20.06.2005

„Ist Reich-Ranicki noch bei Trost?“

Der Hitler-Biograf Joachim Fest über das Interesse der 68er am Nationalsozialismus, seine Rolle bei der Verbreitung des Speer-Mythos und sein Verhältnis zum prominentesten deutschen Literaturkritiker
SPIEGEL: Herr Fest, das öffentliche Interesse am 60. Jahrestag des Kriegsendes oder die hohen Auflagen Ihrer Bücher, etwa über den "Untergang", erwecken den Eindruck, dass uns das "Dritte Reich" trotz der zeitlichen Distanz immer näher kommt. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Fest: Was ich mir denken kann: Die Medien suchen unablässig nach Stoffen, und hinzu kommt: Hitler war eine Verkörperung des Bösen. Das hat eine schaurige Anziehungskraft. Die Menschen haben keine aufregenden Erfahrungen mehr.
SPIEGEL: Sie meinen, die Deutschen interessieren sich für den Nationalsozialismus, weil die Gegenwart langweilig ist?
Fest: Ja, die Menschen dürsten nach Dramatik, und wenn sie sie selbst nicht mehr erleben, dann suchen sie zumindest eine abgeleitete Dramatik. Solche Grenzerfahrungen sind immer lehrreich. Daneben stehen die vielen persönlichen Gründe. In jeder Familie gibt es Fäden in die Vergangenheit: zu Soldaten, die den Krieg erlebt haben, einem Verwandten, der darin umgekommen ist, oder zu einem Deserteur. Und vieles sonst.
SPIEGEL: Wir haben den Eindruck, dass das Interesse auch mit dem Generationenwechsel zu tun hat. Die Erlebnisgeneration tritt ab und blockiert nicht mehr die Erinnerung an die braune Vergangenheit.
Fest: Wer soll da blockiert haben? Mein Hitler-Buch, das 1973 erschien, wurde 850 000mal verkauft. Da kann man nicht sagen, dass die Leute sich nicht interessiert hätten. Haffner hat ähnliche Auflagen erzielt.
SPIEGEL: Aber es lässt sich doch kaum bestreiten, dass die Zeit des Nationalsozialismus noch in den sechziger Jahren von vielen verdrängt wurde, bis die 68er kamen.
Fest: Wenn Sie sechziger Jahre sagen - da gehören die 68er dazu. Während ich an meiner Hitler-Biografie schrieb, war ich an den Universitäten in Hamburg, Berlin und Tübingen zu Gast. Da bin ich von den Studenten als Reaktionär beschimpft worden, weil ich eine Hitler-Biografie schrieb. Da wurde mir gesagt, wir kämpfen für eine neue Welt, lass doch den halbtoten Fest - ich war damals 40 Jahre alt - den toten Hitler begraben. Das interessiert uns alles nicht.
SPIEGEL: Sie sprechen den 68ern das Interesse an der NS-Vergangenheit ab?
Fest: Deren Interesse wurde erst geweckt, als sie erkannten, dass sich die Nazi-Zeit instrumentalisieren ließ, um Angehörige der älteren Generation aus ihren Posten zu drängen.
SPIEGEL: An dem Befund, dass die Nazi-Zeit lange verdrängt und verschwiegen wurde, ändert sich damit freilich nichts.
Fest: Die Deutschen haben in der Mehrheit tatsächlich versucht, das Thema so schnell wie möglich loszuwerden. Es war für sie eine deprimierende Erinnerung. Sie hatten gejubelt und sich blind gemacht. Sie waren auf die andere Straßenseite gewechselt, wenn Leute wie mein Vater - er hatte aus politischen Gründen 1933 Berufsverbot bekommen - ihnen entgegenkamen. Ich habe erlebt, wie bei einer Zugfahrt 1942 eine Frau sagte, Juden träten stets die Absätze schief. Folglich müssten alle Menschen mit schiefen Absätzen überprüft werden. Dort würden Juden nämlich ihr Geld verstecken. Ich fand das ekelhaft, und es war ekelhaft. Solche Geschichten haben dem großen Verdrängungsschub nach 1945 Auftrieb gegeben. Aber es gab auch ein ernsthaftes, verbreitet wirksames Interesse an der Hitler-Zeit.
