20.06.2005

POPZauber junger Kehlenblüte

Teenager-Popstars gelten im kriselnden Musikgeschäft als Erfolgshoffnung. Nun wollen auch deutsche Nachwuchssänger wie Valentine und Marlon an die Triumphe von Idolen wie Joss Stone oder Avril Lavigne anknüpfen.
Mit Liebeskummer habe alles angefangen, sagt Valentine, das ist im Leben junger Menschen nichts wirklich Ungewöhnliches. Beim ziellosen Klavierspiel in ihrem Zimmer sei ihr dann plötzlich eine Melodie eingefallen, und als sie die ihrem Stiefvater - einem Berliner Berufsmusiker - vorspielte, schlug der vor, dass sie dazu auch noch einen Text schreiben und singen sollte.
Also übersetzte Valentine ihren Liebeskummer ins Englische, brachte ihn in eine Versform, nannte das Ganze "Feel So Bad" und überwand sich schließlich dazu, den Song tatsächlich vorzutragen. "Ich habe vor mich hingesäuselt", berichtet sie, überhaupt zum allerersten Mal habe sie zu ihrem eigenen Klavierspiel gesungen (zuvor immerhin schon bei Schulaufführungen zur Pianobegleitung ihrer Klassenkameradinnen). Der Stiefvater jedenfalls war begeistert und habe gesagt: "Das ist cool, wir gehen in ein Studio und nehmen das auf."
Das war vor drei Jahren. Damals war Valentine, aufgewachsen im Berliner Stadtteil Friedrichshain, 13 Jahre alt. Jetzt, 16jährig, hat sie es mit "Feel So Bad" gerade in die Single-Charts geschafft; Stefan Raab zeigte sich kürzlich in seiner Sendung "TV total" begeistert von der Teenagerin mit der eindrucksvollen Stimme, und sie landete daraufhin bei Amazon auf Platz eins der Single-Bestellungen. Am kommenden Montag erscheint Valentines Debütalbum "Ocean Full of Tears".
Teenager-Popstars wecken in der seit Jahren insgesamt heftig darbenden Musikindustrie mehr denn je wilde Erfolgshoffnungen. Ob sie Joss Stone heißen oder Christina Aguilera, Avril Lavigne oder Renee Olstead - gerade weibliche Künstler im Jugendalter haben in den vergangenen Jahren spektakuläre Umsätze erzielt und ein Millionenpublikum verzückt.
Die Deutsche Valentine etwa lässt einen fast zwangsläufig an eine gleichfalls hübsche amerikanische Sängerin denken, die Klavier spielt und Musik und Text für süffig-melancholische Popsongs oft selbst verfasst - das alles klingt wie eine Kurzbeschreibung von Alicia Keys, die mit 15 Jahren ihren ersten Plattenvertrag unterschrieb und von ihrem Debütalbum "Songs in A Minor" mehr als zehn Millionen Stück verkaufte.
Nach dem Abstieg der Casting-Bands werden in der Krisenbranche dringend Nachwuchsstars gesucht, die nachhaltigeren Erfolg versprechen als nur eine gutverkäufliche Single. Denn je talentierter
und je jünger der Kandidat, desto besser sind die Chancen auf eine lange Reihe von Hits. Also fahndet die Plattenindustrie nach Teenies, die ihre eigene Vorstellung von ihrer Musik und ihrer Popkarriere haben.
"In den achtziger und neunziger Jahren hat die Industrie die langfristige Entwicklung von Künstlern zugunsten von schnellen Hits vernachlässigt", sagt der EMI-Marketingmanager Uli Mücke. Doch nun gebe es die Strategie, "echte Musikertalente so früh und so lange wie möglich an die Firma zu binden". Und man habe auch wieder die Geduld, in Training und Coaching für die Nachwuchsmusiker zu investieren und erst vom zweiten Album Gewinne zu erwarten.
