEPER: Soll jeder antworten? SPIEGEL: Nur dann, wenn Sie nicht gleicher Meinung sind.
GERSTENBERGER: Die Veröffentlichung ist eine Unerläßlichkeit nach wie vor.
KNIEPER: Das ja, aber ich bedaure heute, daß wir nicht ein kritisches Vor-Wort vorangestellt, sondern den Text nahezu kommentarlos veröffentlicht haben.
SPIEGEL: Sie würden also, hätten Sie es nicht schon getan, den "Mescalero"-Artikel auch heute noch veröffentlichen, aber ihn zugleich analysieren und sich von ihm distanzieren?
KNIEPER: Distanzierung ist nicht das richtige Wort, weil wir uns als Herausgeber mit dem Artikel nicht identifiziert haben. Dann brauchen wir uns ja auch nicht zu distanzieren.
SPIEGEL: Haben Sie mit der Reaktion gerechnet, die Ihre Veröffentlichung hatte?
PREUSS: Daß das eine Provokation war, die sehr viel Aufregung hervorrufen würde, das war mir klar. Aber daß man aus unserer Herausgeberfunktion eine Identifizierung mit dem Inhalt ableiten würde, das hat mich überrascht. Das halte ich auch nach wie vor nicht für berechtigt.
* Mit SPIEGEL-Redakteur Werner Harenberg.
SPIEGEL: Sie glauben, daß nicht Sie einen Fehler gemacht haben, San. dem daß es eine Fehlreaktion der Öffentlichkeit gegeben hat?
GERSTENBERGER: Ich würde das nicht als Fehlreaktion interpretieren, sondern als Ausdruck von gesellschaftlichen Verhältnissen, die wir besser hätten analysieren sollen.
SPIEGEL: Worin stimmen Sie mit dem "Mescalero" überein, worin nicht?
PREUSS: Das möchte ich eigentlich nicht gefragt werden. Sie müßten fragen, welche Gründe es hat, diesen Text, den ein anderer Autor geschrieben hat, Dritten bekanntzumachen, die darüber diskutieren sollen.
SPIEGEL: Die Frage ist zunächst, warum Sie sich in die Nähe des "Mescalera" gebracht haben, ob aus politischer Tölpelhaftigkeit, wie einige Ihrer Freunde annehmen möchten, oder aus Sympathie für dessen Gedanken, wie Ihre Gegner behaupten.
KNIEPER: Wir haben uns nicht in die Nähe des "Mescalero" gebracht, wir wurden in diese Nähe gebracht.
SPIEGEL: Das sehen wir anders. Sie haben zusammen mit dem Artikel des "Mescalero" einen Artikel von Rosa Luxemburg veröffentlicht. Was hat der dort erwähnte "Moskauer Bluthund" Sergius Romanow mit Buback zu tun?
PREUSS: Nichts, ganz klar, gar nichts.
SPIEGEL: Aber Sie haben diese Assoziationen doch ausgelöst. Wie "Mescalera" klammheimlich Freude· über den Tod Bubacks empfindet, so ist in dem Luxemburg-Artikel von der "moralischen Befriedigung" die Rede, die "jeder anständige und rechtlich denkende Mensch bei der befreienden Tat" der Tötung eines hohen zaristischen Beamten empfinde. Und wie hier vom "Abschuß" Bubacks gesprochen wird, so dort davon, daß Romanow "wie ein toller Hund auf dem Straßenpflaster verendet ist".
PREUSS: Nun muß ich Sie zunächst sehr entschieden bitten, die zentrale politische Aussage des Luxemburg-Artikels nicht zu verschweigen: Daß schon unter dem absolutistischen Regime des Zarismus die sozialistische Bewegung den Terrorismus als eine Strategie abgelehnt hat.
Daß dies heute unter republikanischdemokratischen Verhältnissen in noch viel höherem Maße gilt, hätte man allerdings auf jeden Fall kommentierend klarmachen müssen.
SPIEGEL: Warum haben Sie in Ihrer "Mescalero"-Dokumentation selbst geschwiegen -- die "Erklärung" gibt nicht viel her -- und nur Rosa Luxemburg zu Wort kommen lassen?