SPIEGEL: Mancher empfindet heute die Wucht, mit der die Hitler-Diktatur in den Medien behandelt wird, als Zumutung. Der Schriftsteller Martin Walser hat in seiner Rede in der Paulskirche 1998 gesagt, er ertappe sich beim Wegschauen. Können Sie das verstehen?
Fest: Ja, ich habe einmal fast 40 Fernsehsendungen über den Nationalsozialismus in einer Woche gezählt. Die meisten mit öder Routine und ohne Erkenntniswert. Ich kenne Menschen, die sagen, sie könnten dergleichen, bei allem Abscheu vor den Nazis, nicht mehr sehen.
SPIEGEL: Dem steht das Interesse der vielen anderen entgegen, die sich Filme wie etwa Heinrich Breloers "Speer und Er" ansehen. Empfinden Sie es als moralisch beunruhigend, dass die Deutschen sich so für ihre verbrecherische Vergangenheit interessieren?
Fest: Nein. Ich glaube nur, dass wir es uns im sicheren Abstand der Jahre oft zu leicht machen mit der moralischen Verdammung des "Dritten Reiches". Totalitäre Versuchungen treten an die Völker von Zeit zu Zeit heran. Es gibt zwei Wege des "Halbwegs-sicher-Machens": Moral oder Erkenntnis. Ich setze auf Erkenntnis.
SPIEGEL: Das klingt so, als wollten Sie Hitlers Diktatur moralisch nicht verurteilen?
Fest: Das "Dritte Reich" hat mir moralisch nichts zu sagen. Dass man Menschen nicht grundlos einsperren und schon gar nicht totschlagen darf, sind Selbstverständlichkeiten. Geht es Ihnen anders? Das "Dritte Reich" hat mir politisch etwas zu sagen. Und es hat mir zu sagen, dass das hochherzige Menschenbild der Aufklärung falsch war.
SPIEGEL: Sie meinen, die Verbrechen des Nationalsozialismus widerlegten die Annahme, der Mensch sei vernunftbestimmt und im Kern gut?
Fest: Die Aufklärung hat geglaubt, die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse oder die Erziehung führten uns auf Abwege. Das ist irreal. Der Mensch steht dem Bösen näher als dem Guten. Wenn man ihm alles erlaubt und ihn sogar für das Böse auszeichnet, dann tut er das Böse mit Lust.
SPIEGEL: Fallen Sie da nicht von einem Extrem ins andere?
Fest: Lesen Sie Christopher Brownings Buch "Ganz normale Männer" über das Reserve-Polizeibataillon 101. Browning schildert, wie unbescholtene Polizisten aus dem Hamburger Arbeitermilieu beim Holocaust eingesetzt wurden. Zunächst hat der Kommandeur noch mit tränenerstickter Stimme den Befehl gegeben, Juden zu erschießen. Es dauert zwei Tage, und dann
machen seine Männer es mit großem En-
gagement. Das zeigt, wie zerbrechlich der zivilisatorische Lack ist. Mein nach Hitler eher dunkles Weltbild ist bestätigt worden durch dieses Buch. Das wirkliche Wunder ist, dass das Gute existiert.
SPIEGEL: Sie haben den Nachgeborenen oft moralische Überheblichkeit beim Urteil über die Vergangenheit vorgeworfen. Das klingt jetzt so, als glaubten Sie, jeder Deutsche hätte in einem solchen Polizeibataillon mitgemordet.
Fest: Nein, aber viele sind heute nur so unzweifelhaft sicher, dass sie sich damals einwandfrei verhalten hätten. Ich habe große Bedenken. Wer so redet, verkennt, wie gefährlich es war, sich auch nur zu treffen und sich zu organisieren.
SPIEGEL: Ins Bild gehört auch, dass die Menschen dem Regime in die Hände gearbeitet haben.
Fest: Viel mehr jedenfalls, als viele später wahrhaben wollten. Das lag sicher auch an dem, was Götz Aly kürzlich über die sozialstaatliche Ausrichtung des Regimes veröffentlicht hat: Volkswagen und Volksempfänger für alle, das "Kraft durch Freude"-Programm und dergleichen. Es empört mich deshalb auch, wenn ich höre, dass nur das Bürgertum versagt habe. Es haben alle versagt: die Arbeiterschaft, die Parteien, die Kirchen, das Militär, einfach alle.