Die kanadische Rockerin Avril Lavigne ist das rauhbeinigste dieser eigenwilligen Wunderkinder. Sie war erst 16 Jahre alt, als sie von der US-Plattenfirma Arista einen 1,2-Millionen-Dollar-Vertrag über zwei Alben bekam: Ihr nett-aggressives Debüt wurde allein in den USA mehr als sechs Millionen Mal verkauft. "Viele Labels sind inzwischen auf den Gedanken gekommen, okay, das ist der neue Trend", sagt Antonio Reid, damals Arista-Chef und heute an der Spitze der Label-Gruppe Island Def Jam.
Seit vergangenem Jahr macht die Britin Joss Stone Furore, die mit 13 Jahren in einer TV-Talentshow auftrat und mit 16 ein fulminantes Soul-Album vorlegte, das die Charts eroberte. "Eine Stimme, die 20 Jahre älter ist als der Körper", schrieb der britische "Independent" begeistert.
Britney Spears und Christina Aguilera wurden während ihrer jungen Teenager-Jahre in der amerikanischen TV-Show "Mickey Mouse Club" auf Erfolg trainiert; Spears begann mit 16 Jahren, Aguilera mit 18 Jahren ihre Triumphzüge durch die Hitparaden. Noch früher angefangen haben die Country-Sängerin LeAnn Rimes, die mit 14 Jahren zwei Grammys gewann und bis heute bestens im Geschäft ist - und die Kolumbianerin Shakira, die als 13-Jährige entdeckt wurde und heute Millionen von Alben verkauft.
Doch einige Wunderkind-Storys erweisen sich mitunter als Tragödien begabter (und früh auf Erfolg getrimmter) Kinder. Der in der vergangenen Woche vom Vorwurf des Kindesmissbrauchs freigesprochene Popstar Michael Jackson wurde schon als Fünfjähriger vom eigenen Vater zum Erfolg geprügelt.
Whitney Houston, einstige Königin des Soul-Pop und bereits mit 15 Jahren als Background-Sängerin im Tonstudio beschäftigt, kämpft seit Jahren unter reger Anteilnahme der Klatschpresse mit ihrer Drogensucht.
Auch die als "Pippi mit der Wunderstimme" ("Bunte") bejubelte Waliserin Charlotte Church verkraftete den frühen Erfolg kaum: Als Zwölfjährige rangierte sie 1998 mit dem Album "Voice of an Angel" neben Robbie Williams, George Michael und U2 in den Pop-Hitparaden; heute ist sie 19, hat mit der managenden Mutter gebrochen und wird in der Boulevardpresse als tragischer Fall gehandelt. Die schottische Sängerin Lena Zavaroni gar, die als Zehnjährige den Hit "Ma! (He's Making Eyes at Me)" hatte, vor der Queen auftrat und mit Liza Minnelli und Frank Sinatra Konzerte gab, wurde magersüchtig und depressiv und starb mit 35 Jahren an einer Lungenentzündung.
Solche finsteren Lebensgeschichten stehen in grellem Kontrast zum frischen Glanz einer Sängerin wie der Texanerin Renee Olstead, die von dieser Woche an mit ihrem Jazz-Album auf Deutschlandtournee geht. Mit elf Jahren veröffentlichte sie ihr erstes Album - doch schon als Fünfjährige, erzählt Olstead, habe sie ihre Mutter "angebettelt, endlich ins Showbusiness zu dürfen".
Das quirlige, singende, geigende und tanzende Mädchen trat in Werbespots und Fernsehserien auf, verzückte Agenten und TV-Leute, "vor allem, weil ich diese verrückten krisseligen roten Haare hatte", wie sie berichtet - und spielte auch noch in Kinofilmen wie Clint Eastwoods "Space Cowboys" mit und, neben Arnold Schwarzenegger, in "End of Days".
Der Musikproduzent David Foster - er machte einst die Kanadierin Celine Dion zum Superstar und produzierte Whitney Houstons Megahit "I Will Always Love You" - ließ die 14-jährige Olstead ein Album aufnehmen, auf dem neben Jazz-Standards auch eine seiner Kompositionen zu hören ist. Sie klingt darauf wie eine erfahrene erwachsene Jazz-Diva, die britische "Sunday Times" fühlte sich an Billie Holiday erinnert.