PREUSS: Das ist etwas kompliziert. Wir haben die Erklärung unterschrieben, mit der wir den "Mescalera"-Artikel herausgeben. Nicht die gesamte Dokumentation ist im einzelnen abgesprochen worden.
SPIEGEL: Heißt das im Klartext, daß der Luxemburg-Artikel von anderen Herausgebern dazugestellt wurde, ohne Ihr Wissen und ohne Ihre Billigung?
GERSTENBERGER: Die Bremer Unterzeichner wußten das nicht. SPIEGEL: Hat es Sie denn gestört? GERSTENBERGER: Ja, aber das möchten wir jetzt nicht gerne mit Ihnen diskutieren.
SPIEGEL: Wie Sie wollen. Es wird Sie nicht beleidigen, wenn man diese Art, wie Hochschullehrer mit Texten umgehen und Wirkungen verkennen, für sträflich stümperhaft hält.
PREUSS: Ihr Vorwurf ist zwar beleidigend, aber er ist berechtigt. Doch sollten wir nicht zunächst darüber sprechen, warum wir uns zu dieser Veröffentlichung entschlossen haben? SPIEGEL: Ja, bitte.
GERSTENBERGER: Wir sind als Hochschullehrer in eine Auseinandersetzung eingetreten, nachdem verschiedene studentische Gruppen den Text bereits herausgegeben haben. Das haben dann auch wir getan, und zwar vor allem aus Solidarität mit dem Göttinger Asta.
Ich war an dem Tag in Göttingen, als der Asta von einem gewaltigen Polizeiaufgebot heimgesucht wurde, nur weil er diesen Artikel veröffentlicht hat.
SPIEGEL: Haben Sie ähnlich handeln wollen wie jene Frauen, die vor ein paar Jahren im Kampf gegen den Abtreibungs-Paragraphen 218 eine Resolution "Ich habe abgetrieben" unterschrieben, um die weitere Strafverfolgung von Abtreibungen zu verhindern?
KNIEPER: So ganz stimmt der Vergleich nicht, weil das, was wir getan haben, nicht strafbar ist.
SPIEGEL: Und sie haben allen Ernstes geglaubt, Sie könnten den Artikel herausbringen, ohne sich zu seinem Inhalt zu äußern?
KNIEPER: Das haben wir geglaubt, das war unser Irrtum. Wir haben einfach das Diskussionsklima in der Bundesrepublik falsch eingeschätzt.
SPIEGEL: Auch in Ihrem Antwortbrief an Senator Franke sind Sie nur punktuell auf den Artikel eingegangen. Unser Gespräch wäre ohne Sinn, wenn Sie nicht sagten, worin Sie mit "Mescalero" einig sind und worin nicht.
PREUSS: Ich habe Schwierigkeiten, Ihrer Aufforderung zu folgen. Und zwar, weil ich noch immer keine Veranlassung sehe, über die Einigkeit mit dem "Mescalero" nachzudenken. Ich kann mir inhaltlich von diesem Text so gut wie gar nichts zu eigen machen, das ist nicht meine Beziehung zu ihm. SPIEGEL: Sondern?
KNIEPER: Wir haben diesen Artikel auch deshalb veröffentlicht, weil er in allen Zeitungen angeklagt wird, ohne daß das Beweisstück vorgelegt wurde. Es wurden einige Zitate herausgegriffen, die nicht den Inhalt des Artikels wiedergeben, sondern beinahe das Gegenteil dessen vortäuschen, was der Autor gesagt hat.
Und wir meinen, daß er diskutiert werden muß, weil es diese Auffassung in der Studentenschaft gibt. Sie verschwindet nicht dadurch, daß man sie totschweigt, verbietet oder entstellt.
SPIEGEL: Eine solche Diskussion hätten Sie vielleicht erreicht, wenn Sie mit einem eigenen Beitrag die Auseinandersetzung mit diesem Text eröffnet hätten, statt ihn schweigend zu präsentieren. Nun wird aber schon wochenlang darüber diskutiert, ob die 43 Professoren aus Bremen, Berlin, Oldenburg und ein paar anderen Orten "Mescalero"-Sympathisanten im Staatsdienst sind.
