04.07.1977

HITLERKecke Revision

Ein Historiker erregt Englands Offentlichkeit mit einer provozierenden These: Hitler soll die Judenvernichtung nicht befohlen, ja nicht einmal von ihr gewußt haben. Ketzerei eines Außenseiters oder nur Unsinn?
Ehemalige Minister und Adjutanten Adolf Hitlers erhielten unlängst am Telephon eine ungewohnte Offerte. Am Apparat meldete sich eine Frauenstimme, die wissen wollte, ob der Angesprochene nicht Lust habe, bei einer Fernsehsendung der British Broadcasting Corporation (BBC) mitzuwirken und zu diesem Zweck nach London zu kommen -- auf Kosten der BBC.
Bedingung: Der Betreffende müsse in der Lage sein, Authentisches über die Haltung seines einstigen Führers zur Judenvernichtung mitzuteilen.
Die Damen aus London waren Mitarbeiterinnen des populären TV-Interviewers und Talkshow-Masters David Frost, der sich vorgenommen hatte, den britischen Historiker David Irving zu widerlegen, der seit Wochen Englands Öffentlichkeit mit einer Hitler-Biographie voll bizarrer Thesen provoziert. Seine umstrittenste Behauptung: Hitler habe die Judenvernichtung nie befohlen; der eigentliche Schuldige sei der SS-Chef Heinrich Himmler, der eigenmächtig gehandelt und den Diktator hintergangen habe*.
Der Exzentriker Irving, nie einem Skandal abgeneigt, hatte gleich bei der
*David Irving: Hitler's war' Hodder & Stoughton. London: 926 Seiten: 9.95 Pfund.
Vorstellung seines Buches die Kritiker herausgefordert.,, Ich zahle", tönte er, "1000 Dollar jedem, der ein Dokument aus der Kriegszeit finden kann, mit dem sich nachweisen läßt, daß Hitler die Liquidierung der Juden befahl oder auch nur vor dem Oktober 1943 davon wußte."
Irvings Sprüche verlockten Frost, den Ketzer in einem öffentlichen Disput vor den Augen der ganzen Fernseh-Nation zu blamieren. Frost lud Irving zu einer TV-Diskussion am 9. Juni ein, während er zugleich seine Mitarbeiter nach Zeugen fahnden ließ.
Doch keiner der ehemaligen Hitler-Paladine mochte gegen Irving antreten. So mußte sich Frost begnügen, zwei Historiker gegen Irving aufzubieten: Gerald Flemming, einen Dozenten an der University of Surrey, und den US-Professor Robert Waite, Verfasser einer jüngst erschienenen Hitler-Biographie ("The Psychopathic God").
Statt sachlicher Aufklärung boten freilich die beiden Irving-Kritiker vorwiegend Emotionen.,, Dieses Buch", zürnte Waite, "stellt eine Verleumdung dar, eine Verleumdung nicht nur der Opfer des Hitler-Terrors, sondern auch der anständigen historischen Wissenschaft." Irving giftete zurück: "Mein Buch stützt sich auf Quellen, Ihres aber nicht. Sie haben von den Büchern anderer Leute abgeschrieben, so macht man nicht Geschichtsschreibung."
Frost schaltete sich ein: "Ich möchte Ihnen eine einfache Frage stellen, denn mir scheint, daß Ihre Motivation der interessanteste Aspekt ist."
Irving: "Dieses Buch hat 926 Seiten, und zehn davon behandeln die Juden. Sprechen wir doch einmal über den Rest des Buches."
Frost: "Ich möchte aber erst einmal auf diesen Punkt kommen. Glauben Sie, daß Hitler einer der diabolischsten Massenmörder der Weltgeschichte war?"
Irving: "Sprechen wir über die Vernichtung von sechs Millionen Juden? Meine Antwort ist: Er erzeugte die Atmosphäre, in der das passierte, er ritt zweifellos mit dem Antisemitismus an die Macht. Das war das Pferd, das er aus dem Stall holte, um in die Reichskanzlei zu kommen, aber dann vergaß er das Pferd, während es die Gangster unter ihm weiter ritten. Hitler aber wurde Staatsmann, er wurde Soldat, führte Krieg an der Ostfront. Da wurde ihm die Judenfrage lästig, war ihm eine Behinderung bei der Kriegführung, über die der Rest meines Buches handelt, Mr. Frost, vergessen Sie doch die zehn Seiten, die haben nichts mit Adolf Hitler zu tun."