Auf Deutschlandtour kann die heute 16-Jährige nur gehen, weil eine Staffel der Seifenoper, in der sie auch noch spielt, erst mal abgedreht ist. Im Anschluss an die Tour stellt Olstead ihr nächstes Jazz-Album fertig, das im Herbst herauskommen soll. Inzwischen hat sie einen Stylisten, zwei Agenten, drei Manager und vier Pressesprecher - mit einem normalen Teenager-Leben hat Olsteads Welt nichts gemein.
Die junge Berlinerin Valentine ist noch nicht ganz so weit. Seit zwei Jahren hat sie
einen Vertrag mit der Kölner Plattenfirma EMI, Valentines Stiefvater Robert Gläser hat ihr nun erscheinendes Debütalbum produziert. Parallel zur Arbeit im Studio musste Valentine zur Schule gehen. "Anfangs habe ich gar nicht darüber nachgedacht, ob es einen Konflikt zwischen Schule und Musik geben könnte", sagt Gläser, "meine Haltung war: Man macht etwas und schaut dann, was kommt."
Was kam, war die Erkenntnis, dass eine Profikarriere im Pop nicht mit dem Schulbesuch vereinbar ist. Die Nachmittage reichten nicht aus, um die Songs einzuspielen. Und Zeit für Konzerte, Fotoshootings und Videoproduktion musste auch sein. Und so hat Valentine nach der zehnten Klasse das Gymnasium verlassen, obwohl sie ein Jahr zuvor noch Klassenbeste war. Im Herbst wolle sie sich bei der Mendelssohn-Bartholdy-Musikhochschule in Leipzig bewerben, berichtet Valentine. Sie muss so etwas auch sagen, denn bis zum 18. Lebensjahr ist sie schulpflichtig.
Da hat Olstead es mit den amerikanischen Schulbehörden leichter: Von der fünften Klasse an wurde sie von Privatlehrern zu Hause unterrichtet. Inzwischen ist sie in der elften Klasse und sieht sich den Schulunterricht auf DVD an - drei Stunden pro Tag sind vorgeschrieben. "Man kann viel lesen, wenn man auf Flughäfen sitzt und auf verspätete Maschinen wartet", behauptet die Sängerin, "außerdem bin ich eine harte Arbeiterin." Im Übrigen habe sie viele Freunde, mit denen sie gern ausgehe, denn sie sei "eine sehr gesellige Person". Der Satz klingt allerdings schon ein wenig abgenutzt.
Einer der deutschen Teenie-Popstars aus jüngerer Zeit heißt Marlon. Vor knapp drei Jahren hat er den Song "Lieber Gott" gemeinsam mit Udo Lindenberg und anderen Altstars anlässlich der Oderflut aufgenommen und kam damit in die Top Ten. Damals war er 14. Ein Jahr lang war Marlon neben der Schule mit Konzerten, Interviews und sonstiger Promotion beschäftigt. Der großteils auf Gran Canaria aufgewachsene Sänger nahm ein eindrucksvolles deutschsprachiges Soul-Album mit dem Titel "Hallo liebes Leben" auf - ein Flop.
Jetzt ist Marlon 17, hat die Gesamtschule mit der zehnten Klasse abgeschlossen und arbeitet in Berlin an seinem zweiten Album. Ende August soll es bei Universal erscheinen; in den besten Momenten erinnert Marlon darauf an den Erfolgssänger Seal.
"Ich wusste gar nicht, wie mir geschah", sagt Marlon über die Zeit im Rampenlicht, "ich sehe mich erst jetzt als Person."
"Ich will lieber nicht über Erfolg und Misserfolg nachdenken", sagt Valentine. Und dann fügt sie lebensklug hinzu: Auch ein Nummer-eins-Hit schütze einen doch nicht davor, "dass man am nächsten Tag schon wieder vergessen ist".
MARIANNE WELLERSHOFF
Von Marianne Wellershoff

DER SPIEGEL 25/2005
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