GERSTENBERGER: Ich bin ganz sicher, daß die Diskussion fast identisch gelaufen wäre.
SPIEGEL: Versuchen wir doch bitte mal an einem Satz festzustellen, was Sie vom "Mescalero" trennt und mit ihm eint. Er beschuldigt Buback der "Folterung von Linken". Hat Buback foltern lassen, und sind die, die hier gemeint sind -- Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe zum Beispiel -- Linke?
PREUSS: Der Begriff "Folterung von Linken", so wie er da steht, ist äußerst mißverständlich. Es gibt die Auffassung, daß bestimmte Haftbedingungen -- vor allem die Isolation mit der Folge der sensorischen Deprivation, wie es in der Medizin heißt -- unter heutigen Bedingungen als eine neuartige Form von Folter bezeichnet werden muß.
SPIEGEL: Ist das irgendeine Auffassung, oder ist das Ihre Auffassung?
PREUSS: Ich habe mit Ulrike Meinhof und mit Astrid Proll, die ich persönlich betreut habe, darüber gesprochen, und auch mit anderen, die mir ihre Gefühle und ihren Verfall ebenfalls beschrieben haben, und ich habe dann gemeint: Es ist vertretbar, wenn Leute sagen, das ist eine moderne Form von Folter.
SPIEGEL: Nicht was Leute sagen, sondern was Sie sagen, interessiert uns.
PREUSS: Ich selbst habe an meiner Ablehnung dieser Art von Haftvollzug keinerlei Zweifel gelassen, habe aber den Begriff Folter dafür nicht gebraucht, weil ich weiß, daß damit viele falsche Assoziationen geweckt werden und daß man hinterher immer wieder alles erklären muß. Deshalb ist für mich Folter die physische Mißhandlung im klassischen Sinne als Zufügung von Schmerzen.
SPIEGEL: Zum zweiten Teil unserer Frage. Sind für Sie wie für "Mescalero" die Terroristen, die in Stammheim und anderswo sitzen, noch Linke?
PREUSS: Ulrike Meinhof, Horst Mahler und wie sie auch heißen mögen sind aus der linken Kultur der Studentenbewegung hervorgegangen, und deshalb haben wir als Linke, die wir größtenteils selbst dorther stammen, Beziehungen mit ihnen. Ich hatte zum Beispiel zu Horst Mahler eine sehr enge persönliche Beziehung.
Ich kann sie nicht allesamt abnabeln und betrachte sie daher als Angehörige dieser linken Familie, die aber ganz andere Wege, von uns mißbilligte Wege, gegangen sind. Sie gehören zur linken Strömung, auch wenn die Konsequenzen, die sie gezogen haben, von uns und von der überwiegenden Mehrheit der Linken abgelehnt werden.
Aber wir lehnen es nicht ab, uns für sie einzusetzen, wenn wir glauben, daß ihre Rechte verletzt werden. SPIEGEL: Wenn ...
GERSTENBERGER: Ich würde es gern etwas anders sagen. Es ist für uns Linke sehr viel problematischer, die Gefangenen nicht mehr als Linke zu bezeichnen, weil man sich dann die Auseinandersetzung mit ihnen zu einfach macht.
SPIEGEL: Wenn wir nun ...
KNIEPER: Darf ich auch noch auf diese Frage antworten? Ich habe viel größere Schwierigkeiten zu sagen: Was ist links? Bis zu welchem Punkt geht das? Haben sich die Gewalttäter aus dem Lager der Linken herauskatapultiert? Das mag daran liegen, daß ich nicht aus der Studentenbewegung hervorgegangen bin. Wohl auch aus diesem Grund habe ich da keine gesicherte Meinung.
(Zu Preuß gewandt) Ich habe den Eindruck, daß auch du darin eigentlich nicht ganz sicher bist, wie ich an deinem Zögern vorhin gesehen habe.
PREUSS: Nein, ich bin da nicht unsicher. Sie sind andere Wege gegangen als wir. Aber wo soll man sie denn klassifizieren, wenn nicht nach wie vor als Teil der Linken?