SPIEGEL: Gewerkschaften und Sozialdemokraten haben Hitler im Januar 1933 nicht an die Macht gebracht.
Fest: Die Ursünde liegt vor 1933: in der Flucht der Parteien aus der Verantwortung, und davon ist auch die SPD nicht ausgenommen. Nach der sogenannten Machtergreifung liefen die Menschen dann in wachsender Zahl über. Nur Charaktere hielten stand, nicht Gruppen und nicht Ideologien.
SPIEGEL: Sie sind als Hitler-Biograf ein gefragter Analytiker. Seit kurzem allerdings sind Sie selbst zum Thema geworden aufgrund Ihrer Zusammenarbeit mit Albert Speer, Hitlers Rüstungsminister. Sie haben dessen "Erinnerungen" betreut und eine Biografie über ihn geschrieben. Die "Zeit", die "Süddeutsche Zeitung", aber auch Ihr langjähriger Weggefährte Marcel Reich-Ranicki, werfen Ihnen nun vor, Speer als "anständigen Nazi" verkauft und damit den Mitläufern zu einem guten Gewissen verholfen zu haben. Gemäß der Devise: Wenn Speer von den Verbrechen nichts wusste, dann können wir davon auch nichts gewusst haben.
Fest: Speer wurde 1966 aus alliierter Haft entlassen, und ich bin von seinem Verleger Wolf Jobst Siedler gebeten worden, die in der Haftzeit gefertigten Aufzeichnungen - etwa 2000 Seiten - deutlich zu kürzen und von Speer die Auskünfte einzuholen, die darin fehlten und worauf das Publikum mit Recht eine Antwort erwartete. Es gab viele Punkte, an denen ich das getan habe. Aber ich war niemals Speers "Ghostwriter", wie ich neuerdings häufig lese, und was er nicht in seinem Buch haben wollte, konnte ich nicht hineinschreiben. Und wenn er sagte, er habe von Auschwitz nichts gewusst, konnte ich nicht darauf bestehen, dass er das Gegenteil schreibt. Solche Behauptungen sind böswilliger Unfug.
SPIEGEL: Ihre Rolle änderte sich dann allerdings. Aus dem Lektor Fest wurde der Historiker, der alles zu prüfen hat. Ihre Kritiker werfen Ihnen vor, sich Speers apologetische Selbstdarstellung zu Eigen gemacht zu haben.
Fest: Ich kann diesen Vorwurf nicht begreifen. Zwei Zitate aus der kritischen Schlussbetrachtung des Buches, die mir jetzt zufällig einfallen: da steht, dass Speer bei allen Äußerungen zu seiner Schuld nie begriffen hat, was Schuld eigentlich ist. Das ist unter moralischen Aspekten ein vernichtendes Urteil. Und dann sage ich am Schluss, Hitler hätte keines seiner Ziele ohne die vielen Speers ringsum erreichen können. Wie kann da jemand mir vorhalten, ich würde Speer verteidigen? Das halte ich für albern und nur in einem Land möglich, das moralisch bis zur Blindheit überhitzt ist.
SPIEGEL: Speer war seit 1942 zuständig für die Baustoffversorgung. Er hat sich nach einem Besuch im KZ Mauthausen bei SS-Chef Heinrich Himmler über die "mehr als großzügige" Unterbringung der Häftlinge beschwert. Aus den Akten geht hervor, dass Speer alle Bauvorhaben in den Lagern detailliert genehmigte, auch die Lieferung der Baustoffe für den Ausbau von Auschwitz, was seit 1993 bekannt ist. Gibt es einen Grund dafür, warum Sie diese Dinge in Ihrer Speer-Biografie 1999 nicht erwähnen?
Fest: Weil sie keine größere Beweiskraft haben als die zehn, zwölf oder mehr Indizien, über die ich ohnehin verfügte ...
SPIEGEL: ... das sehen wir anders ...
