19.09.1977

„Dabei erwischt es auch Unschuldige“

Südamerikas Stadtguerilla, Anfang der 70er Jahre noch Vorbild für europäische Terroristen, ist weitgehend zerschlagen. Mit Folter und Mord zerstörten kleine Spezialkommandos von Armee und Polizei, denen die Diktatoren Straffreiheit und Anonymität zugesichert hatten, die unabhängig voneinander operierenden Untergrundkämpfer.
Die Subversiven, die sich selbst Montoneros nennen, haben den Krieg verloren", frohlockte im August Argentiniens Präsidenten-General Jorge Rafael Videla, vor den Besuchern der jährlichen Landwirtschaftsmesse in Buenos Aires.
Und ein Militärsprecher bestätigte wenige Tage darauf der Tageszeitung "Clarin": "Neun Zehntel des Revolutionären Volksheeres ERP und drei Viertel der Montoneros sind vernichtet."
Tatsächlich haben Argentiniens Militärs innerhalb von nur 18 Monaten Logistik und Nachrichtensysteme der bewaffneten argentinischen Linken, der militärisch und politisch am straffsten organisierten Stadtguerilla Lateinamerikas, zerstört, ihre Führer ermordet, verschleppt und ins Ausland verjagt:
* Im Juli 1976 erschoß ein Militärkommando den Chef des "Revolutionären Volksheeres" (ERP), Mario Santucho, und zwei seiner Unterführer.
* Im September sprengte die Armee eine Geheimsitzung des Politsekretariats der linksperonistischen Montoneros, erschoß fünf ihrer Führer und verhaftete vier weitere.
* Im April 1977 entführten Soldaten, die sich als Montoneros ausgaben, die Familie des Bankiers Graiver, die ihnen im einzelnen darlegte, wie ein Teil der insgesamt 100 Millionen durch Entführungen erpreßten Dollar angelegt war. Damit hatten die Militärs auch die finanzielle Basis der Montoneros zerstört. Und wie in Argentinien war es überall in Lateinamerika gelaufen: Die Stadtguerilla, nach spektakulären Anfangserfolgen in Brasilien und Uruguay von europäischen Revolutions-Theoretikern als "einzige revolutionäre Kampfform" (Alex Schubert) gepriesen und von Italiens Roten Brigaden bis zu Deutschlands Baader-Meinhof-Bande nachgeahmt, ist ihren gelehrigen Gegnern erlegen.
Für die Bekämpfung des Terrors in der Bundesrepublik bietet die Katastrophe der lateinamerikanischen Stadtguerilla dennoch keine Rezepte: Sie wurde mit Mitteln erreicht, die nur waschechte Diktatoren einsetzen können und die in Europa undenkbar sind.
Denn die Hoffnung des linken französischen Revolutionärs Régis Debray, daß der "kleine Motor" der Guerilla den "großen Motor" des Volksaufstandes in Gang setzen werde, scheiterte vor allem am brutalen Zugriff der Militärs. Unter dem Schutz von Straffreiheit und Anonymität machten kleine, straff organisierte Kommandos Tabula rasa: Sie entführten, folterten und mordeten, was sie für links hielten oder zur Sympathisanten-Szene zählten.
"Sicherlich haben wir dabei die in der Verfassung garantierten Menschenrechte verletzt", räumte ein Major der uruguayischen Armee ein, "aber wie anders als durch Folter hätten wir an Namen, Adressen und Anlaufstellen der Tupamaros kommen können."
Seine Ausbildung hatte dieser Major in der "School of the Americas" in Amerikas Panama-Kanalzone bekommen, in der jährlich 3500 lateinamerikanische Offiziere und Unteroffiziere dafür gedrillt wurden, die "innere Sicherheit" ihrer Länder zu wahren.
