13.06.1977

KOMMUNISTENOliven im Sinn

Wolf Biermann ist Mitglied der Hamburger Exilgruppe der KP Spaniens geworden. Dürfen jetzt deutsche Reformkommunisten, denen die DKP mißfällt, deren moskaukritischen Bruderparteien beitreten?
Der Ausweis der Kommunistischen Partei Spaniens (PCE) ist quadratisch, trägt die Mitgliedsnummer 042477 und wurde dem Empfänger in Madrid, "so sagt man wohl: feierlich überreicht" -- dem deutschen Kommunisten Wolf Biermann, 40.
Der heimatlose linke Liedermacher, von Ostdeutschlands SED ausgebürgert, von Westdeutschlands DKP als "Antikommunist" beschimpft, ist seit dem vorletzten Wochenende "glücklich", Mitglied der Sektion der Sänger und Musikanten innerhalb der KP Spaniens zu sein. Fortan will Biermann -- der in andalusischen Fußballstadien vor Zehntausenden von Anhängern der nunmehr legalen PCE sein Lied "Das Verbot ist tot" gesungen hat -- für die iberische Partei auch in Deutschland kämpfen und klampfen: als "aktives Mitglied" der fünfzigköpfigen Hamburger Ortsgruppe der spanischen KP.
Die Aufnahme Biermanns könnte, so schien es letzte Woche, den Beginn eines neuen Abschnitts in der Geschichte des kommunistischer" Internationalismus markieren: Zwar ist nicht neu, daß KP-Organisationen in aller Welt -- ebenso wie SPD, CDU und FDP -- auch Ausländer aufnehmen. Bislang aber galt stets, daß die Antragsteller dort, wo sie die Mitgliedschaft begehren, auch wohnen müssen -und keinesfalls in einem Land, in dem sie von der kommunistischen Bruderpartei verstoßen worden sind.
Manch einem moskautreuen Mitglied der DKP kam denn auch, als die Meldung aus Madrid durch die Tagespresse ging, einiges spanisch vor: Die vorwiegend aus Gastarbeitern zusammengesetzten eurokommunistischen Exilgruppen in der Bundesrepublik könnten sich -- wenn sie nunmehr auch Deutsche aufnehmen würden -- zu gefährlichen Konkurrenten der ohnehin von Mitgliederschwund bedrohten DKP entwickeln (siehe Seite 92).
Bislang schon haben Westdeutschlands KP-Chef Herbert Mies und seine Ost-Berliner Genossen mit gemischten Gefühlen die Zweiggruppen der reformkommunistischen Bruderparteien beobachtet, insbesondere
* die deutsche Sektion der Italienischen Kommunistischen Partei (PCI) mit rund 3800 Mitgliedern und
* die Dependancen der spanischen KP mit knapp 1000 Genossen.
Vor allem in Industrieregionen haben die Exilgruppen einigen Einfluß. In Ludwigshafen etwa ist die PCI mit knapp 50 Mitgliedern ebenso stark wie die DKP. In Wolfsburg, wo 7000 VW-Italiener leben, bekam die PCI letztes Jahr bei einer Testwahl rund 60 Prozent der Stimmen. In parteinahen Hilfsorganisationen mit Namen wie "Verband der Gastarbeiter und ihrer Familien" sind mehr als 20 000 Ausländer organisiert.
Um das Verhältnis zu den Bruderparteien nicht zu belasten, hatte die DKP jahrelang kaum Gastarbeiter aufgenommen. Inzwischen freilich -- nachdem die Euro-Genossen immer weiter vom Moskauer Kurs abgewichen sind -- haben Westdeutschlands Kommunisten ihre Ausländerpolitik radikal geändert:
Just an jenem Wochenende, an dem Biermann in die PCE eintrat, verkündete DKP-Präside Kurt Fritsch bei einer Gastarbeiter-Konferenz seiner Partei in Köln, nach dem Prinzip "Ein Land -- eine Klasse -- eine marxistische Klassenpartei" müsse die DKP nunmehr verstärkt die ausländischen Kollegen umwerben. Fritsch: "Sie sind Teil der Arbeiterklasse unseres Landes."
Die Zentralen der eurokommunistischen Parteien indessen verlautbarten letzte Woche, daß sie gar nicht beabsichtigen, mit der DKP um deutsche Genossen zu konkurrieren. Derlei Überlegungen seien, so ein römischer KP-Vorsteher, "abwegig".
Auch Spaniens KP beeilte sich, die Biermann-Aufnahme als eine "symbolische Würdigung" ihres Wahlhelfers hinzustellen, der eine seiner Platten ("Es gibt ein Leben vor dem Tod") dem spanischen Bürgerkrieg gewidmet hat und dessen Vater, ein Hamburger Hafenarbeiter, einst Waffenlieferungen an Franco sabotierte.
Während die PCE mit Biermann "auf keinen Fall unseren Einfluß auf Deutschland ausweiten" will (Sprecher Angel Mullor), möchte Biermann "in Spanien nicht nur Beobachter sein", sondern sich "einmischen" -- was auf Schwierigkeiten stößt.
Das Publikum bei seinen Auftritten in Andalusien, berichtet der Barde, "waren Landarbeiter, ich habe es an den Händen gesehen. Sie waren sehr höflich, haben sehr gut zugehört. Aber wenn ich so vor einfachen Leuten singe, die mehr ihre Olivenbäume als die Weltrevolution im Sinn haben, muß ich schon mit ihrer Sprache kommen".
Das Mitglied Nummer 042477 der Partido Comunista de Espana will deshalb nun beginnen, Spanisch zu lernen.

DER SPIEGEL 25/1977
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