12.09.1977

Der alte Mann und das Bier

Der Schriftsteller Wolf Wondratschek, 34, lebt in München und veröffentlichte Erzählungen ("Früher begann der Tag mit einer Schußwunde"), Gedichte ("Chuck"s Zimmer") und Hörspiele.
D er alte Mann beißt Charles Bukowski, Er sitzt in L. A. irgendwo in seiner Bude, säuft literweise Dosenbier und schreibt Gedichte und Storys.
Buk, sagen seine Fans, hat die schärfsten Storys auf Lager. So was gibt"s hierzulande nicht. Und sie lesen sich süchtig.
Auch die Intellektuellen mögen Buk. Seine "undisziplinierte antisoziale schlampige" Schreibe. Denn er sagt all die Dinge, die sie auch mal selber gern gesagt hätten.
Und natürlich mögen ihn die Weiber. Sie finden ihn stark, komisch, geil. Der Mann ist einfach authentisch. Und er ist ein Mann, heruntergekommen, sentimental, einsam.
Er gilt im Augenblick als der neue Schreib-Weltmeister im Schwergewicht. Gewichtsklasse Hemingway, der immer wieder in Buks Geschichten auftaucht. In einer boxen die beiden miteinander. Und da es eine Bukowski-Geschichte ist, gewinnt Bukowski. Er haut Ernie mit einer Links-rechts-Kombination auf die Bretter: "Ernie, man kann nicht immer gewinnen!"
Nun, Buks Gesicht sieht auch nicht gerade aus, als hätte er allzuviel Kämpfe siegreich überstanden. Man sieht, er hat mal im Suff einem D-Zug die Stirn geboten. Ihm haben viele besoffene Huren drin rumgekratzt. Diese Fresse ist für jeden, der sie sieht, eine Herausforderung.
Auf mich wirkt sie freundlich, gutmütig, schwermütig wie ein Haufen altes Pavianfleisch. Panzerknacker-Ede mit Disneyland-Hausverbot.
In einem Interview mit dem Rock-Magazin "Rolling Stone" erzählte er, was er darüber denkt. "Ich weiß, mit meinem Gesicht lassen sich Bücher verkaufen. Dieses Gesicht ist ein Alptraum, bleich, übergeschnappt. Klar, daß die Leute denken, das gibt"s doch nicht. Sie wollen einfach rausfinden, was für ein Hirnverbrannter das ist. Ich bin durch "ne Menge Scheiße marschiert, aber ich bin durch. Jetzt hilft meine Fresse beim Verkauf."
Er hat recht. So kam ich Ende der 60er Jahre zu seinen Gedichten und den Storys. Ich gebe zu, daß er mich heute schon manchmal langweilt. Er drückt zu sehr auf den inzwischen weltberühmten Touch, auf seine große Fresse."Nichts als ficken und reden und trinken, reden und trinken und ficken." Aus dieser Mischung sind seine besten Sachen hervorgegangen. Aber auf die Dauer?
Heute hat er"s geschafft. Und ganz sicher ist er sensibel genug, um sich nun nicht restlos ausräubern zu lassen. Es wäre schade, wenn Bukowski den Boom ausnützen und nur noch Bukowski-Storys produzieren würde. Augenblicklich, scheint es, fressen sie ihm aus der Hand. Drucken, was sie kriegen können. Vielleicht töten sie ihn so schnell wieder, wie sie ihn lebendig werden ließen. Seine Verachtung ist ihnen sicher. Gedruckt oder ungedruckt, was schert ihn das nach über 30 Jahren in der Scheiße.
In den Staaten geht die Auflage in die Millionen. Dort war er schon lange ein Geheimtip. Liebling aller Freak-Brothers. Gedruckt nur von Porno-Magazinen und Undergroundblättern. Vornehmeren Leuten, wie Olson, Creeley und Blackburn, der ganzen Black-Mountain-Gruppe war er ein Greuel. Aber genau diese Herren wurden damals übersetzt und propagiert als "die amerikanische Lyrik". Bis dann Rolf Dieter Brinkmann die Anthologien "Silver Screen" und "Acid" herausgab. Da waren dann die Gewichte wieder verteilt. Bukowski tauchte auf.