Die Anti-Guerilla-Schule war die Antwort der USA auf die Drohung Fidel Castros gewesen, seinen siegreichen kubanischen Partisanenkrieg und seine Idee, die Revolution auf dem Land zu beginnen, auf ganz Lateinamerika zu übertragen -- und Washington hatte Erfolg mit dieser Strategie.
* 1964 liquidierte die kolumbianische Regierung durch die von US-Beratern ausgearbeitete Aktion "Lazo" acht sogenannte Bauernrepubliken in den Anden, die von 5000 Partisanen kontrolliert wurden.
* 1966 scheiterte ein Aufstand der Landguerilla "Serra do Caparäo" im Osten des brasilianischen Staates Minas Gerais im Kugelhagel brasilianischer Anti-Guerrilleros.
* 1967 brach die am grünen Tisch in Havanna geplante Bauernrevolte in Bolivien zusammen, der Prophet der Landguerilla, Ché Guevara, wurde von amerikanisch ausgebildeten Eliteeinheiten erschossen.
Um zu überleben, mußten die Festland-Guerrilleros die romantisierende Fidel-Vorstellung von Landrevolte aufgeben. An ihre Stelle trat seit 1967 dann das klassische lateinamerikanische Umsturzmodell: Aktionen linker elitärer Kommandos, die im Bündnis mit Oppositionellen in Armee und Staat die Autorität der Herrschenden aushöhlen wollten, um sie schließlich per Staatsstreich zu stürzen.
* Mit ERP-Führer Mario Santucho (M.).
Die Millionenstädte Lateinamerikas, die Zentren der Staatsmacht und des US-Kapitals, waren nunmehr das ideale Ziel für Terror und Subversion, so wie es Carlos Marighela, der brasilianische Revolutionär, in seinem "Handbuch der Stadtquerrilleros" verlangte: "Die Stadt vereinigt die objektiven und subjektiven Bedingungen, um mit Erfolg die Guerilla zu entfesseln."
An Stelle der kollektiven Gewalt trat jetzt der individuelle Terror: In "Feuergruppen" (höchstens vier bis fünf Freischärler), die unabhängig und ohne voneinander zu wissen, operierten, bombten die Brasilianer gegen Kasernen und Polizeistationen, überfielen sie allein in den Jahren 1968/1969 über 110 Banken und kassierten mit der Maschinenpistole drei Millionen Mark.
In Säo Paulo kaperten sie einen Rundfunksender; drei Fernsehstationen gingen innerhalb von vier Tagen in Flammen auf.
In Uruguay kamen die Achterriegen der Tupamaros -- benannt nach dem Inka-Fürsten Tupac Amaru, der im 18. Jahrhundert einen gescheiterten Indioaufstand gegen die Spanier anführte -- dem Ziel des Franzosen Debray am nächsten.
In diesem Kleinstaat, den man einst die Schweiz des Halbkontinents nannte, fanden die Stadtquerrilleros Anklang bei dem von wirtschaftlichem Niedergang bedrohten Mittelstand. Ingenieure, Ärzte, Beamte und Rechtsanwälte arbeiteten mit den straff organisierten Kadern zusammen. Nichts wurde dem Zufall, nichts der Initiative Einzelner überlassen.
Aus den Wasserkraftwerken von Montevideo beschafften sich die Freischärler die Pläne des städtischen Kanalisationssystems, die sie in Dritter-Mann-Manier für ihre Anschläge und als Fluchtwege benutzten.
In geheimen Werkstätten wurden Waffen hergestellt, Autos umgebaut und falsche Papiere ausgefertigt, in Untergrundkrankenhäusern verletzte Partisanen gepflegt.
Unermeßlich war der Einfallsreichtum der Tupamaros. Als Polizisten verkleidet, raubten sieben von ihnen 800 000 Mark aus dem Spielkasino des Hotels San Rafael im Nobelbad Punta del Este. In fünf Leichenlimousinen versteckt, überfielen sie das 15 000-Einwohner-Städtchen Pando östlich von Montevideo und erbeuteten in vier Banken fast eine Million Mark.