Fest: ... ich habe das Speer-Buch geschrieben, weil ein solches fehlte, und ich wollte zumindest einen Ansatz dazu liefern. Im Übrigen fand ich immer, dass Speer vom Verbrechenscharakter des Regimes schon frühzeitig wusste. Die erste Erwähnung darüber steht bereits im ersten Kapitel. Ein Beispiel: Speer konnte nicht darüber irren, dass er seine moralische Existenz schon in der vermeintlich unschuldigen Zeit als Hitlers Architekt preisgegeben hat. 1938 beispielsweise empörte er sich darüber, dass Hitler seiner Geliebten Eva Braun in einem Münchner Hotel einen Briefumschlag mit Geld zukommen lässt. Und kurz vorher mussten in Wien Juden mit Zahnbürsten das Pflaster reinigen. Das hat ihn nicht empört. Er war
bereit, und das habe ich auch geschrieben,
über alles hinwegzugehen, wenn es seiner Karriere förderlich war.
SPIEGEL: Sie treibt nicht die Frage um, wie Speer Ihnen gegenüber behaupten konnte, von Auschwitz nichts gewusst zu haben?
Fest: Wie kann Joschka Fischer behaupten, er habe von den Vorgängen in der Botschaft in Kiew nichts gewusst? Speer hat mir gelegentlich gesagt, er habe an manchen Tagen 400 Paraphen auf irgendwelchen Aktennotizen gemacht ...
SPIEGEL: ... das klingt so, als wenn Sie ihm glaubten ...
Fest: ... nein, ich glaube Speer nicht, wie schon gesagt. Aber Sie übersehen wieder und wieder die unterschiedlichen Kenntnisstände der sechziger, achtziger und neunziger Jahre. Und die neuerdings aufgespürten Auschwitz-Dokumente vermehren aus meiner Sicht wiederum nur die ohnehin vorliegenden Indizien, auch wenn sie dicht an Beweise herankommen.
SPIEGEL: Speer schickt 1943 zwei enge Mitarbeiter auf Rundreise durch die Konzentrationslager. Sie besichtigen auch das Vernichtungslager Auschwitz, wo an dem Tag einige hundert Juden vergast werden. Aus einem Aktenvermerk geht hervor, dass sie Speer über den Auschwitz-Besuch "eingehend" unterrichten. Was braucht man noch, um von einem Beweis zu sprechen?
Fest: Für mich sind das wiederum überaus starke Indizien, aber keine Beweise. Ich brauche aber auch keinen Beweis. Weil ich sowieso davon ausgehe, dass er es gewusst hat. Daher trifft mich der Vorwurf nicht, dass ich nicht noch zwei Jahre in irgendwelchen Archiven verbracht habe.
SPIEGEL: Sie haben Speer als "orientierungsschwachen Überläufer" bezeichnet. Er war ein arbeitsloser Architekt, dem die Aufstiegschance seines Lebens geboten wurde und der sich dann an der Droge Macht berauschte. Weder ein seltenes noch erstaunliches Phänomen. Dennoch bezeichnen Sie Speer als "Rätsel".
Fest: Wer wie Speer nach bestimmten Maßstäben erzogen wurde und diese Maßstäbe
im persönlichen Leben immer hochgehal-
ten hat, wirft sie im politischen Bereich unvermittelt fort. Wie die deutsche Gesellschaft insgesamt. Wie kommt das? Was ist da zerbrochen? Warum lassen die Speers plötzlich alles zu und unterstützen es sogar, nicht nur um der Karriere, sondern um eines vermeintlich höheren Ideals willen? Für mich ist das und vieles mehr nicht selbstverständlich.
SPIEGEL: Aber wird das Erkenntnisinteresse, wie jemand aus dem bürgerlichen Stand zu solchen Verbrechen fähig war, mit Blick auf Auschwitz nicht nebensächlich? Ist es dann nicht viel wichtiger, in Archiven nach Dokumenten zu suchen, um Speers Rolle im Holocaust zu klären?
Fest: Jetzt huldigen Sie dem Kult des Bruchstücks, mit dem die deutschen Historiker gern ihre Zeit vertun. Die großen, die existentiellen Fragen für eine Nation, das sind diese anderen Fragen. Das ist nicht, ob Speer von Auschwitz gewusst hat. Er hat gewusst, dass er unter Verbrecher geraten ist, hat sich taub gemacht und sogar entscheidend mitgewirkt.