Heute ist das ganz anders. Charles Bukowski ist ein Renner, ohne daß er groß durch Werbung herausgestellt worden wäre. Offenbar genügen in seinem Falle ein paar Zeilen aus Millers Mund, der ihn zum "König Schnauze" kürte. Auch sagt man, Genet und Sartre hätten gesagt ... Na ja.
Jetzt sitzt er also längst nicht mehr in seiner Bude und schreibt sein Zeug runter. Vielleicht beschränkt er sich auf Bukowski-Storys und posiert für "Newsweck". Oder sie drehen ihm gerade den ersten Ehrendoktorhut an. Oder er ist auf der Flucht, und fährt hier in Deutschland Eisenbahn; immerhin ist er ja in Andernach am Rhein geboren worden, bevor sie ihn als Zweijährigen rüberschafften ins Land aller Träume.
"Ich lebte in Gesellschaft von Ratten und Mäusen und Weinflaschen, und mein Blut pappte an den Wänden einer Welt, die ich nicht begreifen konnte und bis heute nicht begreife."
In seinen Büchern nennt er sich Henry Chinaski. Henry ("Hank") ist ziemlich ehrlich mit allem: mit sich, der Welt und den Weihern. Er ist ein Verlierer. Ein geiler alter Bock. A dirty old man, wie der Titel einer Sammlung früherer Storys heißt. Ein Säufer mit Magendurchbrüchen. Für jeden Arzt ein hoffnungsloser Fall. Henry malochte in allen möglichen Jobs. Die meisten Jahre als Briefsortierer. Als "Der Mann mit der Ledertasche", wie sein erster Roman heißt.
Erst mit rund 35 Jahren fängt er überhaupt an, die ersten Sachen zu schreiben. Fast jeder, sagt er, kommt als Genie auf die Welt und wird als Idiot begraben. Diese Regel wollte er als Ausnahme bestätigen. Und es hat geklappt. Er spezialisierte sich auf das, was er kennt. "Ich bin kein besonders netter Mensch, wie Ihnen jeder sagen kann. Ich kenne das Wort gar nicht. Ich habe immer den Bösewicht bewundert, den Outlaw, den ruppigen Hund. Ich mag nicht den gutrasierten Boy mit der Krawatte und dem guten Job."
"Ich mag verzweifelte Männer, Männer mit kaputten Zähnen und kaputten Gedanken und einer kaputten Art. Sie interessieren mich. Sie sind voller Überraschungen und Explosionen. Ich mag auch verkommene Weiber, betrunkene, fluchende Schlampen mit ausgeleierten Strümpfen und verschmiertem Make-up im Gesicht. Ich interessiere mich mehr für Perverse als für Heilige. Ich kann relaxen in Gesellschaft von Pennern, denn ich bin selber einer. Ich habe nichts übrig für Gesetze, Moral, Religion, Vorschriften. Ich mag mich nicht von der Gesellschaft trimmen lassen."
Das wollen die wenigsten. Und deshalb ist er ihr Mann. Viele Leute werden das nicht für Literatur halten wollen. Er scheißt aber auf Literatur. Das ist Buks Stil. Er liebt seine Schreibmaschine und vergißt beim Biertrinken, Rauchen und Schreiben, daß er eigentlich keine Chance hat. Es sei denn, für ein paar Storys gibt"s ein paar Miese.
So hat er angefangen, den aussichtslosen Überlebenskampf in der amerikanischen Gesellschaft, deren Zerrüttung nicht nur die Minoritäten in die Hoffnungslosigkeit treibt, in den Irrsinn brutaler Gewalt und ohnmächtiger Verzweiflung. Heute schockiert Bukowski niemand mehr, es sei denn ältere Damen oder Akademiker.
Aber trotz unserer sonderbaren Immunität gegen Schock-Erlebnisse und ein paar traurige Niederlagen kommt seine Stimmung so stark zum Vorschein, daß sie wirkt. Buk nimmt den Leser für sich ein, weil er sich nie besser macht, als er ist; abgesehen von den Renommier-Storys, wenn Henry Chinaski, Tellerwäscher und Dichter von Beruf, hinter irgendeinem Huhn her ist. Dann ist er in Hochform. "Ich machte ihr den Bademantel auf, und da waren ihre Brüste. Sie hatte nicht viel, das arme Ding. Ich suchte mit meinem Mund da unten rum und erwischte eine. Sie hing lang und schlaff herunter wie ein Ballon mit ein bißchen abgestandener Luft drin. Ich nahm mich zusammen und saugte an der Brustwarze, während sie den Bolzen in die Hand nahm und sich weit zurückbeugte. So fielen wir zusammen auf das billige Bett, mit unseren Bademänteln an, und so nahm ich sie."