1,5 Millionen Mark schließlich enthielt ein zehn Zentner schwerer Geldschrank, den ein Guerilla-Kommando aus einem Bürohaus der Hauptstadt Montevideo schleppte.
"Niemand soll mehr besitzen, als er wirklich braucht", verkündeten die revolutionären Räuber. Was sie selber nicht zur Eigenfinanzierung brauchten, ließen sie wie weiland Robin Hood schon mal den Armen zukommen: 220 000 Mark mußten Freunde des entführten Bankiers Pellegrini für den Bau einer Arbeiterklinik und einer Volksschule überweisen -- ehe die Tupamaros ihre Geisel nach 72 Tagen "Volksgefängnis" freiließen.
Im Gegensatz zu den Landguerrilleros nutzten die Tupamaros größtmögliche Publizität als Waffe für ihren Kleinkrieg. Sie sprengten die Sendeanlagen von CX 10-Radio Ariel gerade, als der Präsident Pacheco Areco eine Ansprache hielt, und besetzten den Sender CX 8-Radio Sarandi, um mitten in der Übertragung eines Fußballspiels ihr Programm zu verkünden: "Wir kämpfen darum, daß die von oben fallen und die von unten aufsteigen."
Doch der Widerstand der von oben wuchs mit jedem Erfolg der Stadtpartisanen: zuerst beim großen Nachbarn im Norden, Brasilien.
Nach dem Ausräumen von Banken hatten sich die Guerrilleros um Marighela auf die Entführung von Diplomaten spezialisiert: Sie kidnappten den US-Botschafter Elbrick und bekamen dafür 15 Genossen frei. Der japanische Generalkonsul in Säo Paulo brachte fünf Häftlingen die Freiheit. Bonns Botschafter von Holleben erzielte -- zwei Monate nach der Ermordung des deutschen Botschafters von Spreti in Guatemala -- eine Rekordrate: 40 politische Häftlinge konnten ins algerische Exil ausfliegen.
Die Armeen der meisten Staaten zwischen Guatemala und Argentinien waren auf einen derartigen Krieg mit kleinen Terrorkommandos im Inneren keineswegs vorbereitet.,, Am Anfang unseres Kampfes", brüstete sich Marighela, "merkten die Militärs gar nicht, was eigentlich los war. Sie hielten unsere Aktionen für Übergriffe gewöhnlicher Krimineller, und merkten erst nach einem Jahr, was wirklich dahintersteckte."
Dann allerdings reagierten die Militärs rigoros. Auf Vorschlag amerikanischer Berater wurden Brasiliens Geheimdienste, die politische Polizei, die Militärpolizei und die Armee zur Guerillabekämpfung zusammengeschlossen.
Polizisten und Soldaten erpreßten Informationen mittels Folter und erschossen Ende 1969 den Guerillachef Marighela, als er in Säo Paulo einen Priester treffen wollte.
Die Militärs setzten gleich die geballte Macht der Streitkräfte gegen jede Partisanenzelle an: Als Agenten eine Guerilla-Gruppe unter dem Marighela-Nachfolger Lamarca, südlich von Säo Paulo, orteten, rückten zwei komplette Divisionen gegen sie aus. Die Soldaten verhafteten jeden Verdächtigen, die Luftwaffe bombardierte das unwegsame Gelände mit Napalm.
Selbst Erfolge der Rebellen verkehrten sich bald ins Gegenteil: "Wenn wir durch eine Entführung zehn Gefangene frei bekamen, wurden dafür mindestens 100 Verdächtige oder tatsächliche Sympathisanten verhaftet", beklagte sich ein Stadtpartisan 1970.
In Uruguay übertrug der neue Staatspräsident Juan Maria Bordaberry, der sich selbst als "Freund der Ideologie und der Methoden der brasilianischen Regierung" bezeichnete, gleichfalls den Militärs die Jagd auf die Tupamaros.