SPIEGEL: Wenn Speer ein Scherge war wie Himmler und all die anderen auch, wird er dann nicht als biografisches Objekt uninteressant?
Fest: Ich möchte wissen, was ein Mensch alles aufgeben muss, um dahin zu gelan-gen, wohin Speer in seiner moralischen Unbedenklichkeit gelangt ist. Das ist die Frage, wie verbindlich moralische Maßstäbe sind, wie sie wirken oder auch nicht. Für mich sind das Grenzfragen, die man nicht einfach beiseite schieben kann. In alledem war Speer für mich immer repräsentiv für das Verhalten ungezählt vieler Deutscher. Als Typus war er stets interessanter als die Einzelfigur. Sein Verhalten führt zurück auf die alte, immer noch Kopfzerbrechen bereitende Frage: Wie konnten so viele so bedenkenlos mitmachen? Das ist der leitende Gedanke der Speer-Biografie.
SPIEGEL: Die "Süddeutsche Zeitung" hält Ihnen die Formulierung aus Ihrem neuen Buch vor, Speer habe "hinreichend viel" gewusst, "um Abscheu vor den Machtkreaturen zu empfinden, in deren Mitte er geraten war". Das klingt, als würden Sie zwischen Speer und den anderen NS-Verbrechern, wie SS-Chef Himmler, prinzipiell unterscheiden.
Fest: Das ist keine faire Interpretation. Speer hatte ein anderes Herkommen, eine andere Erziehung: Das macht seinen Fall so erschreckend. Sieht man den Unterschied zu Ley und Streicher nicht? Ist es böser Wille? Borniertheit? Oder nur das Gerede der Affen des Zeitgeistes, das mir nie etwas bedeutet hat? Das kann man doch nicht missverstehen.
SPIEGEL: Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Nationalsozialismus. Warum nimmt der Holocaust in Ihrem Werk stets so einen kleinen Raum ein? In der Hitler-Biografie etwa verwenden Sie nur wenige der über tausend Seiten auf die sogenannte Endlösung.
Fest: Ist das Ihr Eindruck? Es gab von Raul Hilberg, Gerald Reitlinger, Heinz Höhne und anderen eine zunehmend wachsende Holocaust-Literatur, als ich beispielsweise die "Hitler"-Biografie schrieb. Da kommt jedes anderweitige Spezialinteresse notgedrungen etwas kurz. Doch ich zitiere etwa ausführlich die damals unbekannte, unglaublich anrührende Aussage des Ingenieurs Hermann Friedrich Gräbe über die Erschießung von rund 5000 Juden am 5. Oktober 1942 in Dubno in der Ukraine. Das war zu jener Zeit das erschütterndste Zeugnis, das es gab.
SPIEGEL: Wenn Sie Speer nie geglaubt haben, warum haben Sie Ihre Zweifel nicht damals öffentlich gemacht und damit das Entstehen des Speer-Mythos verhindert?
Fest: Kein kritischer Beobachter ist damals mit begründeten Zweifeln an die Öffentlichkeit getreten, auch - wie ich meine - der SPIEGEL nicht. Und nach den "Erinnerungen", die 1969 erschienen, hat es 13 Jahre gedauert, ehe die ersten belegten Vorwürfe aufkamen. Doch in der Speer-Biografie bin ich ausführlich darauf eingegangen.
SPIEGEL: Ihr Kritiker Reich-Ranicki wirft Ihnen vor, Sie hätten aus "politischer Überzeugung und Taktik und vielleicht auch Patriotismus" Speer entlastet.
Fest: Ach, der Arme! Er macht sich seine Geschichten zurecht, wie ihm gerade zumute ist. Deshalb habe ich über viele Jahre hin nahezu nichts darüber gesagt.
SPIEGEL: Reich-Ranicki berichtet in seinen Erinnerungen, wie er als Holocaust-Überlebender 1973 auf der Präsentation Ihres Hitler-Buches überraschend auf den Kriegsverbrecher Speer traf. Er wirft Ihnen vor, Sie hätten ihn nicht gewarnt. Sie hingegen bezeichnen die Szene als "Erfindung". Was genau ist daran eine Erfindung?
