15.08.1977

SCHWIMMENNicht zum Singen

Glanzstück des überaus erfolgreichen DDR-Sports sind die Schwimmerinnen. Bei den Europameisterschaften kämpfen sie aussichtsreich um den Sieg in sämtlichen Wettbewerben.
Wenn bei den europäischen Titelkämpfen die 14 Siegerehrungen der Schwimmerinnen anstehen, kommt die Kapelle wahrscheinlich mit einem Notenblatt aus -- der DDR-Hymne.
Allenfalls die sowjetische Brustschwimmerin Ulja Bogdanowa, 13, könnte bei den Europameisterschaften in dieser Woche im schwedischen Jönköping die DDR aus dem Takt bringen und verhindern, was noch keiner Nation bei internationalen Meisterschaften glückte, einen totalen Erfolg.
Programmiert hatten den Aufstieg die Sportwissenschaftler an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig. Als erste erkannten sie in dem unterentwickelten Frauensport eine Marktlücke und ein Experimentierfeld.
Seither lernen DDR-Kinder im zweiten Schuljahr gewöhnlich schwimmen. Mit acht Jahren werden die geeignetsten herausgepickt. Die Talentfahnder messen Größe, Hebelverhältnisse und errechnen das voraussichtliche Wachstum. So maß die vierfache Olympiasiegerin Kornelia Ender mit 14 Jahren schon 1,78 Meter. Kam es auf den letzten Zug an, schlug sie stets mit dem längeren Arm zuerst an.
Ein nahezu perfektes Fördersystem formt aus Talenten Olympiasieger. Die 1976 dreifach golddekorierte Ulrike Richter gibt ein Musterbeispiel ab: Mit elf Jahren begann sie im Schwimmer-Zentrum beim SC Einheit Dresden zu trainieren. In der Dresdner Kinder- und Jugendsportschule (KJS) "Arthur Becker" traf sie die spätere Europameisterin Karla Linke und das zweifache Silbermädchen von Montreal, Birgit Treiber.
Mehr als 50 Staatstrainer finden inzwischen genügend Schwimmer-Nachwuchs vor. Nach dem Rücktritt Kornelia Enders übernahm Barbara Krause, 18, aus Ost-Berlin die Führung in der Jahresweltbestenliste über 100 Meter Kraut. "Barbara wird bald schneller sein ais Kornelia", prophezeite Ender-Trainer Helmut Langbein.
Wo die Konkurrenz dichtauf krault, können Privilegien und die Aussicht auf eine beruflich sichere Zukunft durch Fehlleistungen ebenso wie durch Fehlverhalten verlorengehen. Folgerichtig herrscht bei den DDR-Schwimmerinnen "alte preußische Diszplin", wie dem Pariser "Figaro" auffiel.
Die Mädchen "leisten dasselbe Trainings-Programm wie die Jungen", erklärte Cheftrainer Professor. Dr. Rudi Schramme den "gewissen Vorsprung gegenüber Ländern, die glauben, man dürfe Mädchen nicht gleich belasten". Dasselbe Programm, das bedeutet anfangs etwa 1000 Kilometer pro Jahr. Mit 16 Jahren trainieren die Mädchen zweimal täglich im Wasser, schwimmen dabei bis zu zwölf Kilometer täglich und ein Jahrespensum von 3500 Kilometern. Außerdem arbeiten sie mit Gewichten und treiben Gymnastik.
Im Training kontrollieren Sportärzte regelmäßig Puls und Blutwerte. So erkennen sie frühzeitig Verletzungen oder Infektionen. Aber sie stellen daraus anhand computergespeicherter Vergleichswerte auch den augenblicklichen Leistungsstand jedes Athleten fest und rechnen seine künftigen Wettkampfleistungen (die "Perspektive") hoch. Später stellen sie fest, ob ein Sportler die ihm physisch mögliche Höchstleistung erbracht hat oder nicht.
Sportärzte wie der Schwede Dr. Bengt Eriksson warfen den DDR-Medizinern vor, sie manipulierten ihre Schwimmerinnen mit männlichen Hormonen. Beim Olympia in Montreal fielen die Möbelpacker-Kreuze und tiefen Stimmen der DDR-Olympiasiegerinnen besonders auf. DDR-Trainer Rolf Gläser dazu: "Die sind doch nicht zum Singen hier."
Doch der SED-Staat erwartet mehr als Siege. Die Weltrekordlerinnen aus der KJS "Arthur Becker" besuchen vor wichtigen Wettkämpfen ihre Patenbrigade im VEB Elektromat Dresden.
"Diese Zusammenkünfte klingen in der Regel mit Verpflichtungen aus", schilderte das Ost-Berliner "Sportecho"; es meinte Verpflichtungen für Sportler und Arbeiter. Nach dem Wettkampf "wird die Bilanz offen auf den Tisch gelegt", offenbarte Weltrekordlerin Birgit Treiber ungewollt die gegenseitige Antreiberei.
Meisterhaft verstand es das Management, die Schwimmerinnen zum entscheidenden Wettkampf auf Höchstleistungen zu trimmen. Bei der Weltmeisterschaft 1973 überholten die DDR-Mädchen erstmals die US-Stars. In Montreal schwammen sie 1976 schon 11 von 13 möglichen Siegen heraus und sammelten 18 der 35 möglichen Medaillen. Bei den Europameisterschaften wollen sie das Gesamtergebnis noch verbessern.
Anders als die Goldmädchen hechelten die DDR-Jungen meist hinterher. "Es gibt noch viel zu tun", klagte Chef-Trainer Schramme. "Wenn wir wüßten, woran es liegt, wäre es schon nicht mehr so."

DER SPIEGEL 34/1977
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