KNIEPER: Wenn ich da mal hart widersprechen darf: Wir wissen doch zum Beispiel, daß Mussolini aus der Linken Italiens hervorgegangen ist, und man kann ihn nicht ernsthaft bis zu seinem Lebensende als Linken rechnen.
PREUSS: Man muß differenzieren. Wenn ich von den Inhaftierten spreche, dann denke ich konkret an Personen. Ich denke an Ulrike Meinhof, ich denke an Mahler. Ich denke zum Beispiel nicht an Baader, den ich vorher nicht gekannt habe.
SPIEGEL: Können Sie das denn so persönlich sehen? Ob Sie jemanden von den Terroristen für einen Linken halten, kann doch nicht davon abhängen, ob Sie ihn gut kennen oder nicht.
PREUSS: Natürlich nicht. Aber wir gingen von dem Begriff "Folterung von Linken" aus, und die Linke wird ja nicht gefoltert, es können nur Personen gefoltert werden. Wenn Sie das jetzt politisch-klassifikatorisch haben wollen, dann habe ich gar keine Probleme zu sagen, daß zum Beispiel terroristische Gruppen, die für die Morde an Buback und Ponto verantwortlich sind ...
SPIEGEL: Nach Auffassung des Bundeskriminalamtes ist es die Gruppe um den ehemaligen Rechtsanwalt Siegfried Haag.
PREUSS: ... keine Linken sind. An ihnen ist überhaupt nichts Politisches, das sind Desperados.
SPIEGEL: Denken Sie über Gewalt anders als "Mescalero"?
KNIEPER: Es ist wahrscheinlich der einzige Punkt, in dem wir mit ihm übereinstimmen. Er lehnt ebenso wie wir politischen Terror entschieden ab.
SPIEGEL: Ob Sie bitte aus seinem "Nachruf" auf Buback die Sätze vorlesen, mit denen er die Gewalt ablehnt? KNIEPER: Es sind die Sätze, die auch Senator Franke in dem Brief an uns zitiert: Daß der Weg zum Sozialismus nicht mit Leichen gepflastert sein kann, daß die Gewalt des Sozialismus nicht die Gewalt Al Capones ist, daß Linke keine Killer sein dürfen, daß der Zweck eben nicht jedes Mittel heiligt.
SPIEGEL: Wenn wir dem wirren "Mescalero"-Text schon die Ehre antun und ihn sezieren wie Exegeten einen Bibeltext: Da bleibt aber noch viel Sympathie für Gewalt, ja für Mord. Sie können doch nicht einfach all das wegwischen, was überall zitiert wird.
Das steht auch alles da: Klammheimliche Freude über den Abschuß, Verbrecheralbum nach der Revolution, Killervisagen und so weiter.
KNIEPER: Sie müssen den Artikel als Ganzes sehen. Er hat doch eine Entwicklung, die man nicht leugnen kann.
SPIEGEL: Welche?
KNIEPER: Er schreibt all das, was Sie zitieren, von der klammheimlichen Freude und so weiter. Aber das ist nur das erste Gefühl, das er wiedergibt. Er berichtet, wie er diese Emotion verarbeitet und zu dem Ergebnis kommt: Das ist ein falsches, kein wirklich verarbeitetes Gefühl, keine politische Haltung, die man vertreten kann.
SPIEGEL: Wollen Sie wirklich behaupten, daß es sich bei diesem Text um eine Art pädagogischen Beitrag handelt?
KNIEPER: Auch wenn Sie es ironisieren, genauso sehen wir es.
SPIEGEL: Da widerlegt Sie der Text selbst, denn von "Killervisagen" ist zum Schluß wieder die Rede, obwohl "Mescalero" da doch zur Gewaltlosigkeit konvertiert sein müßte, wenn Ihre Auslegung stimmte.
Und er bekennt sich gegen Ende sogar ausdrücklich zur Gewalt, wenn auch zu "Gewalt/Militanz, die fröhlich sind und den Segen der beteiligten Massen haben". Das erklärt er zur Tagesaufgabe.