Fest: Zunächst Äußerliches: Es geht damit los, dass Siedler, der die Präsentation organisierte,
nicht in einer herrschaftlichen Villa wohnt, wie Reich-Ranicki offenbar schreibt, sondern in einem Reihenhaus. Dann war die Hitler-Biografie nicht auf Samt aufgebahrt. Und so geht es weiter. Neuerdings behauptet er, Siedler habe ihn, Reich-Ranicki, in Speer "hineingeschubst". Wenn man Herrn Siedler kennt, weiß man, dass er besonders gern jüdische Gäste in Nazi-Kriegsverbrecher "hineinschubst". Welche ordinäre Phantasie!
SPIEGEL: Stimmt es denn, dass er nicht vorab informiert wurde?
Fest: Ich weiß es nicht mehr. Aber Reich-Ranicki hat kurz darauf seine Position bei der "FAZ" unter meiner Leitung mit großer Verve begonnen und hat in den 26 Jahren bis zum Erscheinen seiner "Erinnerungen" über diesen angeblich ungeheuerlichen Vertrauensbruch nie auch nur ein Wort verloren, und dazwischen lag der Historikerstreit über die Bewertung der NS-Verbrechen, wo wir sehr heftig aneinander geraten sind. Ich kann Ihnen auch sagen, warum er in seinen Erinnerungen die Episode erfunden hat. Er wusste, dass ich gerade an der Speer-Biografie saß. Übrigens hat Ulrich Frank-Planitz, der damalige DVA-Verleger, mir unaufgefordert erzählt, dass er 1981 - als Speers Buch "Der Sklavenstaat" bei der DVA erschien - in Vorbereitung des Verlagsempfangs Reich-Ranicki darüber informierte, dass Speer anwesend sein würde. Reich-Ranicki hat geantwortet, angenehm sei es ihm nicht, er habe aber auch nichts dagegen, wolle nur nicht mit Speer an einem Tisch sitzen. Das war 1981. Und dann baut er in seinen Erinnerungen, die 1999 herauskamen, diese Riesen-Empörungsgeschichte auf. Ich finde das unanständig. Nicht weniger als den Vorfall, der sich ein Vierteljahr nach dem Historikerstreit an meinem 60. Geburtstag im Kempinski-Hotel in Frankfurt ereignete. Da hat die Zeitung einen Empfang ausgerichtet, und Reich-Ranicki hat überall herumgefragt: "Wird hier heute das Horst-Wessel-Lied gesungen?" Und so noch vieles. Eines zum anderen. Wenn jemand so etwas ohne Unterlass tut, hört jede Beziehung auf.
SPIEGEL: Auch viele Nachgeborene fragen sich, wie man bei einem Empfang mit dem Nazi-Verbrecher Speer anscheinend unbekümmert Sekt trinken kann.
Fest: Bedenken Sie: Das war 1973, lange vor der Veröffentlichung des Buches von Matthias Schmidt, das den Zweifeln an Speers Behauptungen, die viele hatten, erstmals festen Grund gab. Davon abgesehen: Ich kenne mindestens zwei Dutzend vollkommen integre Leute, von Alexander Mitscherlich bis zu Carl Zuckmayer, die mich gebeten haben, einen Kontakt mit Speer zustande zu bringen.
SPIEGEL: Aus wissenschaftlichem Interesse?
Fest: Sie hatten ein Interesse an der Frage, was ist mit diesem Mann? Aber es gab natürlich auch andere. Ich denke an einen Berliner Professorenfreund, der nie mit Speer zusammentreffen wollte, oder an Frau Gross, die Ehefrau des leitenden Mannes
des amerikanischen Macmillan-Verlags, die mit ihrem Mann von Speer zum Mittagessen eingeladen worden war und die Einladung auf das entschiedenste ablehnte. Das konnte ich ebenso verstehen.
SPIEGEL: Sie finden es aus heutiger Sicht nicht befremdlich, dass man einem Mann wie Speer den Weg zurück in die bürgerliche Gesellschaft ebnet?