Bukowski ist der Historiker seiner privaten Fickgeschichten. Außerdem ist er redefaul. Er macht es nicht zu ausführlich. Es überfällt ihn beim Saufen oder beim Schreiben. Oder, wenn ihn eine alte Schlampe an all die tausend anderen alten Schlampen erinnert. Er ist ein sentimentaler Romantiker, was die Weiber angeht. Er hat Geduld mit jedem verpfuschten Leben, das ihm begegnet. Er hat außerdem einen unendlichen Humor. Er beklagt sich nie. Er ist fair. Er läßt die Typen in seinen Storys all jenen Quatsch reden, den sie sonst auch verzapfen. Und was heißt Handlung?
Henry ist immer auf Achse. Sie rennen ihm die Bude ein. Er steht mit einer starken Nudel am Tresen, im Hintergrund singt Randy Newman, Hemingway taucht auf von den Toten ("Ernie, ich dachte, du hast es mit einer Jagdflinte gemacht?"). Sie saufen und Henry wird geil, und die Nudel kapiert und Henry läßt Ernie einfach stehen, weil er was Besseres vorhat als große literarische Debatten zu schwingen. Er geht mit ihr nach Hause, zu ihr, zu ihm, ist doch egal, potent oder impotent, spielt längst keine Rolle mehr.
Sie mögen glauben, ich sei jener Typ, der aus Büchern immer gerne die scharfen Sachen zitiert, um sich selbst zu imponieren. Täuschen Sie sich nicht! Bukowski ist eine alte Drecksau. Sein Geschmack ist eindeutig. Er redet keinen stilistischen Stuß daher. Ich les' ihn gern, wenn ich müde bin.
Manches liest sich in seiner neueren Produktion zwar schon abgebrühter als es sein müßte, aber Bukowski beherrscht seine Kunst. Er ist wirklich ein Künstler der kurzen Story und ein Dichter. Er faselt nicht. Er hat Tempo. Bei Chandler fragte man sich schon, kann einer noch trockener, noch präziser sein? Unvorstellbar!
Aber Bukowski ist der Mann. Besser kann man Dialoge nicht schreiben. Schneller kann man nicht erzählen. "Nichts Außergewöhnliches" sagt er in einem neueren Interview, abgedruckt in dem Band des Maro-Verlags "Kaputt in Hollywood", der gleiche Verlag brachte schon den Gedichtband "Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang" heraus." Nichts Außergewöhnliches, aber irgendwie interessant, auf eine merkwürdig kaputte musikalische verrückte Art. Ich glaube, ich habe so ein bißchen etwas, was die meisten Schriftsteller einfach nicht haben. Ich bin eine störende Mißbildung."
Nein, so würden sie sich wirklich nicht bezeichnen, die deutschen Kollegen des Amerikaners aus Andernach, der heute die Jugend für sich hat und ein paar der Altgewordenen auch.
Die wichtigste Nachricht für Charles-Bukowski-Leser: Charles Bukowski, Storys und Romane bei 2001. Es enthält die vollständige Fassung der "Anmerkungen eines Dirty old man", 1970 bereits bei Melzer erschienen unter dem Titel "Aufzeichnungen eines Außenseiters". Der Band enthält weiter "Der Mann mit der Ledertasche", seinen ersten, und "Faktotum", seinen zweiten, letzten Roman. Dazu die Storys aus "South Of No North" unter dem Titel "Das ausbruchsichere Paradies". Es sind insgesamt 816 Seiten Bukowski für 20 Mark. Übersetzt von Carl Weissner, The dirty young tongue unter den deutschen Übersetzern.
Hetzt den alten Mann nicht zu sehr. Und laßt ihn in Ruhe sein Biertrinken. Überweist ihm regelmäßig seine Tantiemen, bevor er endgültig seinen Freund Ernie besucht, sein noch immer unerreichtes Vorbild.

DER SPIEGEL 38/1977
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