GERSTENBERGER: Das ist eine läppische Geschichte. Ich nehme an, daß der Autor diese ganze Frage nur auf dem Hintergrund seiner sehr kurzfristigen Erfahrung des spontanen Streiks in Göttingen im letzten Semester diskutiert, den die Göttinger Studenten als einen ungeheuren Erfolg, eben als Entwicklung fröhlicher Gewalt erlebt haben.
SPIEGEL: Der Bremer Senator Franke tut diese Stelle nicht als läppisch ab. Er verweist auf den frohlichen Volkszorn, den es bei Morden in der Französischen Revolution, bei öffentlicher Lynchjustiz vor ein paar Dutzend Jahren in den USA und bei blutrünstigen Liedern der Hitlerjugend gab.
GERSTENBERGER: Tut mir leid, aber ich bin nicht bereit, das Problem der Gewalt und der Volksmassen im Zusammenhang mit diesem Artikel zu diskutieren. Dafür ist er viel zu wirr. Das einzige, was er leistet, ist die Kritik des politischen Terrors. Zu mehr gelangt er nicht. Was sonst noch drin steht, ist völlig unausgegoren.
SPIEGEL: Ist es nicht absurd, daß Sie eine Gewalt-Diskussion mit einem Artikel eröffnen wollen, den Sie selbst so einschätzen?
GERSTENBERGER: Hätten wir uns einen Artikel aussuchen können, um eine Gewalt-Diskussion zu beginnen, so hätten wir ganz sicher nicht diesen genommen. Aber der "Mescalero"Artikel wurde öffentlich erörtert, war nur zum Teil bekanntgemacht, zum anderen Teil unterdrückt worden. Deshalb mußten wir eingreifen.
SPIEGEL: Selbst aus den Sätzen, die Sie vorhin als Beleg für die Ablehnung der Gewalt in dem Artikel zitierten, lesen Sie zuviel heraus.
Der Satz, der Zweck heilige nicht alle Mittel, besagt gar nichts, solange man nicht sagt, welche er denn doch heiligt. Wenn Sozialisten weder Killer noch Heilige sind, bleibt dazwischen noch viel. Und wenn man den Weg zum Sozialismus nicht gerade mit Leichen pflastert, kann es doch bis dahin noch viele Leichen geben.
· GERSTENBERGER: Das ist aber jetzt eine beckmesserische Interpretation. Ich verstehe den Satz mit den Leichen eindeutig so, daß der Autor den politischen Mord schlechthin ablehnt.
PREUSS: Ich würde sogar noch weitergehen. Die Art des Todes ist mit dem Begriff Leiche ja gar nicht angesprochen. Da gibt es Körperverletzung mit Todesfolge, die fahrlässige Tötung, den Totschlag, den Mord. Das alles, so verstehe ich den Autor, hat mit dem Weg zum Sozialismus nichts zu tun.
SPIEGEL: Sie werden darauf achten müssen, daß Sie aus "Mescalero" keinen zweiten Martin Luther King machen.
PREUSS: Aus der Tatsache, daß er sagt, die Sozialisten seien keine Heiligen, können Sie doch nicht, ohne böswillig zu sein, schließen, daß damit legitimierte. Tötungen zum Programm erklärt werden.
Aber damit Sie mich nicht falsch verstehen: Realistisch ist es zu sagen, daß es sich bei gesellschaftlichen Umwälzungen, technischen wie politischen, genauso verhält wie im Straßenverkehr.
GERSTENBERGER: Nein, Ulrich, bring das nicht.
PREUSS: Warum nicht, wenn es doch so ist? Jede Umwälzung birgt Risiken und erfordert Opfer, aber der Unterschied ist, ob man sie nicht verhindern kann oder ob man sie zum Mittel erklärt, das der Zweck heiligt. Und letzteres lehnt "Mescalero" ab.
SPIEGEL: Wollen Sie bestreiten, daß der Artikel von Haß erfüllt ist?