Fest: Die Frage ist falsch gestellt. Speer brauchte weder Herrn Siedler noch mich oder wen sonst noch, um ins allgemeine Interesse zurückzukommen. Das belegt schon die drangvolle Pressekonferenz nach seiner Haftentlassung und der Strom der Tausende zählenden Besucher in den folgenden Jahren. Dennoch ist er im strengeren Sinn nie zurückgekehrt. Er hat verschiedentlich über seine Vereinsamung geklagt. Die einen haben ihn als Kriegsverbrecher angesehen, der er war. Und die anderen haben ihm nicht geglaubt. Er hat mir einmal gesagt: Ich bräuchte nur ein Wort zu sagen, dann würden mich die alten Freunde wieder in Gnaden aufnehmen. Ich habe ihn entsetzt angesehen. Dann hat er gesagt, nein, nein, keine Sorge, ich werde das Wort nicht sagen. Er wollte wohl einfach zeigen, wie einsam er sich vorkommt.
SPIEGEL: Das klingt nach Mitleid.
Fest: So emotional war meine Beziehung zu ihm nie.
SPIEGEL: Reich-Ranicki ist gerade 85 Jahre alt geworden und versöhnt sich mit Gegnern von einst. Auf seine Bitte hin, so sagt er, habe sich Ihre - inzwischen verstorbene - Schwester um ein klärendes Gespräch zwischen Ihnen beiden bemüht und dann zu ihm gesagt, es habe keinen Zweck, bei Joachim sei nur noch Hass.
Fest: Mein Schwager hat mir versichert, das habe sie nie gesagt. Das erfindet Reich-Ranicki eben, es klingt ja schön diffamierend. Es ist aber kein Hass bei mir. Er spielt einfach keine Rolle mehr.
SPIEGEL: Reich-Ranicki hat gesagt, er würde nie eine ausgestreckte Hand zurückweisen. Würden Sie ihm die Hand reichen?
Fest: Die Sache ist doch, er hat einen Rufmord ver- sucht. In seinen Erinnerungen behauptet er, ich würde die Nazi-Verbrechen zwar nicht direkt, aber indirekt unentwegt rechtfertigen. Als meine Schwester ihn zur Rede stellte, sagte er, er würde aus der Taschenbuchausgabe und den ausländischen Ausgaben diesen Passus herausnehmen. Er hat es dann nicht getan. Später hat er mir über Freunde ausrichten lassen, er sei jetzt zur Versöhnung bereit. Er? Ist er noch bei Trost?
SPIEGEL: Und wenn Reich-Ranicki die Hand ausstrecken würde, würden Sie sie annehmen?
Fest: Alles hat ein Ende. Diese Beziehung hat ihr Ende schon lange. Und damit soll es genug sein.
SPIEGEL: Herr Fest, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Die Verbrechen der Nazis
und die Frage, warum so viele Deutsche dabei mitgemacht oder feige weggeschaut haben, beschäftigen den Publizisten und ehemaligen "FAZ"-Herausgeber Joachim Fest, 78, seit mehr als vier Jahrzehnten. So entstand 1973 die Biografie "Hitler", eines der erfolgreichsten zeitgeschichtlichen Bücher der Nachkriegszeit. Ihm folgten dann Titel wie "Staatsstreich - Der lange Weg zum 20. Juli" (1994), "Speer. Eine Biografie" (1999), "Der Untergang. Hitler und das Ende des Dritten Reiches" (2002) sowie "Die unbeantwortbaren Fragen: Gespräche mit Albert Speer" (2005). Anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes, aber auch wegen der vielbeachteten Filme "Der Untergang" und "Speer und Er" wurde Fest, der die 1969 publizierten "Erinnerungen" Speers redigiert hatte, mehrfach, am härtesten von seinem ehemaligen "FAZ"-Kollegen Marcel Reich-Ranicki, kritisiert - Vorwurf: Fest sei Speer gegenüber zu vertrauensselig gewesen und habe aus "politischer Überzeugung" einen der Haupttäter des NS-Regimes entlastet. Über die Endphase der Nazi-Zeit kann Fest durchaus noch als Zeitzeuge sprechen: Er hatte 1945 zum letzten Aufgebot der deutschen Wehrmacht gehört.
Von Martin Doerry, Mathias Schreiber und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 25/2005
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