Frost: "Diese zehn Seiten aber sind wesentlich bei der Weißwaschung Hitlers."
Irving: "Weißwaschung Hitlers -- und das, nachdem ich Ihnen gesagt habe, was ich alles Schmutziges über Hitler schrieb? Das ist nicht Weißwaschung."
Frost wurde scharf: "Halten Sie ihn nun für einen bösen Tyrannen? Wollen Sie diese Frage beantworten, wir haben Mittel, Sie zum Sprechen zu bringen!" Aus dem Publikum ertönte Beifall.
Irving: "Ich sage, er war ebenso böse wie Churchill! Man ist ja zutiefst beschämt, wenn man die Privatpapiere dieses Staatsmannes liest und sieht, daß all diese Leute, wenn sie erst einmal an der Macht sind, ihre Moral vergessen, daß sie alle Dreck auf sich laden, nicht bloß Adolf Hitler."
Selbst der abgebrühte Frost glaubte, nicht richtig gehört zu haben: "Sie meinen, daß Hitler nicht schlimmer war als Churchill?"
Irving: "Hitler erfreute sich nicht an den Massakern, wie es etwa Churchill tat. In seinem alten unterirdischen Kabinettsraum am Westminster Square können Sie noch sehen, daß Churchill stereoskopische Bilder der Zerstörungen besaß, die er 1945 in Dresden hatte anrichten lassen -- und darauf kann kein Brite stolz sein."
Als die Fernseh-Kameras erloschen, dämmerte Frost, daß ihm der Coup gegen den Herausforderer Irving mißlungen war. Weder Flemming noch Waite hatten die Thesen des neuen Hitler-Interpreten überzeugend ad absurdum führen können -- so abstrus und falsch sie auch sind.
Daß er mit seinen sensationellen Thesen frappieren und etliche Verwirrung anstiften kann, ist freilich weniger auf die Stärke von Irvings Argumenten und Materialien als auf die Schwäche seiner Gegenspieler zurückzuführen. Denn wie kaum ein anderer Autor weiß der 39jährige David Irving die Hohlräume und ungeklärten Fragen
Mit Mussolini und Göring.
aufzuspüren, die manche Fachhistoriker bei der Erforschung der Hitler-Ära zurückgelassen haben.
Nichts bereitet dem Mann, der nie ein akademisches Diplom besaß und eine Universitäts-Prüfung verfehlte, größeres Vergnügen, als prominenten Kollegen vom Fach handwerkliche Ungenauigkeit nachzuweisen. Irving: "Die forschen ja gar nicht mehr richtig."
Das ist in der Tat seine Stärke: neue Quellen zu erschließen, bisher unzugängliche Zeugen zum Reden zu bringen, manipulierte Zeugnisse zu korrigieren.
Hitlers ehemalige Generale und Funktionäre öffneten bereitwillig ihre Privatsehränke dem sympathischen Marineoffiziers-Sohn, der im Nachkriegs-Deutschland in einem Stahlwerk arbeitete und Deutsch wie ein Deutscher spricht, zumal sie sich mit ihm durch eine gemeinsame Abneigung gegen Winston Churchill verbunden wissen: Ein Bruder Irvings fiel im britischen Bombenkrieg gegen Deutschland, wofür er noch heute den Kriegspremier persönlich haftbar macht.
Das Irving reichlich zufließende Material sicherte ihm manchen Erfolg auf dem Büchermarkt. Seine Bücher, darunter "Der Untergang Dresdens" und "Der Traum von der deutschen Atombombe", verrieten freilich eine Aktengläubigkeit Irvings, die ihn Indizien außerhalb geschriebener Dokumente ignorieren läßt. Zudem neigt er zu raschen, oft extremen Urteilen -- auch ohne ausreichende dokumentarische Basis.
Das brachte ihn wiederholt in arge Schwierigkeiten. Ein britisches Gericht verurteilte ihn wegen Verleumdung eines britischen Marineoffiziers zu einer Geldstrafe in Höhe von 350 000 Mark, während er seine These, Churchill habe den polnischen Exil-Premier Sikorski ermorden lassen, vor Gericht nicht beweisen konnte.
So hastiger Umgang mit Fakten und Dokumenten verleitete Irving auch, Schuld und Verantwortung für das grausigste Massenverbrechen deutscher Geschichte, die Vernichtung der Juden, einer kecken Revision zu unterziehen.