PREUSS: Haß ist vielleicht zu eindimensional gesehen Es ist mehr. Es ist auch Aggressivität, Ekel, Verzweiflung. "Mescalero" stellt seine eigene kritische Verarbeitung dieses Hasses dar und kommt dahin, daß Terror kein Mittel sein darf, ihn auszutragen. Aber richtig ist, daß er den Haß nicht überwindet und daß insofern der Artikel widersprüchlich bleibt.
SPIEGEL: Auch die Sprache der Gewalt durchzieht ihn von Anfang bis Ende.
PREUSS: Zur Sprache sind zwei Auffassungen denkbar. Die eine besagt, wenn man sprachlich etwas ausdrückt und sozusagen durch die Sprache freisetzt, dann setzt man es auch in der Tat frei. Wenn man vom Abschuß spricht, dann lockert das auch den Finger am Gewehr. Das ist eine Art magisches Denken, daß dem Wort die Tat folgt.
Andere sagen, gerade dadurch, daß man es ausspricht, wird verhindert, daß die Tat folgt. Das ist die Auffassung, die unter uns vorherrscht.
SPIEGEL: Je mehr "Mescaleros", desto weniger Morde wie an Buback und Ponto?
KNIEPER: Nein. Je wüster die Sprache, desto gewalttätiger die Gesellschaft. Mir macht diese Sprache, egal ob sie von "Mescalero" oder von Dregger gesprochen wird, Angst. Aber ich bestreite den Kausalzusammenhang zwischen der Sprache der Gewalt und der Gewalttätigkeit. Die Sprache ist nicht die Ursache für die Tat, beides sind Symptome für die gesellschaftliche Situation.
SPIEGEL: Wer also Buback als "Killervisage", als "Folterer", als Mann fürs "Verbrecheralbum" bezeichnet, der schafft keine Stimmung für die Gewalt? Mit dieser Ansicht stehen Sie vermutlich ziemlich allein.
PREUSS: Ein bißchen sind wir jetzt auf eine schiefe Ebene gekommen, weil es so aussieht, als wollten wir rechtfertigen oder gar begrüßen, daß es diese Sprache gibt. So ist es nicht, im Gegenteil. Auch wenn man fragen würde, ob man einen solchen Text wie den "Mescaleros" verbreiten soll, würde ich immer sagen, wegen seines Inhalts und wegen seiner Sprache ist er sicherlich nicht verbreitungswürdig.
SPIEGEL: In Ihrer "Erklärung" heißt es, daß mit diesem Artikel "in Form und Inhalt staatsbürgerliche Anstandsregeln verletzt" würden. Geht es wirklich nur um eine Frage der Etikette, oder geht es um mehr?
PREUSS: Wenn ein solcher Text den Anspruch erheben würde, eine politische Aussage im Sinne einer Analyse, einer Einschätzung, einer Stellungnahme zu sein, dann wäre er sicherlich mehr als die Verletzung von Anstandsregeln. Da würden wir Ihnen recht geben.
Aber der Autor sagt an verschiedenen Stellen selbst" es handle sich um eine spontane Reaktion, es sei ein Rülpser, den er losläßt, es sei die Darstellung seiner emotionalen Regung. Und insofern ist er nicht mehr als die Verletzung aller möglichen Anstandsregeln, Tabus und sonstigen Konventionen.
GERSTENBERGER: Man kann es auch noch kürzer sagen: Ein emotionaler Rülpser verletzt auf jeden Fall die Anstandsregeln, weil es eben ein Rülpser ist.
SPIEGEL: Uns scheint, Sie drehen und wenden diesen Text so, wie Sie ihn brauchen. Eben stechen Sie ihn noch Silbe für Silbe, um die Ablehnung der Gewalt zu beweisen, jetzt tun Sie ihn ab als Rülpser.
PREUSS: Würde es ein Text von uns sein, würde uns diese Kritik treffen. Aber wir haben diesen Text nicht geschrieben und haben seine Widersprüche nicht zu vertreten. Daß wir ihn veröffentlicht haben, war eine situationsgebundene Nothilfemaßnahme, nicht wegen seines Inhalts, sondern wegen seines politischen Schicksals.
SPIEGEL: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

DER SPIEGEL 34/1977
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