Zwar hatten Einheiten des Heeres schon früher gelegentlich mitgewirkt. Aber im allgemeinen war die Bekämpfung der Guerilla Sache der Polizei gewesen. Viele der schlechtbezahlten Polizisten besserten ihren Sold mit gut dotierten Tips an die Aufständischen oder deren Mittelsmänner auf.
Die Armee dagegen, geschult von US-Instrukteuren, ausgerüstet mit amerikanischen Waffen, war kaum infiltriert und schlug weit härter zu.
Den Auftakt zur blutigen Vernichtungsjagd lieferten die Tupamaros selbst: Innerhalb weniger Stunden brachten sie am 14. April auf offener Straße einen Ex-Staatssekretär des Innenministeriums, einen Marineoffizier und zwei Polizisten um.
Das uruguayische Parlament beschloß daraufhin, den "Inneren Kriegszustand" auszurufen, und hob alle in der Verfassung garantierten Grundrechte auf. Presse und Rundfunk wurden zensiert, die unzuverlässige Polizei den Militärs unterstellt.
Eliteeinheiten von 12 000 Mann zogen nun gegen die Tupamaros zu Felde, unterstützt von rechten Feme-Organisationen nach dem Muster der brasilianischen "Todesschwadron".
Allein in einer Nacht warfen rechte Rächer elf Bomben gegen Wohnungen bekannter Linker. Die Gruppe "Authentisches Volk Uruguays" veröffentlichte eine Schwarze Liste von 15 "Tupamaros und Verrätern", denen sie "Repressalien" androhte.
In den Sog der Menschenjagd geriet auch das Zentralbüro der KP Uruguays' obwohl sich die Kommunisten stets von den Tupamaros distanziert hatten. Auf der Suche nach Guerillas nahmen Spezialeinheiten der Armee das Parteilokal unter Beschuß und töteten acht unbewaffnete KP-Mitglieder.
Wenig später ermöglichte die Aussage eines mit Elektroschocks gefolterten Gefangenen der Armee ihren wichtigsten Schlag gegen die Rebellen. Im Herzen von Montevideo konnten Spürtrupps eines der legendären Tupamaro-"Volksgefängnisse" ausheben und zwei prominente Gefangene befreien, die dort seit rund einem Jahr festgehalten wurden: einen ehemaligen Landwirtschaftsminister und den Präsidenten des Elektrizitätswerkes.
In weniger als 45 Tagen spürten die Soldaten drei weitere "Volksgefängnissse" auf, hoben insgesamt 50 Schlupfwinkel der Untergrundkämpfer aus und verhafteten 830 von ihnen. Zwei Wochen später hatten sie 364 weitere Tupamaros gefangen.
Der jähe Umschwung zuungunsten der Tupamaros läßt sich nicht nur mit der besseren technischen Ausrüstung der Armee erklären. Wichtiger war, daß die "Armee offenbar das Instrument der Tortur ungleich wirksamer handhabte als die Polizei" (so Fritz René Allemann in "Macht und Ohnmacht der Guerrilla").
Mit Drogen, Schlägen und Elektroschocks wurden "praktisch alle Gefangenen (von Greifkommandos eingelieferte Verdächtige) ungeachtet ihres Alters und Geschlechtes gequält", berichtete ein uruguayischer Offizier 1976 der internationalen Gefangenen-Hilfsorganisation Amnesty International.
"Bei dieser Methode erwischt es natürlich auch Unschuldige", räumte ein argentinischer Kommandoführer, der seit Anfang 1976 gegen Montonero-Freischärler eingesetzt wird, im August gegenüber dem SPIEGEL ein. "Aber wir sind im Krieg, und die Subversiven reden nicht freiwillig."
* Die beiden oberen Photos sind durchgestrichen mit dem Zusatz "morto" (tot).

DER SPIEGEL 39/1977
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