Die Frage beschäftigte ihn, seit er 1964 begonnen hatte, Material für ein Buch über den Feldherrn Hitler zu sammeln. Dabei fielen ihm Dokumente der SS-Führung, vor allem Himmlers Telephonkalender, in die Hand, aus denen Irving herauslas, daß nicht -- wie allgemein angenommen -- Hitler, sondern Himmler und dessen engster Mitarbeiter Reinhard Heydrich die Endlösung inauguriert hätten.
Irving forschte weiter und entdeckte, daß es überhaupt keinen schriftlichen Befehl Hitlers über die Judenvernichtung gab. Hitler hatte sich auch nie über den Judenmord konkret geäußert. Mehr noch: In seinen geheimen Reden vor hohen NS-Funktionären hatte es Himmler stets vermieden, Hitler als Auftraggeber der Judenvernichtung zu nennen.
Irving war damit auf eine Schwachstelle der zeitgeschichtlichen Forschung gestoßen, über die manche Fachhistoriker gerne hinwegdiskutieren, um nicht das von ihnen mitentworfene Bild eines planmäßig agierenden, politischen Endzielen verhafteten Hitler in Gefahr zu bringen.
Natürlich war auch ihnen aufgefallen, daß ein Hitler-Befehl zur Judenvernichtung fehlte. Sie begnügten sich jedoch mit der Vermutung, Hitlers Entschluß sei bei den Vorbereitungen des Krieges gegen die Sowjet-Union gefallen, also im Frühjahr 1941. Stärkstes Indiz: die damals von Hitler befohlene Aufstellung der SS-Einsatzgruppen zur Vernichtung des "jüdisch-bolschewistischen" Feindes.
Die Historiker boten sogar eine Art Ersatzbefehl für die Endlösung, Hermann Görings Order an Heydrich vom 31. Juli 1941, die ihn hieß, "in Bälde einen Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen". Raul Hilberg' Autor eines Standardwerks über die Judenvernichtung, folgerte: "Mit dem Erlaß dieses Befehls. ... war die neue Politik der Vernichtung eröffnet."
Hilberg irrte. Das eigentliche, auch das Judentum West- und Mitteleuropas treffende Vernichtungsprogramm begann erst im Frühjahr 1942 -- bis dahin galt der nachweisbare Befehl Hitlers, die Juden nach dem Osten zu deportieren. Selbst auf der berüchtigten Wannsee-Konferenz der bürokratischen Endlöser (Januar 1942) ging es vordergründig nur um die Deportation.
Irving weiß auch eine Seite aus Himmlers Telephonkalender vorzulegen, die Hitlers Zurückhaltung zu bestätigen scheint. Aus einer Eintragung Himmlers geht hervor, daß er am 30. November 1941 bei einem Besuch im Führerhauptquartier Heydrich anrief und die Parole durchgab: "Judentransport aus Berlin. Keine Liquidierung."
Doch Irving mag sich mit dieser Korrektur gängiger Vorstellungen über den Ablauf der Endlösung nicht begnügen. Das Kalenderblatt Himmlers wird ihm zu einem Schlüsseldokument seiner These, Hitler habe auch weiterhin nur die Deportation der Juden gewollt, Himmler aber eigenmächtig deren Vernichtung betrieben.
Aus dem mutmaßlichen, durch den Himmler-Text aber keineswegs bewiesenen Befehl Hitlers, einen einzigen Transport Berliner Juden nicht in die Todesmühlen der SS zu führen, macht Irving ein generelles, für die ganze Kriegszeit geltendes Verbot der Judenvernichtung -- und ignoriert alle Indizien, die darauf hinweisen, daß Hitler spätestens im März 1942 die totale Endlösung befahl.
Am 27. März schrieb Goebbels in sein Tagebuch, jetzt erfülle sich Hitlers Prophezeiung von 1939, es werde zur Vernichtung des europäischen Judentums kommen, auf so fürchterliche Art, daß man lieber keine Einzelheiten festhalte. Goebbels: "Auch hier ist der Führer der unentwegte Vorkämpfer und Wortführer einer radikalen Lö* Blatt aus dem Telephonkalender.
sung." Und von Göring ist das Wort überliefert, nun seien alle Brücken abgebrannt, es gebe kein Zurück mehr.
Irving aber versteift sich darauf, daß Hitler von der Judenvernichtung nichts gewußt habe. Er verschweigt dabei den entscheidenden Satz der Goebbels-Notiz ebenso wie die Tatsache, daß nahezu sämtliche ehemaligen Hitler-Adjutanten bezeugt haben, ihr Führer sei über die Massenvernichtung der Juden informiert gewesen.
Auch nennt Irving keines der Dokumente, die zweifelsfrei bestätigen, wie sehr Hitler mit Himmler in der Endlösung zusammenarbeitete. Beispiele: > die von Himmler unterzeichneten "Meldungen an den Führer über Bandenbekämpfung", so die Nr. 51 vom 20. Dezember 1942 mit der Eintragung: "Juden exekutiert -- August: 31 246, September: 165 282, Oktober: 95 735, November: 70 948, insgesamt: 663 211", L> die Anweisung Himmlers an den Chef der Sicherheitspolizei und des SD vom 1. April 1943, für Hitler einen Gesamtbericht über den Stand der Endlösung anzufertigen, > Himmlers Vermerk über einen "Vortrag beim Führer am 19. 6. 1943" mit der Weisung Hitlers, die "Evakuierung der Juden" sei "trotz der dadurch entstehenden Unruhen radikal durchzuführen".
Selbst solche Zeugnisse (Irving kennt sie natürlich) können ihn nicht von dem Glauben abbringen, Himmler habe den ahnungslosen Hitler bei der Liquidierung der Juden hintergangen. Er will sogar Dokumente gefunden haben, die Himmlers Täuschungsmanöver gegenüber Hitler beweisen. "Himmlers eigene Papiere enthüllen, wie er Hitler hinters Licht führte", schreibt Irving und erzählt diese Geschichte:
Der SS-Statistiker Richard Korherr habe im Frühjahr 1943 auf Himmlers Order die Zahl der Opfer des Judentums berechnet und dabei auch aufgeführt, daß über eine Million Juden in den Lagern des Generalgouvernements und Warthegaus "durch Sonderbehandlung" gestorben seien. Darauf habe Himmler den Korherr-Bericht mit der Bemerkung zurückgehen lassen, es dürfe "an keiner Stelle von "Sonderbehandlung der Juden' gesprochen" werden, Korherr solle statt dessen die Formel "Durchgeschleust durch die Lager" verwenden.
Irving interpretiert: "Himmler wußte nur zu gut, daß der Führer im November 1941 befohlen hatte, keine Juden zu liquidieren. Am 1. April (1943) ließ er den Bericht "zur Vorlage für den Führer' redigieren, und ein paar Tage später gab er für den Fall, daß er sich noch nicht klar genug ausgedrückt hatte, die Anweisung, in der Version für den Führer solle an keiner Stelle von "Sonderbehandlung der Juden gesprochen' werden."
Für Irving steht fest: "So wurde Hitler hintergangen." In Wahrheit täuscht sich Irving, denn: Der Bericht Korherrs war ausschließlich für Himmler bestimmt, der das Wort "Sonderbehandlung" nicht mochte; nie war beabsichtigt gewesen, das Papier Hitler vorzulegen.
Irvings Interpretationskunst verrät etwas von den verzweifelten Bemühungen, mit denen ein begabter, aber irrender Historiker eine unhaltbare These zu retten versucht. Nicht ohne Erschrecken sehen Irvings Freunde und Bewunderer, wie er sich immer mehr in die Sackgasse seiner wunderlichen Thesen manövriert.
"Kein Vernünftiger wird", beschwor ihn schon im Mai 1974 sein deutscher Verleger, Ullstein-Chef Wolf Jobst Siedler, "behaupten, daß die SS die Vernichtungsmaschinerie ohne das Wissen Hitlers und gegen dessen Befehl in Bewegung setzte." Es dürfe "auf keinen Fall der Eindruck entstehen, als würde hier ein Hitler präsentiert, der zwar grundsätzlich kein Freund der Juden, in Nürnberg aber überrascht gewesen wäre, wenn er von der Völkerausrottung gehört hätte".
Doch Irving mochte nicht auf Siedler hören, Seit dem Spektakel, den sein Buch in England auslöste, hat David Irving mancherlei Gelegenheit, über die Warnungen Siedlers nachzudenken.
Dabei kann selbst er nicht ausschließen, bald durch Vorlage neuer Dokumente widerlegt zu werden. Doch auch darauf ist er gerüstet. Irving: "Ich weiß, wie man verliert. Das gehört nun einmal zur Erziehung jedes britischen Gentleman: zu verlieren, ohne die Haltung zu verlieren."

DER SPIEGEL 28/1977
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